Mit The U.S. vs. John Lennon und Control präsentiert die Viennale zwei Filme, die sich auf höchst unterschiedliche Weise popkulturellen Mythen annähern.
„Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“ (George Santayana, The Life of Reason)
Jede Lebensgeschichte ist einzigartig, niemals jedoch ganz und gar selbstbestimmt. Nachhaltig geprägt von Ort, Zeit und Umständen, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen, stellt die Biografie immer auch ein Resultat des Spiels der Möglichkeiten einer bestimmten Ära dar. Das Gleiche gilt für die Entstehung von Filmen. Bereits seit Mitte der 90er Jahre versuchten die Regisseure David Leaf und John Scheinfeld, das Konzept von The U.S. vs. John Lennon an ein interessiertes Studio zu verkaufen – ohne Erfolg. Erst der Ausbruch des Irakkrieges veränderte die Lage, und der Film über Lennons New Yorker Jahre und seine Friedensaktivitäten in den Zeiten des Vietnamkrieges bekam finanzielle Rückendeckung. Die Nachzeichnung einer bestimmten Biografie oder eines speziellen Lebensabschnitts geschieht eben häufig erst dann, wenn die Vergangenheit plötzlich eine starke Verbindung zum Hier und Jetzt aufweist. In diesem Kontext fällt es nicht schwer, zu verstehen, warum Leaf und Scheinfeld gut die Hälfte ihrer kostbaren Filmminuten darauf verwenden, den politischen und sozialen Hintergrund der Vietnam-Ära und die als Gegenmoment aufkommende Friedensbewegung zu skizzieren, anstatt sich ohne größere Umschweife der ursprünglichen Kernidee des Drehbuchs zuzuwenden, nämlich der kritischen Aufarbeitung von Lennons langjährigem Kampf gegen seine drohende Ausweisung aus den USA.
„All we are saying is give peace a chance.“ (John Lennon)
Parallelen zwischen den radikalisierten Gruppen der 70er Jahre und der heutigen Situation der zutiefst gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft zieht der Film unermüdlich, offen wird die Brücke zur Gegenwart nur ein einziges Mal geschlagen, als der Schriftsteller Gore Vidal in einem Interview erklärt: „Lennon came to represent life, while Mr. Nixon – and Mr. Bush – represent death.“ Die stets präsente zeitliche Doppelung ist zugleich Segen und Fluch des Films. Dank ihr gelingt es den Regisseuren, der Dokumentation einen sehr aktuellen Touch zu verleihen, was durch den ausgezeichneten Schnitt und die souveräne Mischung aus Originalaufnahmen und Zeitzeugeninterviews zusätzlich unterstützt wird. Andererseits lenken die betont moderne Optik und der beinahe zwanghafte Gegenwartsbezug streckenweise von der Komplexität und den spezifischen Gegebenheiten des dargestellten Geschehens ab. Der wichtige Aspekt der Instrumentalisierung des weltberühmten Musikers sowohl von Seiten der radikalen Aktivisten der Anti-Kriegsbewegung, als auch durch die konservative Nixon-Regierung wird auf diese Weise bloß zum illustrierenden Beiwerk, und der Mensch John Lennon tritt wie so oft in den überdimensionalen Schatten seiner Legende zurück. Einzig in den Szenen, die ihn mit seiner Frau Yoko Ono und später auch mit dem gemeinsamen Sohn Sean zeigen, kann man einen flüchtigen Blick auf die scheue Privatperson hinter dem Mythos erhaschen – und gerade da entfaltet The U.S. vs. John Lennon seine stärkste Wirkung, demonstriert der Film in diesen Momenten der biografischen Einbettung doch, dass es erst des Aufeinandertreffens von geschichtlichen Prozessen und eigener Lebenserfahrung bedarf, um einen Menschen zum überzeugten Kämpfer für eine Sache werden zu lassen.
„Touching from a distance.“ (Deborah Curtis)
Einen völlig anderen, hochgradig effektiven Ansatz, Künstlerbiografie und Zeitgeschichte miteinander zu verknüpfen, wählte Anton Corbijn für sein Regiedebüt Control, einen Spielfilm über das kurze Leben von Ian Curtis, den Sänger der nordenglischen Post-Punk-Band Joy Division. In nur drei Jahren, von 1977 bis zu Curtis’ tragischem Selbstmord 1980, gelang es Joy Division, ihren ganz eigenen düster-hypnotischen Klangkosmos zu schaffen und der Welt eine zeitlose, verstörend-schöne Musik zu schenken, die völlig zu Recht heute längst Klassikerstatus erreicht hat. Nun birgt aber gerade ein Biopic über einen jung gestorbenen Künstler stets die inhärente Gefahr der übermäßigen Glorifizierung – speziell wenn Mythos, Charisma und Tragik so eng miteinander verbunden sind wie im Falle von Ian Curtis. Hinzu kommt, dass Corbijn, einer der besten und bekanntesten Fotografen unserer Zeit, ein ausgesprochener Ästhet ist, der bereits in der Vergangenheit durch seine Arbeit als Videoregisseur für Bands wie Depeche Mode und U2 bewiesen hat, wie gut er seinen unverkennbaren, ikonografischen Stil auch auf bewegte Bilder zu übertragen vermag. Jeder Zweifel, dass Control eine zwar visuell beeindruckende, aber letztendlich unreflektierte Hommage sein könnte, wird jedoch bereits in den ersten Filmminuten hinweggefegt. Selbstverständlich, Corbijns beinahe mathematisch präzise Bildkomposition ist omnipräsent, die bestechende Schwarzweiß-Optik ist Stil in Reinform, aber wie auch in Corbijns Fotografien liegt hinter jedem einzelnen Motiv, hinter jedem perfekt gewählten Frame eine Bedeutung, eine Geschichte, die dazu beiträgt, ein weiteres Stück von Curtis’ Lebenswelt sichtbar zu machen, ohne ihm eine bestimmte, vereinfachende Deutung aufzudrängen. Sensibler kann man sich einer Person filmisch nicht nähern.
„Don’t walk away in silence.“ (Joy Division, Atmosphere)
Auch die exzellenten Schauspieler, allen voran Sam Riley als Ian Curtis und Samantha Morton als dessen Ehefrau Deborah, tragen dazu bei, dass Corbijns Werk ein beinahe gespenstisches Maß an Authentizität erreicht, die selbst Dokumentarfilme nur selten vermitteln können. In Control fühlt man den Ort und die Zeit, in der der Film spielt; fast kann man die erdrückende Tristesse von Macclesfield spüren, der Heimatstadt von Curtis, der er stets zu entkommen sucht und es dennoch nie schafft. Nichtsdestotrotz haftet dem Film, ebenso wie der Musik von Joy Division, auch etwas ganz und gar Zeitloses an. Das wachsende Gefühl von Isolation und Verzweiflung, das Curtis erfasst, wirkt gerade deshalb so schmerzhaft real, weil es eine universelle menschliche Erfahrung ist, die sich nicht auf einfache Erklärungen reduzieren lässt. Krankheit, Depression, private Probleme und wachsender Erfolgsdruck werden als wichtige Kräfte in Curtis’ Leben beschrieben, doch ergibt sich aus diesen Bruchstücken noch nicht zwangsweise die Flucht in den Selbstmord. Und wenn Riley, der übrigens in 24 Hour Party People (2002) eine andere britische Musikerlegende, nämlich Mark E. Smith, gespielt hatte, in seiner Rolle als Curtis voller Verzweiflung sagt: „It used to be so simple, now everybody hates me. I made everyone hate me … Even the people who love me, hate me“, dann bricht es einem das Herz, nicht nur weil man weiß, dass die Wahrheit höchstwahrscheinlich anders aussieht, sondern vor allem weil man hier Curtis eben nicht als tragischen Märtyrer sieht, sondern einfach als einen sensiblen Jungen, der innerlich daran zerbricht, die eigenen Erwartungen nicht erfüllen zu können. Ian Curtis wurde nur 23 Jahre alt. Der tiefen Traurigkeit, aber auch der Schönheit seines Lebens hat Anton Corbijn mit Control ein wahrhaft würdiges Denkmal gesetzt.
