In den USA haben Sender, Autoren und Filmstars das kreative Potenzial von TV-Serien neu entdeckt.
Telenovelas, Daily Soaps, Quiz und Casting Shows. Viel mehr hat das gegenwärtige deutschsprachige Fernsehprogramm nicht parat. Vergleicht man es mit dem Programm vor 30 Jahren, als Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder Serien wie Acht Stunden sind kein Tag (1972/73) inszenierten, Tom Toelle mit Filmen wie Das Millionenspiel (1970) verstörte und in Österreich Franz Novotny & Co das Fernsehpublikum aufmischten, muss man heute einen Rückschritt an Innovation und Provokation konstatieren.
Ausgerechnet im Mutterland des seichten medialen Entertainments nimmt man die kreativen Chancen des Fernsehens gänzlich anders wahr. In den USA fungieren mittlerweile Autoren wie Amy Brenneman (Judging Amy), David Shore (House M.D./Dr. House) oder Josh Schwartz (The O.C./O.C., California) gleichzeitig als Produzenten ihrer eigenen Serie. Statt auf Action oder plumpe Handlungsstränge setzen sie auf möglichst eigenwillige Charaktere und ungewöhnliche Plots, in denen sie etwa der Frage nachgehen, was einen schmerzmittelabhängigen Menschenfeind wie Dr. House dazu treibt, als Arzt zu arbeiten, oder wie es eine alleinerziehende Mutter (Mary-Louise Parker in Weeds) zu Wege bringt, Cannabis-Kleinhandel und Kindererziehung miteinander zu vereinbaren. Diese Drehbuchautoren und Produzenten, zu denen auch David E. Kelley (Ally McBeal, Boston Legal) zählt, der ehemalige Zögling des allmächtigen Produzenten Aaron Spelling, betrachten Fernsehserien nicht als billige Konfektionsware im Gegensatz zur Kunstform Kino, sondern als eigenständiges Medium mit immanentem kreativen Potenzial, dank dessen man kleine Feinheiten und Nuancen in Plots und Charaktere einflechten kann, die sich sukzessive über mehrere Folgen herauskristallisieren und dem Geschehen eine Ebene verleihen, die weit über gängige Handlungsmuster hinaus weist. Ein dramaturgisches Mittel, das Kino- oder Fernsehfilmen (zumindest jenen, die nicht auf Sequels angelegt sind) schon auf Grund ihres gedrängten Zeitrahmens verwehrt bleibt.
Popzitate
Andere Serien ziehen durch popkulturelle Referenzen eine zusätzliche Rezeptionsebene ein. Das beste Beispiel dafür ist die Dramaserie Gilmore Girls, in deren Mittelpunkt die allein erziehende Lorelai Gilmore (Lauren Graham) und ihre Tochter Rory (Alexis Bledel) stehen. Konzipiert und produziert von Roseanne-Autorin Amy Sherman (die auch bei manchen Folgen Regie führt), wirkt Gilmore Girls auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Vorabend-Drama-Serie, in der sich alles um eine amerikanische Kleinfamilie und deren Konflikte dreht. Doch bereits nach wenigen Folgen wird deutlich, dass hier nicht nur ein atypisches Familienmodell präsentiert wird (alleinerziehende Mutter, mit 16 Jahren schwanger geworden, hat dennoch eine wohlerzogene und erfolgreiche Tochter), sondern die Serie auch mit einer Menge popkultureller Anspielungen gespickt ist, die über die Handlung hinausweisen. So heißt Lorelais Hund nach dem amerikanischen Crooner Paul Anka, Rorys beste Freundin Sookie spielt mit ihrer Punkband im legendären New Yorker Club CBGB’s, wo sie im Backstagebereich wiederum auf eine Widmung der angesagten Rockband The Strokes trifft.
Auch in der Teenieserie The O.C. (O.C. California) bietet die Handlung nur den Rahmen, um über die neue Platte der Indieband Death Cab For Cutie zu diskutieren oder einem Auftritt von The Killers beizuwohnen. Selbst erfolgsverwöhnte Bands wie die Beastie Boys launchen ihre neue Single nicht mehr im Radio oder Musikfernsehen, sondern in The O.C. Ob Comics, Musik oder Popliteratur: Serien wie Gilmore Girls und The O.C. gliedern sich in popkulturelle Referenzsysteme ein und entwickeln sich von Zitatmaschinen allmählich selbst zu einem Teil des Spezialistentums. Was Matt Groening in der Zeichentrickserie und nun auch im Kinofilm The Simpsons beispielhaft perfektionierte, nämlich mit Nischenwissen zu spielen und damit eine bestimmte Klientel anzusprechen, hat Einzug gefunden in den amerikanischen Fernsehalltag. Dieser wird nun nicht mehr von aufgestylten Vorstadtmädchen mit Lipgloss regiert, sondern von Jugendlichen aus der Raucherecke, die Comics lesen und auf Konzerte der Arctic Monkeys gehen.
Hollywood meets TV
In Gang gesetzt hat den Qualitätsschub der Pay-TV-Sender Home Box Office, kurz HBO (The Sopranos, Sex and the City, Six Feet Under). Wo bis vor kurzem die bigotten Moralvorstellungen eines Aaron Spelling vorherrschten (der extrem konservative Teenie-Klassiker wie Melrose Place oder Beverly Hills 90210 schuf), wird nun nichts weniger als ein Weltbild des 21. Jahrhunderts gepflegt.
HBO-Serien zeigen interessante Charaktere und blicken hinter die Kulissen, wo Missstände und Verlogenheit herrschen. Des Senders Mut zu Innovation und Gesellschaftskritik zeigt sich erneut in der Serie Big Love, deren Dreh- und Angelpunkt die zwar recht bürgerlich wirkende Familie Henrickson ist, die allerdings fröhlich der Polygamie frönt. Ehemann Bill (Bill Paxton), geplagt von den sexuellen Bedürfnissen seiner drei Angetrauten, bleibt nur noch der Griff zu Viagra, um allen gerecht zu werden. Das Setting spielt eindeutig auf die mormonische Lebensweise an, in der die Vielweiberei zwar offiziell abgeschafft, unter vorgehaltener Hand jedoch immer noch praktiziert wird. Die Proteste der mormonischen Gemeinde der USA waren programmiert: Der vermeintliche mormonische Oberguru der Serie hat neben zig weiteren nicht nur einen Teenager zur Ehefrau, sondern ist auch hinter dem Geld seiner Anhänger her. Wohingegen seine treu gläubige Tochter, die mit besagtem Bill Henrickson befreundet ist, ihren wachsenden Frust nicht mit Gebeten, sondern durch Shopping bekämpft. Big Love arbeitet auch die prüde Doppelmoral der amerikanischen Gesellschaft heraus, die zwar Geschlechtsteile im Fernsehen retuschiert haben will, jedoch kein Problem damit hat, wenn sich zehnjährige Mädchen in Miniröcken und Netzstrumpfhosen auf Schönheitswettbewerben vor einer Horde Erwachsener präsentieren.
Angesichts der steigenden Qualität wird die Liste der Schauspieler, die neuerdings in Fernsehserien mitwirken, immer länger und glamouröser. Meryl Streep, Al Pacino, Ed Harris, Emma Thompson, Steve Buscemi, Ray Liotta, James Woods, Patricia Arquette, Holly Hunter, Glenn Close: Hollywoodstars go Television. Nicht nur HBO, sondern auch andere Sender locken längst erfolgreich Stars, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch Nase rümpfend Serienabsagen erteilten.
Glenn Close spielt in der neuen FX-Networks-Serie Damages eine engagierte Anwältin, die für die Rechte von 5000 geprellten Arbeitnehmern eintritt (siehe auch folgende Geschichte). Holly Hunter, oscarprämiert für The Piano, übernimmt in der neuen TNT-Serie Saving Grace die Rolle einer überdrehten Polizistin. Patricia Arquette steht in der NBC-Serie Medium im Mittelpunkt des Geschehens, und Steve Buscemi ließ es sich nicht nehmen, eine Gastrolle in The Sopranos zu übernehmen und sogar bei einigen Folgen Regie zu führen. Bis heute verdienen die Stars ihre ersten Sporen oft in Fernsehserien, um dann ins ersehnte Kinofach zu wechseln, doch etabliert sich allmählich ein System der gegenseitigen Durchdringung von Kino- und Fernsehindustrie.
Serienbrache Germany
Auch in der kommenden TV-Saison setzen die deutschen Fernsehsender wieder auf US-amerikanische Importe: ProSieben etwa wird neben neuen Staffeln von Desperate Housewives und Grey’s Anatomy die neue Drama-Serie Brothers and Sisters mit Ally McBeal-Star Calista Flockhart präsentieren. Wie lange die Sender noch auf US-Serienware vertrauen, bleibt indes abzuwarten, denn die meisten finden im deutschsprachigen Raum deutlich weniger Anklang als im Entstehungsland. Lediglich tatortspurenverliebte und effektorientierte Krimiserien wie CSI erwecken das nachhaltige Interesse des deutschsprachigen Fernsehzuschauers, wohingegen ProSieben mit seinen ambitionierten amerikanischen Serien stetig um die Quote kämpft. Nicht zuletzt, weil immer mehr qualitätsbewusste Zuschauer Serien vorab im Netz erwerben oder als DVD-Boxen kaufen, um lange Wartezeiten auf die nächste Folge zu vermeiden oder um die Originalversion zu sehen. Andererseits aber auch, weil vielen Sehern der kulturelle Bezug zur heimischen Lebenswelt fehlt. Deshalb neigen die europäischen Sender neuerdings dazu, erfolgreiche ausländische Serienkonzepte für den jeweiligen Sprachraum zu adaptieren, etwa im Fall der englischen Büroserie The Office, auf die landestypischen Gegebenheiten der deutschsprachigen Länder umschreiben zu lassen (Stromberg).
Nur selten werden im deutschsprachigen Fernsehen Versuche gestartet, eigenständige Serien zu konzipieren. Austauschbare Soaps und Comedys dominieren das Programm, Verstöße gegen die Political Correctness sind rar. Eine dieser raren Ausnahmen stellt die ARD-Vorabendserie Türkisch für Anfänger dar, die eine deutsch-türkische Patchwork-Familie porträtiert und keine Gelegenheit auslässt, mit Klischees und Vorurteilen gegenüber in Deutschland lebenden Türken zu spielen. Türkisch für Anfänger mag im Vergleich zu einer US-Serie wie Big Love wie ein seichtes Melodram für Anfänger wirken. Doch immerhin zeigt die ARD damit, dass es fernab von Liebeskitsch und Action (für Österreich auch: fernab dröger Alltagscomedy) ausreichend endemische Stoffe gibt, die das gewohnte serielle Dauerkopierverfahren außer Kraft setzen könnten.
