Michael Glawogger – Mit dem Finger auf der Landkarte

Mit dem Finger auf der Landkarte

| Dagmar Haier |

Michael Glawogger arbeitet an drei Filmen gleichzeitig und bleibt seinem Ruf, ständig die Genres zu wechseln, treu.

Wenn man eine Zeit lang von Michael Glawogger fast nichts hört, dann ist er gerade besonders fleißig. Und er gibt sich nicht gerade mit Kinkerlitzchen ab, sondern dreht eine Komödie, bereitet einen Dokumentarfilm vor und verfilmt einen Roman, der schon in seiner geschriebenen Form als sperrig und damit als „unverfilmbar“ gilt: Das Vaterspiel wurde von der Fachpresse zwiespältig aufgenommen, so zwiespältig, wie das Buch von Josef Haslinger geschrieben worden war. Während auf einer Ebene ein 35-jähriger Loser mit allerlei Schuldgefühlen und seinem Hass gegen den korrupten Vater kämpft, indem er am Computer ein „Vatervernichtungsspiel“ entwickelt, wird parallel dazu protokollartig eine Leidensgeschichte aus dem von den Nazis besetzten Litauen erzählt. Kritiker meinten damals (im Erscheinungsjahr 2000), Haslinger hätte konsequenterweise zwei Bücher schreiben sollen, statt die Erzählstränge ineinander zu verweben. Aber gerade liegt der Reiz, „den Film genau so zu drehen, wie das Buch aufgebaut ist“, wie Glawogger meint. „Ich habe die ganze Nazi-Geschichte nicht verfilmt, sondern in langen, von Ulrich Tukur gesprochenen Monologen umgesetzt. Es ist ein Film, der auf sehr vielen Assoziationsebenen funktioniert, der für einen großen Kinospielfilm eine sehr gewagte Dramaturgie hat, die Zeit und Raum, Vergangenheit und Jetzt wie in einen Strudel erfasst. Ein sehr ernster Film.“ Es war das erste Mal, dass dem sonst mit eigenen Themen beschäftigten Regisseur etwas von außen angeboten wurde. Er hat der deutschen Produzentin das Buch zunächst als „unverfilmbar“ zurückgegeben, auf der anderen Seite „hat mich genau dieses Wort natürlich sehr gereizt“, so Glawogger. Er fühlte sich an 70er-Jahre-Filme wie Slaughterhouse Five erinnert, der auf einem Roman des von ihm sehr verehrten Kurt Vonnegut basiert. Dieser weist eine ähnliche Struktur wie das Vaterspiel auf.

Rupert Kramer, genannt „Ratz“, gespielt von Helmut Köpping, will also seinen Vater töten – zumindest virtuell. Er erfindet ein Computerspiel, in dem er das tun kann, sooft er will. Sonst macht der junge Mann nicht viel. Er kämpft seinen stillen Kampf – den Kampf, der Sohn eines sozialdemokratischen Ministers zu sein, seine Schwester anders zu lieben, als man eine Schwester lieben sollte, und mit dieser Welt überhaupt zurecht zu kommen. Die ehemalige Studienkollegin Mimi – gespielt von der auf komplizierte, verletzte Frauenfiguren spezialisierten Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo – bittet ihn um einen Gefallen: Er soll nach New York kommen und dort eine Wohnung renovieren. Damit beginnt eine Reise, die ihn tief in die Geschichte und die Gedankenwelt seiner und Mimis Vorfahren führt. Die Dreharbeiten sind soweit abgeschlossen, nur der Anfang des Films fehlt noch: die Autofahrt im Schneegestöber zum Flughafen, während der sich die vom Buch vorgegebene verschachtelte Dramaturgie ergibt. Man hofft auf einen frühen Wintereinbruch, wenn möglich vor Weihnachten, um noch heuer die Dreharbeiten beenden zu können.

Rauschzustand

Michael Glawoggers zweite Baustelle heißt Contact High und  zeigt sich angesichts einer im Studio nachgebauten polnischen „Hotellobby“ um einiges schriller. Michael Ostrowski hat mit Glawogger das Drehbuch zu dieser „Psychedelic Road Movie Comedy“ geschrieben, und tatsächlich fühlt man sich an ihre erste gemeinsame Filmarbeit, Nacktschnecken, erinnert: „Contact High“ wird jenes Phänomen genannt, wonach jemand in einen Rauschzustand gelangen kann, ohne selbst Drogen zu nehmen, einfach, indem er sich mit dem High eines anwesenden Drogenkonsumenten „identifiziert“.

Erzählt Glawogger hier aus eigener Erfahrung? „Vielleicht in der einen oder anderen Form, wenn man zum Beispiel von Stimmungen mitgerissen wird. Wenn es heute Merkwürdigkeiten wie Aufstellungstherapien gibt, wo sich Leute in die seltsamsten Bewusstseinszustände versetzen, dann kann das nur funktionieren, indem alle auf die gleiche Welle kommen, oder alle ein in diesem Sinne emotionales Contact High haben.“ Darum geht es in diesem Film, den Glawogger am liebsten als klassische Screwball Comedy inszenieren würde. Oder aber: ein Buddy-Movie mit drei Pärchen, die durch die wild bewegte Handlung, aber auch emotional miteinander verbunden sind. Detlev Buck als schwuler Möchtegern-Checker und Georg Friedrich, der sich selbst zu einer Art Kunstfigur hochstilisiert hat und laut Glawogger „als Schauspieler besonders im Saft steht“, bilden eines der Pärchen. Ostrowski und Raimund Wallisch geben zwei Würstelstandbesitzer, die von einer Karriere als Buffetmagnaten träumen, während Pia Hierzegger und Hilde Dahlik als Frauenpaar die wichtige Funktion übernehmen, alle anderen zu retten. Und es geht um eine Tasche, die mal Wojtyla-Tasche hieß und inzwischen in Carlos-Tasche umgetauft wurde, um Carlos Castaneda Referenz zu erweisen, weil dieser doch mehr mit der Drogenkultur zu tun hat als der verstorbene polnische Pontifex.

Pilze und Würste spielen ebenfalls eine große Rolle. Beides gibt es reichlich in Polen. Der Drehort dort ergab sich aber, weil man mit dem Finger auf der Landkarte auf den Ort Drogomysel stieß. Also Fear And Loathing in Las Vegas auf polnisch-österreichisch? Mit Ostrowskis übersprudelndem Einfallsreichtum hätte man zwei Filme machen können, aber Glawogger wiederholt sich nicht gern. Gekleckert wird hier jedenfalls nicht: Es gibt Special Effects, es gibt Digitaltricks, es gibt einen Zeichentrickfilm, es gibt Ausstattung, in der ein Zimmer einmal klein und einmal groß erscheint. Es gibt Hundemasken, es gibt Schweinepolizisten, es gibt Autoverfolgungsjagden, und es gibt visualisierte Drogenräusche. „You name it, we‘ve got it”, so Glawoggers Kommentar, und Assoziationen zu Is’ was, Doc?, Midnight Run oder Louis-de-Funès-Filmen sind durchaus zulässig. Derzeit ist Michael Glawogger in Mexiko, um – wie beim Vaterspiel – noch den Anfang des Films zu drehen. Vom drangehängten Urlaub spricht er zwar, aber eine Geschichte seiner Prostituierten-Dokumentation Whores‘ Glory wird auch dort gedreht werden.

Nach Megacities und Workingman`s Death ist Whores‘ Glory der dritte und letzte Tiel von Glawoggers Dokumentarfilm-Trilogie. Das Konzept steht bereits, ab Sommer bzw. Herbst 2008 soll gedreht werden. Die Geschichten der Pros­­tituierten, die hier an Hand einer filmischen Reise von Mexiko über Thailand, Bangladesch und Nepal bis nach Wien erzählt werden, kreisen um das Leben dieser Frauen, ihre Lieben, Sehnsüchte, Hoffnungen, Bedürfnisse und Schmerzen.
Der Film geht davon aus, dass diese Frauen mehr über die Beziehung zwischen Männern und Frauen erzählen können als jede(r) andere, weil sie alles, was zwischen Männer und Frauen geschehen kann, an ihren Körpern, an ihrem Geist und an ihrer Seele erfahren und erlebt haben. Sie haben Leidenschaften geweckt, Begierden abgewiesen, Fantasien erfüllt und Ängste beruhigt. Sie haben immer Geld dafür bekommen, aber nur wenige von ihnen sind dabei an etwas anderem reich geworden als an Geschichten und Erfahrung.