Die Mostra Internazionale del Cinema in Venedig, das älteste Filmfestival der Welt, feierte 2007 lautstark ihr 75-jähriges Bestehen. Ein Rückblick.
Ein Riesenloch in der Front des Festivalpalasts. Wird etwa gerade renoviert? – eine berechtigte Frage in Anbetracht der aktuellen im Hintergrund stattfindenden Diskussionen über die Dringlichkeit, dem alten Palazzo del Cinema wieder Glanz und Modernität zu verleihen. Eine imposante schwarze Kugel, Ursache des vermeintlichen Schadens, hängt noch in Position. Plötzlich erscheint leuchtend in ihrem Innern die Jubelzahl 75. Eine visuell starke Aussage: Die 64. Mostra wird ein Kracher sein (Warum 64? Kriegsbedingt musste das Festival mehrfach ausfallen oder wurde ohne eigentlichen Wettbewerb veranstaltet). Intendant Marco Müller, offiziell im letzten Jahr seiner Amtszeit, wollte es – gerade angesichts der Schreckgespenster der immer mehr zu Konkurrenten avancierenden Festivals in Rom und Toronto – noch einmal allen zeigen und setzte auf ein Feuerwerk aus Hollywood-Glamour, Regieprominenz, großen Themen und Genre-Vielfalt. Was die zweite Festivalwoche an Starpräsenz und Filmqualität nicht leistete, bot die erste umso mehr.
Manche Filmemacher haben heuer endgültig ihren Durchbruch geschafft und sich von ihrem Newcomer-Status verabschiedet. Abspann, die Lichter in der vollen Sala Grande gehen an: Die Zuschauer ehren die Macher des Films mit 15-minütigen Standing Ovations. Das Klatschen wird fast schon schmerzhaft. Das Filmteam kann kaum fassen, was da gerade passiert; die junge Hauptdarstellerin (Hafsia Herzi, größte Entdeckung des Festivals und zu Recht als beste junge Schauspielerin ausgezeichnet) lacht und weint gleichzeitig: Das war die Premiere von La graine et le mulet. Dem aus Tunesien stammenden Abdellatif Kechiche, der schon 2000 in Venedig mit La faute à Voltaire von sich hören ließ und für L’esquive 2005 gleich mit vier Césars – darunter für den besten Film – überhäuft wurde, ist es mit seinem dritten Langfilm gelungen, aus einer einfachen Emigranten-Familiengeschichte ein Epos zu machen, in dem ein 20 Minuten dauerndes Couscous-Essen im Kreise der Familie zum anthropologischen Leckerbissen und ein endloser Bauchtanz zum dramaturgischen Höhepunkt wird.
Arbeitslosigkeit und die Suche nach einem besseren Leben: ein Thema, das nicht nur die jüngere Regie-Generation beschäftigte, sondern auch den britischen Altmeister Ken Loach. Nach dem Triumph 2006 in Cannes mit The Wind That Shakes the Barley präsentierte der politisch (korrekt) engagierte Regisseur mit It’s a Free World einen kritischen Blick auf die Konsequenzen der Globalisierung: die gnadenlose Konkurrenz der Unterprivilegierten, die um jeden Zentimeter Existenz kämpfen. In der Rolle der differenzierten Zentralfigur Angela, blonde Motorradbraut, allein erziehende Mutter und Jobvermittlerin, die zwischen Ethik und Geschäft zerrissen ist, brillierte Kierston Wareing, eine weitere Entdeckung. Drei (kleinere) Preise für Loach kamen nicht überraschend; für eine gehörige Überraschung allerdings sorgte beim 75. Jubiläum wieder einmal die Jury. Kechiches Meisterstück, das in den Augen der Presse und des Publikums als unumstrittener Sieger galt, erhielt schließlich den Spezialpreis der Jury (geteilt mit Todd Haynes’ Bob Dylan-Indie-Film I’m Not There). Für heftiges Aufsehen sorgte der taiwanesische Filmemacher Ang Lee mit seinem erotisch aufgeladenen Spionagethriller Se, jie (Lust, Caution, siehe das nächste ray-Heft). Lee erhielt schließlich, wie schon 2005 für Brokeback Mountain, den Goldenen Löwen. Sprachlosigkeit auf dem Lido. Zweifellos der größte Kracher der 64. Mostra.
