In „Keine Insel“ sprechen die Palmers-Entführer von 1977 erstmals ausführlich über ihre Tat. Verständlich machen können sie diese nicht. Entscheidende Fragen werden immerhin gestellt.
Ja, auch der österreichische Linksterrorismus der siebziger Jahre hat seine ikonische Szene. Als Erinnerungsort revolutionsromantischer Verklärung taugt sie freilich nur bedingt, im Grunde hängt ihr eine gewisse Lächerlichkeit an. RAF-Schick schaut anders aus. Wien, am 13. November 1977. In Deutschland ist Herbst, in Österreich irgendwie auch. Vier Tage zuvor wurde der Unterwäsche-Industrielle Walter Michael Palmers entführt. Wiens linke Szene sitzt in ihrem Stammlokal, dem Café Dobner an der Wienzeile. Ein Genosse nach dem anderen geht zum Münztelefon, wählt die Nummer, unter der die Polizei den Anruf eines der Palmers-Entführer abspielt. Kopfschütteln, Ratlosigkeit. Wie kann man bloß so dämlich sein? Die Stimme des Entführers, das war allen klar, gehörte Thomas Gratt; unverkennbar der Vorarlberger Dialekt des Theaterwissenschaftsstudenten und RAF-Sympathisanten. Die angeblich kriminelle Entführung: eine politische Aktion? Bewaffneter Kampf in Österreich? Warum auch nicht? Bundeskanzler Kreisky gab die Metapher vor: Österreich sei eben „keine Insel“, auch nicht in terroristischen Belangen.
Dreißig Jahre später – in Österreich ist schon wieder Herbst, schon wieder prägt Terror die Nachrichten, schon wieder sprechen Experten von Inseln – nimmt sich ein Dokumentarfilm der Palmers-Entführer an: Thomas Gratt, Othmar Keplinger und Reinhard Pitsch diktieren Alexander Binder ihre Version der damaligen Ereignisse in die Kamera: Pitsch philosophisch verschwurbelt, Keplinger abgeklärt, Gratt noch immer an der Vergangenheit verzweifelnd. Nicht lange nach den Aufnahmen nimmt er sich das Leben. Ein patschertes Leben.
Als historisches Dokument hat Keine Insel durchaus seine Meriten: Zum ersten Mal sprechen die Beteiligten (neben Gratt, Keplinger und Pitsch kommt auch die Hamburger Ex-Terroristin Gabriele Rollnik zu Wort) ausführlich über ihre Tat, deren Zustandekommen, ihr Scheitern. Die interessanteste Frage, nämlich wie es dazu kommen konnte, dass drei junge, revolutionär gestimmte Männer Anfang zwanzig ihre Existenz für eine „Geldbeschaffungsaktion“ zu vermeintlich politischen, aber weitgehend nebulösen Zwecken aufs Spiel setzten, bleibt dennoch ungeklärt. Schon in den ersten Minuten spricht Gratt von der Schwierigkeit, in filmtauglicher Kürze zu erklären, was sich über Jahre hinweg entwickelte und in wenigen Tagen Klimax und Ende fand. Keine Insel überwindet diese Schwierigkeit bis zuletzt nicht. Das Umfeld des österreichischen Linksterrorismus, die (politische, journalistische, populäre) Kultur, das Milieu, in dem sich die Palmers-Entführer bewegten, aus dem ihre Tat erst erklärbar wird, bleibt weitgehend im Ungewissen. Nur spärlich setzt Binder historisches Material ein, nur eine Handvoll Zeitgenossen kommt neben den Tätern zu Wort. Fast scheint es, als sei die Palmers-Terrorzelle tatsächlich so etwas wie eine Insel gewesen, abgeschieden von ihrer Umwelt. Umso schockierender die letzten Sekunden des Films, in denen, unvermittelt, Bilder von Bergen zu sehen sind, von Straßen, von einem Grenzbalken. In diesen letzten Sekunden wird mit äußerster Wucht klar, dass da noch etwas anderes ist, außerhalb der Stadtguerilla-Welt – die richtige Welt nämlich; jene Welt, die Gratt, Keplinger und Pitsch verändern wollten, wobei sie auf so lächerliche Weise scheiterten. Weshalb sie bis heute auf ihrer eigenen, kleinen Insel sitzen, auf der noch immer, weitgehend unreflektiert und -hinterfragt, vom bewaffneten Kampf die Rede ist, vom Schweinesystem und dergleichen, als wäre seitdem nichts geschehen.
Womöglich ist die eigentliche Frage, die Keine Insel stellt, doch nicht die nach den Tatumständen, sondern diese: Wie normal ist es, sich zu verändern? Und was heißt das noch mal: Veränderung? RAF-Schick schaut anders anders aus. Gut so.
