Beim 12. Transilvania International Film Festival in Cluj Napoca konnte man cineastische Perlen entdecken
Obwohl einzelne rumänische Filme immer wieder Preise auf internationalen Festivals gewinnen, so zuletzt Călin Peter Netzers Mutter und Sohn (Pozitita Copilului) den Goldenen Bären in Berlin, ist das rumänische Kino in Westeuropa doch weitgehend unbekannt. Um die Vielfalt des lokalen Filmschaffens zu entdecken, lohnt sich die Reise zum Transilvania International Film Festival nach Cluj, wo die Wettbewerbsreihe Romanian Days aktuelle rumänische Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme zeigt, und zwar immer auch mit englischen Untertiteln für die internationalen Gäste des Festivals. Dan Chişus Déjà vu ist bis an die Schmerzgrenze konsequent aus dem Blickwinkel des alternden Hauptdarstellers gefilmt, was als visuelles Experiment in Spielfilmlänge vor allem anstrengt. Meistens wirken die Dialoge zwischen dem frisch getrennten Ehemann und seiner langjährigen, neurotischen Geliebten in ihrer Realitätsnähe jedoch fast dokumentarisch, bevor die Situation im dritten Akt in eine Art absurde Screwballkomödie umschlägt. Das muss man nicht mögen, aber man kann es respektieren. Weniger gelungen dagegen ist Tom Wilsons Debut Experimentul Bucureşti (The Bucureşti Experiment), eine holprig inszenierte und eher schlampig geschriebene Mockumentary, die die psychologische Vorbereitung der Geheimpolizei auf die freie Marktwirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch des Ceauşescu-Regimes endlich aufdecken will und das außerhalb des Heimatmarktes eher wenig Appeal haben dürfte. Die Kurzfilme, großteils aus den Filmschulen des Landes, geben einen guten Überblick über die kommende Generation. Das Festival glaubt fest an die Zukunft des rumänischen Films, was angesichts der immer schwieriger werdenden Finanzierungssituation in Rumänien bitter nötig ist – auch hier verabschiedet sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit offizieller Duldung aus seiner Verantwortung dem Kino gegenüber und investiert zukünftig anstatt 19% nur noch 4% seiner Werbeeinnahmen in Kinospielfilme.
Das Festival arbeitet erfolgreich daran, das einheimische Publikum ins Kino zu locken, und es betreibt mit seinem Wettbewerb mit Spielfilmdebuts und zweiten Filmen, dem ambitionierten und thematisch sortierten Arthouse-Programm, den Retrospektiven und Länderschwerpunkten nicht zuletzt Filmbildung. In den meisten Reihen finden sich wahre Perlen, wie die digital restaurierte Fassung von Štefan Uhers wunderbarem Klassiker Slnko v sieti (The Sun in a Net) von 1962 im Focus Slovakia oder der 159-minütige Director’s Cut von Joshua Oppenheimers beklemmender Aufarbeitung der Massenmorde der indonesischen Militärdiktatur The Act of Killing in der Reihe No Limit. Selbst die Filmmarathons, in denen dieses Jahr Ulrich Seidls Paradies-Trilogie und Olivier Assayas’ Carlos-Miniserie jeweils am Stück gezeigt wurden, finden in der Universitätsstadt Cluj passionierte Fans.
Neben der Regie feiert das TIFF auch Schauspielerinnen und Schauspieler, und dieses Jahr galt das mehr denn je. Das Gesicht der 12. Edition des Festivals ist die Preisträgerin des diesjährigen Excellence Awards, Luminița Gheorghiu, bekannt durch Cristi Puius Filme, aber auch in Hanekes Code inconnu und zuletzt als dominante Übermutter in Mutter und Sohn zu sehen. In zehn wunderbar reduzierten Szenen, die als wechselnde Festivaltrailer wie Fragmente eines Spielfilms wirken, hat Puiu seine Lieblingsschauspielerin Gheorghiu vor allem in Wartesituationen inszeniert.
Als nachdrücklichen Beweis für seinen Glauben an die Kraft des rumänischen Kinos hat das Transilvania International Film Festival übrigens seine Lucian-Pintilie-Retrospektive aus dem Jahr 2011 dieses Jahr unter dem Titel „Pintile Cineas“ als DVD-Box veröffentlicht – denn es gibt für die internationale Filmwelt in Rumänien noch einiges zu entdecken. Nicht zuletzt das Festival selbst, das aus der Ferne kleiner wirkt, als es sich dann vor Ort entpuppt.
