Dossier Fernsehserien – To Be Continued

To Be Continued

| Holger Römers |

Serielles Erzählen in seiner aktuellen Spielart: Mit „serialized dramas“ versuchen sich die Networks an einem riskanten TV-Subgenre.

Wie 24 mehrfach bewiesen hat, kann eine TV-Serie einen suspenselastigen Handlungsbogen über eine ganze Staffel spannen, ohne dass der Publikumszuspruch notwendigerweise verebbt. Dass auch die Quoten von Lost mehrere Staffeln lang (bis zur jüngsten) unvermindert hoch blieben, mochte gar Anlass zur Spekulation geben, ob die Auflösung einer mysteriösen Serienhandlung – ganz im Sinn von David Lynchs kultigem Twin Peaks-Konzept – auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden könnte. Klarer schon war die Prognose, dass Lost-Stars als Werbetestimonials engagiert werden würden (Matthew Fox etwa lächelt neuerdings für den L’Oreal-Konzern). Und glasklar war es, dass die amerikanischen TV-Networks versuchen würden, ein erfolgreiches Format wie Lost in großer Zahl zu kopieren. In der vergangenen Fernsehsaison war es dann so weit: Die Sender schickten fast ein Dutzend so genannter serialized dramas an den Start, deren einzelne Episoden jeweils keine abgeschlossenen Geschichten erzählten.

Dass es für diese Formate durchaus historische TV-Vorbilder gibt, führte die Serie Runaway vor Augen, die Dr. Kimble – Auf der Flucht variierte, indem sie einen Mordverdächtigen samt Kleinfamilie vor dem FBI fliehen ließ. In auffallend vielen Fällen schien hingegen eher das Kino bei der Stoffentwicklung Pate gestanden zu haben. Die Figuren und die Grundkonstellation von Smith riefen zum Beispiel Filme von Michael Mann in Erinnerung: Wie in Thief und Heat stand ein wortkarger, kaltblütiger Profiräuber im Zentrum, der mit dem Gedanken ans Aussteigen spielte und sich zugleich mit dem Problem konfrontiert sah, die beruflich gebotene Heimlichtuerei mit den Ansprüchen einer privaten Beziehung zu vereinbaren.

Im Fall von Kidnapped waren die Kinoreferenzen weniger konkret, doch die Serie weckte Assoziationen an unterschiedliche Filme, in denen – wie erstmals vor 100 Jahren bei D.W. Griffith – ein Thriller-Plot durch die Entführung eines Kindes in Gang gebracht wurde. Während sich ein Privatdetektiv und FBI-Leute bei der Suche nach dem verschwundenen Sohn eines dubiosen Multimillionärs in die Quere kamen, fiel zudem das Bemühen um einen besonders „filmischen“ Look auf: In der Serie wurden, auch wenn es dramaturgisch nicht immer geboten war, regelmäßig Filmmaterial, Farben und Abspielgeschwindigkeit manipuliert. Und wie in Smith, wo Ray Liotta die Titelfigur spielte, waren auch in Kidnapped Hauptrollen mit Darstellern wie Timothy Hutton oder Delroy Lindo besetzt, die man eher aus dem Kino als aus dem Fernsehen kennt. Noch direkter war der Kinobezug schließlich bei Day Break: Wie in Täglich grüßt das Murmeltier musste ein Polizist regelmäßig denselben Tag stets von Neuem erleben, wobei er sich vor die Aufgabe gestellt sah, peu à peu eine politische Intrige aufzudecken, die gezielt einen Mordverdacht auf ihn lenkte und seine Freundin mit dem Tod bedrohte.

Nachhaltige Aufmerksamkeit

Freilich sind all diese Serien in den USA schon wieder vergessen, weil sie gleich nach wenigen Wochen abgesetzt wurden. Die meisten neuen serialized dramas entpuppten sich als veritable Quotenflops, weshalb die Washington Post ihre Leser spöttisch fragte: „Also, wenn dies das Jahr der serialized dramas sein soll – was ist los, Leute? Warum schaut ihr nicht zu?“ Die New York Times verwies zur Erklärung auf die gesteigerte Aufmerksamkeit, die solche Formate langfristig vom Publikum einfordern. Eine Karikatur zeigte einen fiktiven Vertrag, der den Zuschauern von vornherein die Selbstverpflichtung abverlangte, komplette Staffeln anzusehen. Wer auch nur eine einzige Folge verpasse, so lautete eine ironische Vertragsklausel, trage die volle Verantwortung, wenn eine Serie danach unverständlich werde.

Dieser Fall konnte zum Beispiel schnell eintreten, wenn man von Vanished die allerersten Folgen verpasste. Auch am Anfang dieser Serie stand eine Entführung (einer Politikergattin), wobei vor dem Hintergrund einer Politintrige gleich so viele Komplikationen angehäuft wurden, dass das verspätete Einsteigen unmöglich schien. Auch die Konstellation von Six Degrees – sechs einander unbekannte New Yorker sind schicksalhaft miteinander verbunden – war wohl nur für jene nachzuvollziehen, die brav von Beginn an wöchentlich einschalteten. Sonst blieb bloß zu erahnen, dass die banal anmutenden parallelen Erzählstränge dieser vom Lost-Erfinder J.J. Abrams produzierten Serie etwas miteinander zu tun hatten.

Persönliche Zeiteinteilung

Besonders viel verlangte allerdings eine im Vorfeld als potentieller Quotenhit gehandelte Produktion dem Publikum ab: The Nine kreist um eine Geiselkrise, die vor Beginn des eigentlichen Plots ihr Ende gefunden hat. Doch obwohl das Verhalten aller Figuren von eben diesem traumatischen Erlebnis bestimmt wurde, lässt die Serie ihre Seher genau darüber zunächst im Dunkeln. Die Idee, dass sich erst aus Rückblenden erschließen soll, was in den fatalen Stunden nach einem gescheiterten Bankraub passiert war, trägt womöglich einen zweistündigen Kinofilm; wer die Geduld mitbrachte, die Handlung (bis zur Absetzung) im Wochenrhythmus am Bildschirm zu verfolgen, musste die komplizierte Erzählstruktur indes als ebenso provokant empfinden wie die Banalität der sukzessiven Enthüllungen.

Erzählstrukturen solcher Art führen das Serienformat in gewisser Weise ad absurdum. Wahrscheinlich sind einige dieser Serien bereits mit dem Gedanken an die verlängerte Verwertungskette entwickelt worden, denn am einfachsten lassen sich die Wendungen solch langgestreckter Handlungsbögen in persönlicher Zeiteinteilung verfolgen, sprich: sobald eine ganze Staffel auf DVD erhältlich ist. Nicht zufällig ist der DVD-Markt für TV-Serien erst mit 24 richtig in Schwung gekommen. Die meisten der jüngeren serialized dramas erfüllten allerdings nicht die Grundvoraussetzung für eine DVD-Veröffentlichung – nämlich eine passable Quote – und landeten stattdessen im Internet. Die Sender sahen sich ohnehin genötigt, die jeweils zuletzt ausgestrahlten Folgen online anzubieten, damit Zuschauer nicht gleich den Faden verloren, wenn sie eine Episode verpassten. NBC bot darüber hinaus auf seiner Website weitere Folgen von Kidnapped an, um die wenigen treuen Fans, die die Serie vor der Absetzung fand, nicht ganz um die Auflösung zu prellen. Den geplanten Schluss von Smith reichte CBS wiederum, zusätzlich zu vier nicht mehr ausgestrahlten Folgen, schriftlich im Netz nach.

Dieses Schicksal blieb The Black Donnellys immerhin erspart. Die von Paul Haggis, dem erfolgreichen Filmdrehbuchautor und Regisseur des oscarprämierten Episodendramas L.A. Crash entwickelte Serie weckt in Figuren- und Milieuzeichnung Scorsese-Assoziationen von Mean Streets bis The Departed, jedoch leider nur anfangs. Der Protagonist der Schmalspur-Gangsterballade, in einer irischen Enklave New Yorks angesiedelt, wird von katholischen Schuldkomplexen geplagt und gerät wegen der Dummheiten seines unkontrollierbaren Bruders auf die Mafia-Karriereschiene. Das mochte man freilich keinem der Darsteller so richtig abnehmen. Und eine ironische Rahmenhandlung, in der ein notorisch unzuverlässiger Erzähler auftritt, nervte das Publikum zuverlässig, weshalb die miserablen Quoten der heftig beworbenen Serie durchaus folgerichtig scheinen.

Beharrlich leichte Kost

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die einzigen neugestarteten serialized dramas, die sich als überraschende Zuschauererfolge entpuppten, nicht den Vergleich mit dem Kino herausforderten. Die Dramaturgie, die Musik und der gesamte Look der Serie Jericho, die inzwischen von ProSieben ausgestrahlt wird, scheinen der Ästhetik billiger Direct-to-Video-Actionfilme nachempfunden. Das Geschehen, das sich vor dem Hintergrund einer mysteriösen Atombombenexplosion in einem fiktiven Kaff im mittleren Westen abspielt, lockte trotzdem regelmäßig etwa neun Millionen Zuschauer vor den Bildschirm – bis die Quoten nach einer Sendepause absackten.

Dass auch die Handlung des einzigen veritablen Quotenhits im neuen Seriengenre von einer Atombombenexplosion auf heimischem Boden angetrieben wird, mag Hinweise darauf geben, was im kollektiven Unbewussten des US-Publikums gärt. Während wir es inzwischen gewohnt sind, dass Hollywoods Blockbuster mit der Ambiguität politischer Subtexte kokettieren, liegt der entwaffnende Reiz von Heroes allerdings gerade darin, dass die sorgfältig gemachte, aber auch formal unprätentiöse Serie sich beharrlich als leichte Kost ausgibt: Ein halbes Dutzend scheinbar normaler (wenn auch mehrheitlich junger und gutaussehender) Menschen entdeckt Superkräfte, zu denen unter anderem die Fähigkeit eines japanischen Nerds gehört, sich in die Zukunft zu teleportieren. Dabei wird Hiro in New York Zeuge der besagten Katastrophe, die er anschließend – wieder in der Gegenwart – zu verhindern sucht. Dass er zu dem Zweck einen Comiczeichner einspannt, dessen Bilder verlässlich Zukunftsszenarien darstellen, macht den selbstreferenziellen Charakter des Stoffes deutlich, der zudem Vorbilder aus historischen Comics aufgreift. Die Suche nach komplexen Subtexten kann man sich bei dieser Serie (die im Oktober bei RTL startet) dennoch sparen.

Helden per Online-umfrage

Für kommendes Frühjahr ist in den USA ein Ableger dieser Serie angekündigt, der weitere Heldenfiguren einführen will, von denen dann eine per Online-Umfrage auserwählt werden soll, im Lauf der zweiten Staffel von Heroes dem Stammpersonal angegliedert zu werden. Weitere serialized dramas sind für die nächste Saison nicht geplant, der Sender ABC ventilierte gar mehrfach, von dem Format vorerst genug zu haben. Umso ironischer, dass auf dem Kabelkanal FX jüngst ein serialized drama Premiere hatte, dessen erste Folgen vielversprechender waren als die aller hier erwähnten Serien. Die Ausgangskonstellation von Damages lässt an eine Mischung aus Die Firma und The Devil Wears Prada denken: Eine junge Anwältin wird von einer hochkarätigen Kanzlei angestellt, deren ebenso herrische wie eiskalte Leiterin (Glenn Close) einen Prozess gegen einen mutmaßlich betrügerischen Milliardenbankrotteur anstrengt. Dabei schafft eine Rahmenhandlung, in der die Nachwuchsanwältin verstört einen Leichenfundort verlässt, zusätzliche Spannung und setzt dem langfristigen Handlungsbogen einen überschaubaren Zeithorizont, weil sie den Plotbeginn um ein halbes Jahr zurückdatiert.

Was die jüngst gestartete, erste Serien-Produktion des Spielfilmkanals AMC betrifft, will man vorerst nicht an ein Ende denken: Mad Men ist ein Musterbeispiel dafür, wie nuanciert aktuelle TV-Produktionen im besten Fall sein können. Die von Matthew Weiner (einem Autor und Produzenten von The Sopranos) kreierte Serie, in deren Zentrum eine Werbeagentur im New York der frühen 1960er Jahre steht, evoziert subtil das entsprechende Zeit- und Lokalkolorit, ohne jemals im Ausstattungscharakter hängen zu bleiben. Die Dialoge schockieren mit zeittypischen Sexismen und Rassismen, wirken dabei aber alles andere als kokett. Vielmehr handelt es sich um Symptome einer Entfremdung, derer sich der Protagonist allmählich bewusst wird, weshalb man die Serie auch als unterkühlte Variation von Far from Heaven lesen kann. Douglas Sirk lässt grüßen, doch wo das hinführen mag, ist noch nicht abzusehen. Die ersten Folgen von Mad Men boten immerhin einen weiteren Beweis, dass im US-Fernsehen – trotz der Rückschläge der letzten Saison – das serielle Erzählen derzeit eine Blüte erlebt.