Japanisches Tagebuch – Softboiled Wonderland

Softboiled Wonderland

| Claudia Siefen |

Eine Filmkritikerin in Japan

Von März bis Mai 2007 war ich in Japan, um auf Filmfestivals geknüpfte Kontakte zu Regisseuren und Produzenten zu pflegen, um Filme anzuschauen, Interviews zu führen, mehr vom Land zu sehen; den Koffer (35 Kilogramm) immer vorausschickend.

Das Kino „Planet+1“ in Osaka ist umgezogen. Zwar noch immer in Umeda, aber diesmal in einer ruhigeren Ecke. Ist größer jetzt, Treppchen hinauf, schmaler Flur. Sein Besitzer, der Filmproduzent Tomioka Kunihiko, 
grinst: „Ich kenn dich, von irgendwoher kenn ich dich.“ Er sollte mehr Werbung machen: 100 Meter weiter gibt es einen Weinladen, wo man mich groß anschaut: „Hier soll ein Kino sein?“ Ein Blick auf den Prospekt für März: Tribute to Barbara Stanwyck, Filme von Arne Sucksdorff und japanische Musicals aus den 60ern. „Ach, so ein Kino!“ Genau, so eins. Cafés an allen Ecken, dicke Aschenbecher, die Dame an der Theke zählt mit mir begeistert bis zehn, auf Deutsch. Shibata Go ist auch da, dreht seinen neuen Film, spricht nicht viel, bis ich anfange, von meinem Bass zu erzählen (Ibanez Serial Player aus den 80ern, mit Smith-Tonabnehmern!). Go strahlt: „Claudia-san, wir gründen eine Band!“.

Nachts um halb drei wird man wach, Fenster auf, dritter Stock: Elvis singt Love Me Tender, Anfang bis Ende, nur das eine Lied, dann ist es wieder ruhig. Etwas abwarten, aber das war es mit Elvis, Fenster zu.

Kurosawa Kioyshis Film Sakebi gesehen, großes Kino im Umeda-Sky-Building, also 14 Euro. Numerierte Karten: Deren Besitzer bitte der Reihe nach ins Kino treten. Rechts einordnen. Der Schauspieler Yakusho Koji: Ich bin nahe dran, dafür zu beten, dass immer eine Kamera dabei sein möge, wenn dieser Mann sich auch nur einen Zentimeter bewegt. Vor dem Gebäude eine riesige Baustelle, der Bahnhof soll schöner werden. Vor mir eine endlose Treppe, eiliges Getrappel hinter mir, bis mich eine alte Frau im Kimono am Ellbogen zupft, sich einfach einhakt und neben mir die Stufen raufgeht, ein freundliches Kopfnicken und Sonnenschirm aufgespannt.

IN eine Pachinko-Halle, Ohren betäuben! Mittags schon gut besucht, laute Musik und Geklapper der Kugeln, wie sie ins Körbchen fallen, auf die Dauer etwas dröge, und vorne kann man seine Kugeln dann abgeben, bekommt Naturalien: Seife, billige Hemden, Weinflaschen. Ich bekomme Strumpfhosen mittlerer Größe, gehe raus und sehe einen Herrn, der die Gewinner höflich anspricht. Geld wird gewechselt, der Pachinko-Gewinn landet im Körbchen. Mit Kennermiene versuche ich es auch, ohne Zögern bekomme ich tausend Yen.

Ein Konzertflyer der ungewöhnlichen Art: ein Aritayaki-Konzert, soll heißen, ein freundlicher älterer Herr hämmert auf circa 25 getöpferten Schalen der Firma Aritayaki eine schöne Melodie. Sein Traum, einmal bei Meissner Porzellan zu spielen, hat sich vor ein paar Jahren erfüllt …

Wie war Tokyo? Ein unendliches Warten, Interviews schieben sich in alle Richtungen, dann in einer großen Leere endend. Nagasaki Shunichi reist durchs Land, um schließlich doch nicht zu erscheinen; das Büro von Yamagata findet sich momentan in seinen Kartons nicht zurecht, Office Kitano brummelt wie gewohnt vor sich hin, und außerdem ist das Hotel viel zu groß. Die Zimmer liegen extrem eng beieinander: Der Flur erinnert an den Bauch eines U-Bootes, und die linke Hälfte der Zimmer wird für eine Woche von einer chinesischen Reisegruppe belegt. Wildes Türentrommeln und Gelächter im 12. Stock, in der Nacht werde ich wach, draußen scheint der Mond, und erst gegen fünf Uhr in der Frühe gehen die letzten Lichter in den anderen Gebäuden aus. Aber Geduld ist alles, und schließlich gibt es genügend Museen in der Stadt, Kinos sowieso, ein einziger Reigen an Hollywood, und Babel ist brechend voll. Hugh Grant spricht hier japanisch, und Drew Barrymore wird bejauchzt. Ein Publikum voller Verständnis für den alternden Schnulzensänger, jeden Abend kann man es selbst erleben,

wenn man in den Seitenstraßen nicht an den winzig kleinen Restaurants vorbeigeht. Fast jedes ist mit einer Karaoke-Anlage ausgestattet, und so hoch muss der Alkoholpegel gar nicht sein, um dann nach einer halben Stunde des Zusammensitzens sehnsuchtsvolle Lieder an das Meer und an die vergangene Jugend und vor allem an die Liebe zu richten! Je trauriger, desto besser.

Das Fernsehen als Erfahrungswert: Die Werbespots lassen sich von der eigentlichen Sendung kaum unterscheiden, Cameron Diaz macht Werbung für einen Handy-Betreiber, Scarlett Johansson (!) trinkt genüsslich kalten Milchkaffee („It really makes my day“), und Madonna findet man bei einer großen Versicherung wieder („I am strong“), während Kitano zärtlich über eine Öko-Waschmaschine streichelt. Es ist also alles in bester Ordnung.

Der Architekt Ando Tadao höchstpersönlich stellt sein neues Buch vor, in dem er innerhalb seiner Arbeit nun endlich den gemeinen Arbeiter feiert, ohne den jedes Bauwerk nicht existent wäre. Ando hat sich schon seinen Teil gedacht, und so erweist sich die Fotoauswahl als Ode an die im vollendeten Bauwerk nicht sichtbare Geometrie von riesigen Gerüsten, Stangen und dem manchmal wahnwitzigen Größenverhältnis von Gerüst und Arbeitern. Man ist konzentriert bei der Arbeit, nur hier und da Bünde von Männerfreundschaft, viel elektrisches Licht und der nicht enden wollende Bauprozess, während der Architekt immer noch um Kleinigkeiten und Papiere kämpft, seine Gedankenwelt verteidigen muss, bis weit nach der Eröffnungsfeier.

Ando sitzt vorne mit seinem Mikrofon, während eine Gruppe Studenten sich sehnsuchtsvoll zu seinen Füßen niederlässt. Er lässt den Kontakt nicht abreißen, löst hier und da alles in ein fröhliches Gelächter auf und nickt mir später freundlich zu, kritzelt linkshändig in meinen Katalog hinein und schaut in die Sonne. „Sehr hübsch, das Licht, aber nicht von mir“, witzelt er noch mit kratziger Stimme, bevor er wieder verschwindet. Mit seinem Jeanne-d’Arc-Haarschnitt sieht er mittlerweile aus wie eine etwas magere alte Dame.

Der Bürgermeister von Nagasaki wurde von der lokalen Mafia frühmorgens auf offener Straße erschossen, es ging um Baugrundstücke und das erfolglose Verhandeln von Wucherpreisen. Wieder in Osaka, nutzt ja alles nichts, und Johannes Schönherr ist in der Stadt und tut, was Johannes Schönherr tun muss: Er zeigt wildes Material aus dem New Yorker Underground der 70er. Die Bar ist voll, fünf Plätze an der Theke, dann die kleine Treppe rauf, dort gibt es eine Leinwand mit einigen Plätzen, und die Damen verlassen vorzeitig entsetzt den Raum, während eine Russin noch sitzen bleibt und sich lauthals über die körperlichen Vor- und Nachteile des japanischen Mannes auslässt. Ich hebe die Augenbraue, aber hier nutzt das nichts. „Kommst du morgen nach Kobe? Es gibt eine Party im Emigration Center.“ Mal sehen, und die junge Japanerin neben mir fängt nach der zweiten Bierdose an, meinen Arm zu streicheln: „I like your long hair and legs.“ Dafür kann ich nichts.

Also am nächsten Tag nach Kobe, das Treffen entbehrt nicht einer gewissen Gruseligkeit. Man gibt sich hier salopp im selbstgewählten Exil, und interessanterweise kann einem jeder auf Nachfrage die exakte Zahl an Jahren und Monaten des bisherigen Aufenthaltes nennen. Es gibt Musik und dann, die Russin! „Weißt du, wo man hier Drogen bekommt? Ich brauch was zu rauchen.“ So geht das den halben Abend, und schließlich seilen wir uns ab, um mit Matt Kaufman die Nacht durchzumachen. Seine Eltern besuchen Kobe, und so lohnt es sich für ihn nicht mehr, nach Hause zu fahren. Wir tingeln zu dritt durch Kobe, die letzten Bars schließen um 5 Uhr, so muss man nur die beiden toten Stunden hinter sich bringen, selbst die Getränke- und Zigarettenautomaten funktionieren in der Zeit nicht mehr. Kaufman erzählt, immer noch nüchtern, von New York, und Schönherr erzählt, nicht mehr nüchtern, wie er und Kaufman sich damals kennen gelernt haben. Schließlich landen wir in einem Spa, frühstücken dort und sind wieder völlig wach, als jemand zu uns tritt: Kobe ist klein. Die Russin …

„Hast Du Lust, Adachi Masao zu treffen?“ Was für eine Frage! So gibt es in Umeda zuerst seinen neuen Film Terrorist (siehe ray 09/07) zu sehen. Adachi selbst ist müde und führt sein Kind an einem Haltegurt spazieren, also trifft man sich am nächsten Morgen zu Milchkaffee, alles ist Film, und er selbst macht keine Anstalten von seiner berüchtigten Vergangenheit zu erzählen: „Die Leute sollen meinen Film sehen, und das genügt.”

Werbe-TV in der Nacht: Wäsche muss weiß sein (sonst verlässt dich irgendwann deine Ehefrau), aber wenn die Wäsche wirklich weiß ist, kehrt sie doch wieder zurück, und unser bebrillter Werbespot-Protagonist nimmt seine Frau (mitsamt riesigem Beutel voller Schmutzwäsche) an der Haustür wieder dankbar in Empfang. Kein Liebhaber dieser Welt wäscht so gut wie der eigene Ehemann.

Omori hat die neue Biografie Suzuki Seijuns verfasst, und mitsamt Retrospektive im Cine Nouveau wird das Ereignis gefeiert. Suzuki ist auch da und beantwortet Zuschauerfragen. Manchmal ist es wieder ganz einfach: „Zigeunerweisen? Jedes Mal, wenn der Film langweilig wurde, habe ich ordentlich Musik draufgelegt, das mache ich immer so und es funktioniert auch immer. Kein Film muss länger sein als 90 Minuten, wenn doch, willst du die Leute nicht unterhalten, sondern therapieren.” Spricht’s und hebt sein Wasserglas.

Kawase Naomi in Cannes? Genau, aber vorerst noch in Osaka, Mogari no mori wird vorgestellt, und nach 15 Minuten Pressekonferenz hat sich die Stimmung gelockert, und sie selbst zupft nicht mehr am Mikrofon herum, sondern kippt vor Lachen fast hintenüber. Meine freundliche Übersetzerin Ai ist irritiert ob der Lustigkeit, einen wirklichen Grund gibt es wohl nicht, und so lacht und nickt der Saal freundlich mit und entlässt Kawase nach einer Stunde in den Aufzug, in den sie mich hineinwinkt und im Büro des Art Center erst einmal die Klimaanlage herunterschaltet. Warum sie so gelacht hat? „Ich weiß nicht, habe ich das?“ Und das Grinsen geht weiter. Vielleicht ist das so, wenn man mal wieder nach Cannes fährt.

Und schließlich Kurosawa Kiyoshi, es gibt eine lange Nacht mit seine Filmen im Planet-Kino. Gegen 18 Uhr wird er ins Büro gelotst, sitzt etwas verloren neben dem übervollen Aschenbecher und erzählt von Italien. Ein paar Stunden später sitzt man im Restaurant, und er schaltet zwischen Englisch und Japanisch hin und her. Dann geht es zurück zum Kino, das dazugehörige Café ist überfüllt mit jungen Leuten, und Kuroswa erzählt von seiner Arbeit und seinem wohl bemerkenswertesten Film, der Radsportdoku Jan, „mein bester Film, sagt meine Frau“. Morgens um vier regnet es, und er macht sich mit einem weißen Regenschirm auf den Weg zum Hotel. Italien? War schön.

Heute ist der 10., es regnet, und ich bekomme meine DVD-Kopien in die Hand gedrückt: „Ich habe es doch noch geschafft!“ „Wunderbar.“ „Kommst du wieder?“ „Ja.“