Der Räuber – Prinzenbad

Prinzenbad

| Roman Scheiber |

Sein packender Debütroman „Der Räuber“ wird im Herbst verfilmt, am Drehbuch arbeitete Martin Prinz selbst mit. Im August erscheint sein dritter Roman „Ein Paar“. Eine Montage über Literatur, Läufe und Laufbilder.

Ein Räuber sitzt umzingelt auf einem Berg. Noch ist ihm sein Platz, der finstere Wald, eine Insel. Kalt ist es in der Nacht und sternenklar. Die Straßen rundum füllen sich langsam mit Transportern und Mannschaftswagen. Es ist eine Art von Krieg. Unter dem Mond öffnet sich allmählich eine Gegend voller Grau-, Silber- und heller Schwarztöne. Der Räuber lächelt, wenn er seinen Verfolgern aus der Finsternis zusieht. Ein Räuber kämpft immer an der Seite des Mondes. Er sitzt da und lächelt. Das ist auch Krieg. Jetzt sind wieder die anderen am Zug.

Wer liest, hat Bilder im Kopf. Wer ins Kino geht, für den machen andere die Bilder. Die anderen sind am Zug, Bilder des Romans Der Räuber auf die Leinwand zu bringen. Ausgewählte, über einen flüchtenden Bankräuber geschriebene Passagen in Filmszenen zu verwandeln. Am Zug sind, um nur einige zu nennen: Produzent Wolfgang Widerhofer von der Geyrhalter-Film (die damit ihren kleinen Spielfilmbereich stärken will), Regisseur Benjamin Heisenberg (der mit Coop99 die herausragende Post-9/11-Studie Schläfer gedreht hat) und Markus Binder (besser bekannt als eine Hälfte des Ziehharmonika-Tanzfloor-Duos Attwenger). Binder soll die Titelfigur spielen in der Filmversion des 2002 erschienenen, 130 Seiten kompakten Debütromans von Martin Prinz. Durch dessen – eines „Halblaien“ – Mitwirkung bekomme die Figur des Räubers einen „leicht brechtianischen“ Verfremdungseffekt, meint Prinz.

Johann Rettenberger, 30, aus St. Leonhard am Forst in NÖ, der zuletzt in Wien-Simmering lebte, gilt als sehr intelligent und stammt aus bestem Haus. Seine Familienangehörigen – größtenteils angesehene Akademiker – sind entsetzt. In den St. Leonharder Gasthäusern war Johann Rettenberger bei den sonntägigen Stammtischrunden natürlich Gesprächsthema Nummer 1. Niemand hätte dem unauffälligen und nur in seiner Eigenschaft als guter Sportler bekannten Rettenberger jene ungeheure Serie an Straftaten zugetraut.

Wer zwischen 12. und 16. November 1988 im lesefähigen Alter war beziehungsweise vor dem TV-Gerät saß, kam an der Geschichte vom „Pumpgun-Ronnie“ und seiner Flucht kaum vorbei. Massenmedial begleitet, floh der Bankräuber, der bei den meisten seiner Überfälle eine Reagan-Maske trug, vier Tage lang überwiegend zu Fuß. Im Laufschritt. Martin Prinz befand sich in jenen Tagen im ÖSV-Trainingszentrum Ramsau, wo er alles aufsog, was über die boulevardfüllende „Jagd nach dem Maskenmann“ veröffentlicht wurde. Martin, damals 15-jähriger Nachwuchs-Skilangläufer, war magnetisiert. Immerhin war ihm „Pumpgun-Ronnie“ als Marathonläufer bekannt.

Er hörte bei jedem Schritt den Widerhall seines eigenen Laufens. Ein höhnisches, ein verlorenes Geräusch, in dem er nichts als weiterhasten konnte. Nach den Baumgruppen um den Böhmischen Prater führte ein Feldweg am Zaun des erst kürzlich wiedereröffneten Naherholungsgebiets entlang. Der Schotter hörte auf. Die lehmigen Fahrrillen waren in der Novemberkälte steinhart und federten ihn vom Boden weg. Es war eine Freude, hier zu laufen. So ähnlich musste es auf den Tartan-Bahnen in den großen Leichtathletikstadien sein. Dorthin hatte er es nie geschafft. Ein Wettkampfathlet war nicht aus ihm geworden, das hatte er auch nie werden wollen, sondern immer nur Läufer.

Was aus Martin Prinz werden sollte, wissen wir heute. Er selbst wusste es lange nicht. Sein Großvater mütterlicherseits war 30 Jahre lang Dorfkaiser von Lilienfeld, nahe Traisen, Nieder-österreich. Seine Eltern Lehrer, der Vater aus einer Arbeiter-familie. Mit 17, 18 Jahren beendete Prinz die Sportkarriere und bog nach Wien zum Studieren ab. Schrieb für die Unizeitung, fing an zu rauchen. Mit einem Freund versuchte er, ein Kino zu gründen. Mit 27 ließ er das Rauchen, fing wieder an mit Laufen und Skilanglaufen, diesmal halbprofessionell. Drei Romane, ein Drehbuch, einige Kolumnen für Datum und Reiseberichte für das Standard-Rondo später sitzt er beim ray-Gespräch auf dem Oberdeck des Badeschiffs am Wiener Donaukanal und spricht über den Lustfaktor beim Dauerlauf. Wie ein lang andauerndes Torschussgefühl sei es, sich mit den eigenen Beinen in gleich bleibend hoher Geschwindigkeit zu bewegen, die manch andere nur mit dem Rad erreichen. Prinz trainiert acht bis zehn Stunden pro Woche. Auch 20 Prozent hinter der Siegerzeit eines Marathons gäbe es ein Ziel: „Mit einer Zeit von rund 2 Stunden 45 beim Wiener Stadtmarathon ist man so gut wie allein auf der Strecke, sind die Straßen leer, fast wie in einem Thomas-Glavinic-Wien.“ (In Glavinics Roman Die Arbeit der Nacht wacht der Held in einem Wien auf, aus dem die Menschen verschwunden sind.)

Rettenberger hatte sich endlich freigelaufen. Er tauchte ein in die Landschaft, setzte ohne Hast seine langen Schritte. Leicht kam er so voran, spürte Stolz über die wiedergewonnene Gleichmäßigkeit in seinen Bewegungen. Er lief nicht mehr atemlos, er lief mühelos, das machte ihm eine unheimliche Freude.

Beständiges Tempo mag ein dankbarer Motor für die Kamera, das Drehmoment entscheidend für den Erzählrhythmus sein. Die Essenz eines Romans kann dabei aber schnell auf der Strecke bleiben. Regisseur Heisenberg habe den Roman freigelegt, einzelne Szenen vor Augen gehabt und aus dem Skelett ein Treatment entwickelt. Daraus hat Prinz wiederum ein halbes Drehbuch gemacht. Man hat sich Peckinpahs The Getaway (1972, siehe übrigens Sommerkinotipp Seite 54) und Michael Manns Thief (1981) angeschaut, viel miteinander gesprochen, Szenen aufgeteilt, teilweise parallel geschrieben. Die eigenwillige Montage-Struktur des Romans mit zwischengeschalteten Medienberichten erwies sich als unverfilmbar. Ohnehin geht es Prinz nicht um billige Medienkritik. Die im Roman kursorisch gestreifte Figur der Freundin des Räubers wurde ausgebaut, der Film wird nicht wie das Buch mit der Flucht beginnen. Der Räuber selbst ist differenzierter gestaltet als im Roman, ihm wird auch „mehr Ruhe“ gegeben. „Man muss einen Schritt weg machen, um dann näher dran zu sein“, sagt Prinz.

Im höchsten Tempo, das sein Wagen zulässt, fährt Rettenberger auf der Autobahn dahin. Es ist noch immer kein Fliegen, vielmehr ein sattes, vom Wunsch nach noch größerer Geschwindigkeit gedrängtes Schlagen nach Befreiung. Rettenberger drückt das Gaspedal durch, alles weitere ist eine Sache des Motors, des Geländes, sogar des Windes. Doch selbst die Luft scheint ihm eingedickt, die ganze Gegend zerfließt im diesigen Licht des Hochnebels; eine ruhige, stumme Zeitlosigkeit, die nie zu einem Rückenwind werden kann.

Dass verschiedene Medien sich verschiedener Erzählrhythmen und verschiedener Illusionsmöglichkeiten bedienen, ist allgemein bekannt und jedenfalls kein Wunder. Wenn Martin Prinz über diese Themen spricht, hört sich das so an: „Vorstellungsräume müssen syntaktisch richtig platziert und tempiert sein.“ Oder: „Beim Buch liegt die Sinnlichkeit woanders versteckt. Es gibt hier die ständigen Atembewegungen und einen Grundbeat, mit immer heftigerem Ausschlagen, wo es um Sehnsucht geht.“

Die Waffe, die Leute, die Stille; Rettenberger stellte seine Forderung in den Raum wie immer. Der jeweilige Satz war egal. Mit dem Gewehr in der Hand brauchte er ihn vermutlich nicht einmal auszusprechen. In diesem Moment war er groß und unantastbar. Sobald die Tasche jedoch gefüllt war und er sich umgedreht hatte, änderte sich das schlagartig. Auch wenn er in diesem Moment die Leute noch erschreckte, war er schon der Verfolgte, eine verschwindende Figur.

Mit Martin Prinz lässt sich trefflich über alles Mögliche parlieren: den österreichischen Marathon-Rekordhalter Gerhard Hartmann, der als „schlampiges Genie“ galt; die Müdigkeit in all ihren Facetten; zweite und siebente Bücher, Verkaufszahlen und Kritiker. Warum das Handwerk des Drehbuchschreibens spannend ist, er aber dennoch keinen eigenen Roman mehr umschreiben würde. Dass er irgendwann einen „Heimatroman“ schreiben wird. Aber vordringlicher ist, noch über das jüngste Buch zu sprechen, das Prinz gerade fertig gestellt hat (und aus dem er am 9. August im Wiener MuseumsQuartier lesen wird). Prinz erzählt darin über das Grubenunglück von Lassing, ohne einen „Lassing-Roman“ geschrieben zu haben. Über den möglichen Ausbruch einer Frau aus ihrer Beziehung, über den Wunsch nach Unbedingtheit, und die Frage, ob dieser mit dem Ende der Liebe verschwindet. Prinz erzählt aus wechselnder Perspektive über Ein Paar und dessen ungewisse Zukunft. Und wer jetzt kein Bild im Kopf hat, aber einen ganz bestimmten Film kennt, darf durchaus an Clint Eastwood und Meryl Streep in The Bridges of Madison County denken.

Rettenberger überlegt, ob Erika sich vorstellen könnte, dass er diesmal nicht zurückkehrt. Er nimmt an, dass sie, aus der Untersuchungshaft entlassen, bald wieder jemanden finden werde. Der nächste durch sein Leben strauchelnde Mann läuft bestimmt direkt in ihre Arme, nicht strahlend vor Glück, aber erleichtert und gut aufgehoben. Vielleicht hat er sie in einigen Momenten doch geliebt. Etwa an dem Tag, als sie ihn als Bankräuber erkannte. Da verlor sie für Augenblicke ihren Glauben an sich selbst. Und in ihrem Weinen war wenigstens eine Spur von Hilflosigkeit. Nur in solchen Momenten hat er genug Kraft für ein Gefühl wie Liebe besessen.