Still Life – Der neugierige Skeptiker

Der neugierige Skeptiker

| Andreas Ungerböck |

Jia Zhangke beweist mit seinem fünften Spielfilm Still Life nachdrücklich, dass er der derzeit wichtigste Regisseur des chinesischen Festlandes ist.

Es gibt im internationalen Kino – vom Hollywood-Blockbuster bis zum ethnografischen Film über ostmongolische Hochzeitsbräuche – nur eine, vielleicht zwei Handvoll Stimmen, die das permanente Getöse aus Fließbandproduktion, Marktschreierei und Festival-Hype lautstark übertönen und den Film, dringend notwendig, vorantreiben. Einige davon stammen aus Asien: Ang Lee, ganz ohne Zweifel, Apichatpong Weerasethakul und – Jia Zhangke. Der 1970 in der Kleinstadt Fenyang in der vor allem ihrer reichhaltigen Kohlevorkommen wegen bemerkenswerten westchinesischen Provinz Shanxi geborene Jia, der zunächst Malerei studierte, ehe er an der berühmten Filmakademie in Beijing 1997 seinen Abschluss machte, führt fast im Alleingang das Erbe der satt und/oder müde gewordenen Fünften Generation festlandchinesischer Filmemacher (Zhang Yimou, Chen Kaige u. a.) fort. Natürlich gibt es in dem riesigen Land immer wieder hervorstechende Talente, aber ein derart nachhaltiges Schaffen auf höchstem Niveau, und das seit nunmehr zehn Jahren, kann nur Jia vorweisen.

Veränderung

1998 tauchte er mit Xiao Wu (Pickpocket) beim Berliner Filmfestival auf und streifte dort gleich zwei namhafte Preise ein. Die Geschichte eines „Modernisierungsverlierers“, eines kleinen Taschendiebes, der es im Unterschied zu seinen Jugendfreunden nicht geschafft hat, aus seinem Leben etwas zu machen, ist von bestechender Einfachheit, Klarheit und Präzision; ein „kleiner“ Film, fast ohne Budget mit Freunden in der Heimatstadt Fenyang gedreht – und doch von umwerfender Wirkung. Hauptdarsteller Wang Hongwei, seither in jedem Film Jias dabei, wirkt mit seiner liebenswerten Ungeschicklichkeit und seiner Hornbrille wie ein später Woody Allen aus Take the Money and Run, der englische Titel Pickpocket erinnert an den gleichnamigen Film von Robert Bresson, ebenso wie Jias Herangehensweise, die stilistischen Mittel und die Arbeit mit Laien.

Doch Jia Zhangke, das war sofort klar, ist kein Epigone und begann spätestens mit seinem zweiten Film, dem epischen Zhantai (Platform, 2000), sein eigenes unverwechselbares Universum zu gestalten. Von den 193 Minuten, die der Film bei seiner Premiere in Venedig hatte, schnitt Jia selbst fast 40 weg – was blieb, war das beeindruckende Porträt einer Provinztheatertruppe (gedreht wurde erneut in Fenyang) von den mittleren 70er zu den späten 80er Jahren. Alles, was sich in China in dieser Zeit getan hat, und das war weiß Gott nicht wenig, hat Jia Zhangke anhand dieses wundervollen Mikrokosmos „dokumentiert“, in seinem inzwischen unnachahmlichen Stil, der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität des Öfteren verwischt – nicht von ungefähr ist er auch Regisseur von mehreren kürzeren, sehr eindringlichen Dokumentarfilmen (zuletzt: Wuyong / Useless über die Modedesignerin Ma Ke). Zu Wang Hongwei gesellt sich in Platform Zhao Tao, seither stets Hauptdarstellerin der Filme Jias, Yu Likwai stand wie immer hinter der Kamera, und so entfaltet sich ein Reigen dramatischer politischer und sozialer Veränderungen, die es mit sich bringen, dass die Truppe vom Absingen von Liedern zu Ehren des Großen Vorsitzenden umschwenken muss zum Ohrwurm-Schlager Zhantai, und dass plötzlich Kassettenrekorder und Schlaghosen über das Land hereinbrechen und die ältere Generation zutiefst verstören. Jia gelingt es, zu vermitteln, dass die tief greifende Veränderung sich nicht bloß auf Äußerlichkeiten beschränkt – die Menschen selbst haben sich gewandelt und mit ihnen das ganze gigantische Land.

Vergangenheit, versenkt

Das ist, kann man sagen, sein Hauptthema, wenn nicht das Thema aller jüngeren chinesischen Filmschaffenden. Doch Jia Zhangke hat einen eigenen Zugang gefunden, den man am besten als „neugierige Skepsis“ beschreiben könnte. Er ist mit moralischen Urteilen sehr sparsam, selbst im Falle seines großartigen, in Venedig 2006 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Films Sanxia haoren, was wörtlich so viel wie „Die guten Leute von den Drei Schluchten“ heißt. Aber auch die englische Variante, Still Life, ist ein schöner, mehrschichtiger Titel. „Stilled“, also gestaut, ist mittlerweile der Yangzi-Fluss, gestaut auch das Leben, das mitsamt einer ruhmreichen Vergangenheit in den Fluten verschwunden ist; und Jias Film ist tatsächlich so etwas wie ein Stillleben, allerdings ein Stillleben der Veränderung, was bei ihm kein Widerspruch ist. Stillleben ist schließlich auch ein Verweis auf eine wunderbare Landschaft, die die größten chinesischen Maler und Dichter stets zu Höchstleistungen inspiriert hat. Fengjie, der Ort, in dem Teile des Geschehens spielen, galt als „Stadt der Dichter“. Das ist Vergangenheit, Fengjie gibt es nicht mehr – eine ungeheuerliche Vorstellung, aber im Turbokapitalismus des 21. Jahrhunderts ist eben alles möglich.

Nach Fengjie verschlägt es den Protagonisten Han Sanming (der genauso heißt wie sein Darsteller) auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter. Vor vielen Jahren hatte er sie – ein gängiger Brauch – gekauft und in seine Heimat Shanxi, in die Kohlereviere, kommen lassen. Vor 16 Jahren hat sie ihn verlassen und das Kind mitgenommen. Der Hintersinn an der Geschichte ist, dass der Kohlearbeiter Han dorthin kommt, wo „saubere“ Wasserkraft allmählich Chinas Energieversorgung übernehmen soll, die noch immer zu 80% vom „schmutzigen“ Kohlebergbau abhängig ist. So einfach verknüpft Jia Zhangke ökonomische Fakten mit einer herzzerreißenden Story, die durchaus aus einem klassischen Hollywood-Melodram stammen könnte. Aber Han Sanming ist nicht der einzige Suchende; Shen Hong (gespielt von Zhao Tao) ist auf der Suche nach ihrem Mann, der sie verlassen hat, um auf der anderen Seite des Flusses Karriere zu machen. Er ist ein vielbeschäftigter hoher Funktionär geworden. Auf ihren Wegen, die sich im Übrigen nicht kreuzen, wie man erwarten könnte, machen die beiden Bekanntschaft mit dem „neuen China“, das Jia Zhangke – Stichwort: neugierige Skepsis – nicht schlichtweg negativ zeichnet. Er ist merklich fasziniert von den Veränderungen, auch den baulichen, den pompösen Brücken über den Fluss, die schon mal – wie erst kürzlich wieder geschehen – einknicken, bevor sie noch viel befahren wurden, weil sie schleißig gebaut sind.

Zwischen die Vergangenheit, die einfach begraben bzw. versenkt wird (siehe auch das Interview mit Jia Zhangke), und die ungewisse Zukunft als gigantische Wirtschaftsmacht setzt der Filmemacher eine Geschichte, die in wenig mehr als 100 Minuten all das beinhaltet, was China heute ausmacht; mehr noch, all die Probleme, die heute in einem globalen Zusammenhang virulent sind: der Umgang mit der eigenen Geschichte, die Frage der Umweltzerstörung und die Wucht, mit der das Politische immer auch in das Private eindringt. Und weil er so konzentriert erzählt, bleibt auch noch genug Zeit für beeindruckende Landschaftsaufnahmen, für Charakterstudien (man muss sich nur einmal den Reichtum einer scheinbaren Nebenfigur wie des Freundes Shen Hongs vergegenwärtigen, der sich mit ihr auf die Suche nach dem verlorenen Ehemann macht; Wang Hongwei spielt hier eine weitere Glanzrolle) und für Einsprengsel à la Buñuel: Ein UFO ist im Hintergrund zu sehen, ein Mann, der in einer Tasche lebt, ein Seiltänzer. Damit ist die absurde Situation am Staudamm zwischen Abschied und Abheben in die Zukunft perfekt symbolisiert. Was Jia Zhangkes Filme zusätzlich bemerkenswert macht, ist ihre feste Verankerung in der reichhaltigen chinesischen Populärkultur: Nicht nur der Titel des 80er-Jahre-Gassenhauers Zhantai (Platform), den er für seinen zweiten Film verwendete, verweist darauf, sondern auch die Vorliebe seiner Figuren für die Action-Kracher John Woos (erstmals in Xiao Wu, diesmal gibt es einen jungen Mann, der sich stark mit Chow Yun-fat aka Mark aus A Better Tomorrow identifiziert).

Und Jia Zhangke ist ein Mann, der sich durchaus seiner eigenen Rolle bewusst ist: In Ren xiao yao (Unknown Pleasures, 2002) gibt es eine ungemein witzige Szene, in der die Hauptfigur einen Schwarzmarkthändler fragt, warum er keine Raub-DVDs von Jia-Zhangke-Filmen führe. Im realen Leben legte der Filmemacher sich erst kürzlich mit den großen Regisseuren der Fünften Generation an, weil diese ihre Ideale verraten hätten. Tatsächlich ist es ihm hoch anzurechnen, dass er – trotz seiner großen internationalen Erfolge – nicht darauf schielt, was man im Ausland von ihm erwartet, etwas, was Chen Kaige und Zhang Yimou immer wieder, und nicht ganz zu Unrecht, vorgeworfen wird. Im Gegenteil: Mit Shijie (The World, 2004) lieferte er so etwas wie einen ironischen Kommentar zu der Angelegenheit. „The World“ ist ein tatsächlich existierender, einigermaßen perverser Themenpark am Stadtrand von Beijing, in dem die „wichtigsten“ Städte und Gebäude der Welt en miniature errichtet wurden und den Chinesen, von denen die allerwenigsten jemals die Chance haben, ins Ausland zu reisen, ein Bild von der Welt vermitteln. Jia zeigt hier vor allem die Kehrseite des internationalen Glamours: jene Leute, die hinter den Kulissen und auf den Showbühnen des Parks hart schuften, um einen Hauch von Internationalität zu schaffen. Ihm selbst gelingt das, so sehr seine Filme auch lokal verankert sein mögen, mühelos.