Edward Yang – Aus dem Zentrum der Welt

Aus dem Zentrum der Welt

| Andreas Ungerböck |

Am 29. Juni starb der taiwanesische Regisseur Edward Yang an einer Krebserkrankung – ein herber Verlust für die Filmwelt. Das Werk, das er hinterlässt, ist ebenso schmal wie richtungweisend.

Edward Yang, 1947 geboren in Festlandchina, aufgewachsen in Taiwan, lange Zeit, immer wieder und zuletzt in den USA ansässig, war ein Kosmopolit, in seinem Leben wie in seinen Filmen. Erst mit 30 Jahren entschloss sich der ausgebildete Elektronikingenieur, Filme zu machen, inspiriert von Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes. Dem deutschen Kino blieb er verbunden, drehte seinen Film The Terrorizers (1986) unter dem Eindruck von Reinhard Hauffs Stammheim. Yangs Nähe zu Michelangelo Antonioni war ebenso klar erkennbar wie nie dementiert, vor allem in seinem ersten Langfilm That Day on the Beach (1983).

Gemeinsam mit seinem Regiekollegen und Freund Hou Hsiao-hsien, der in Yangs Taipei Story (1985) die Hauptrolle spielt, und mit dem Drehbuchautor Wu Nien-jen, Protagonist in Yangs letztem Meisterwerk Yi Yi (2000), gilt Yang als Wegbereiter eines „neuen“ taiwanesischen Kinos, das – gemessen an der Größe des Landes und seinem filmischen Output – eine überragende Stellung im modernen Weltkino innehat. Dem marxistischen amerikanischen Theoretiker Frederic Jameson galt es in seiner elementaren Studie The Geopolitical Aesthetic: Cinema and Space in the World System schon 1992 als neues Epizentrum des Kinos. Das war ein Jahr, nachdem Edward Yang mit seinem vierstündigen Epos A Brighter Summer Day international für Aufsehen gesorgt hatte. Es ist sein einziger Film, der in der Vergangenheit spielt, im Taiwan der frühen 60er Jahre: Einparteiensystem, Schuldrill und Allmachtsphanta­sien von der Rückeroberung des Festlandes. In seinen anderen Filmen, besonders den beiden, die er in den 90er Jahren drehte (A Confucian Confusion, Mahjong), beschreibt er die Auswirkungen dieser Politik und einer nachhaltig urbanisierten Gesellschaft, die sich in blindem Fortschritts- und Technikglauben und in bedingungsloser Willfährigkeit gegenüber den US-Schirmherren verloren hat: „These people have so much money stuffed up their ass it’s beyond belief! You know, in ten years this place will be the center of the world. The future of Western civilization lies right here. And you know what the odd thing is? We used to study history – the 19th century was the glorious age of imperialism, right? Just wait till you see the 21st century“, heißt es ebenso markant wie prophetisch in Mahjong. Dennoch ließ Yang zuletzt so etwas wie Hoffnung aufkeimen, eine zusehends vernetzte Welt könne auch neue Möglichkeiten der Kommunikation zulassen. Aus Yi Yi, seinem triumphalen Beitrag zum Cannes-Filmfestival 2000 (Preis für die Beste Regie) spricht eine in seinen Filmen bis dahin ungekannte Wärme, ganz besonders in der tiefen Freundschaft zwischen dem Computerfachmann N. J. und dem japanischen Geschäftsmann Ota.

Edward Yang war ein meisterhafter Beobachter, klar ersichtlich an dem ungeheuren Reichtum an Facetten, die besonders seine beiden Hauptwerke aufweisen, ein großer Humanist, trotz des oft schneidend kalten Untertons seiner Gesellschaftsstudien, und ein großer Rock’n’Roller. Musik spielt in seinen Filmen stets eine zentrale Rolle, nicht zuletzt in der verballhornten Zeile aus Elvis Presleys Are You Lonesome Tonight im Titel von A Brighter Summer Day und dem aus dem Jazz übernommenen A One and a Two (so der englische Titel von Yi Yi). Seine Filme sehen zu können ist allerdings ein schwieriges Unterfangen: Außer Yi Yi gibt es keinen davon auf DVD – ebenso traurig wie absurd.