Ennio Morricone, im November 80 Jahre alt geworden, ist der wohl eigenständigste und einflussreichste Soundtrack-Komponist der Filmgeschichte. Nun tritt er mit seinem Orchester auch in Wien auf.
„Ich habe einige alte musikalische Leidenschaften und Lieben, zu denen ich immer wieder zurückkehre: Bach, Palestrina, Strawinsky, Stockhausen. Die sind in mir drin, ein Teil von mir. Wenn man ein Hühnchen isst, wird das Blut nicht ein Teil von uns? Und man hat doch nur ein Hühnchen gegessen.“ (Ennio Morricone 1999 in einem Interview mit Jerry McCulley)
Morricone war der erste und leider einzige, der es wirklich umfassend schaffte, Charakter- und Spannungsdramaturgie innerhalb der Score-Ebene zu inszenieren, souverän und doch immer mit der tatsächlichen Filmhandlung interagierend. Das klassische Hollywoodkino sah immer nur die pavlowsche Emotionalisierungsmaschine hinter der Filmkomposition: Streicherwände für das melodramatische Herzbeben, Tschinellen für den schwunghaften Cliffhanger, Paukenschläge für den Auftritt des Pistolen schwingenden Bösen.
Mit Morricone aber wandelte sich in den Sechzigern das Instrumentarium der akustischen Filmerzählung, bei den comicartigen, plakativen Spaghetti-Western der drei Sergios – Leone, Corbucci und Sollima. Die Komposition verdeutlichte plötzlich das Innenleben und die Charakterzüge der Darsteller sowie die atmosphärische Gegebenheiten der Handlung, die man sonst nicht zu sehen bekam. Oder setzte einen Kontrapunkt zum Geschehen, wenn eine Bettszene etwa statt von Kuschelmuschel-Lounge-Pop von getrieben verängstigtem Buffo-Stöhnen und ruppigen Avantgarde-Fetzen eines Kleinorchesters unterlegt wurde. Der Meilenstein Once Upon a Time in the West (1968) etablierte über Nacht neue Standards des Kinos als Gesamtkunstwerk, in dem Morricones Klangtheater einen essenziellen Grundpfeiler darstellte – zu bemerken noch Jahrzehnte später bei schmalzfreudigeren Arthaus-Blockbustern wie Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso (1988) und Die Legende vom Ozeanpianisten (1999).
Zu diesen Grundpfeilern zählt die Verwendung von der Oper entstammenden Leitmotiven, aber auch verkörperlichte groteske Sounds wie von Instrumenten nachgespielte Verdauungsgeräusche und Fliegenschwärme, ganz wie in der Commedia dell’arte. Aber auch von Free Jazz und Zwölftonmusik inspirierte Kakophonien als Spannungsträger sowie Direktzitate aus Kirchenchorälen, die in ihrer Gestaltung die gesamte Sample- und Cut-Up-Technik des Neunziger-Dancefloors vorwegnehmen sollten. Zudem wurde dank Morricone, wie sonst nur bei Henry Mancini (Pink Panther), Filmmusik zum Charts-Hit.
Außerdem transferierte er mit Klassikern wie Gillo Pontecervos Battle of Algiers und Queimada! oder Roland Joffés Mission Jahrzehnte vor Goran Bregovic Dritte-Welt-Gesänge und perkussive ethnische Folklore auf eine westliche Gehörebene. Die Pop-Szene verdankt seinem Mann mit der Mundharmonika im Gefolge von Metallica & Co das meistverwendete Konzert (und Wrestling-)Intro neben Orffs Carmina Burana. Mitunter üble Techno-Remixe machten schnell die Landdisco-Runde. Aber auch Aushängeschilder des Independent Rock wie Jim O’ Rourke/Sonic Youth, Stereolab, Air, Mike Patton oder die Beat-Trickster rundum das Münchner Compost-Label berufen sich heute noch gern mit Coverversionen, Hommagen, Samples und Remixen auf den Italo-Maestro.
Hollywood und der neue Arthaus-Eurozentrismus haben indes nichts davon gelernt – Filmmusik fungiert nicht als autarker Spielort einer kreativen Mission, in die man sich auf Reisen begibt. Auch wurde die Sixties-Parallelströmung des intelligent kommentierenden found soundtrack wie bei Kubrick oder Dennis Hopper zur vorkalkulierten und Parallelmärkte abschröpfenden Pop-Compilation flach geklopft. Wen wundert es da, dass Morricone nach Jahrzehnten der Ignoranz und fünf (schon zu späten) Nominierungen erst heuer ein Ehren-Oscar zuteil wurde, so als ob man die große Erbschaft des greisen Genies mit einem Plunderstück Gold schnell in die museale Vergessenheit entsorgen wollte. Selbst sein prominentester Wiederentdecker, Quentin Tarantino, bedient via Referenzen in Death Proof und Kill Bill nicht Morricones kreativen Gehalt, sondern die geistentleerte Vintage Sound-Maschinerie, als wäre alles ein Genre-Treppenwitz.
Morricone selbst scheint es egal zu sein. Als gewitzter Workaholic wirft er konstant zwei bis drei Soundtracks pro Jahr aus (zur Hoch-Zeit 1972 waren es schon mal 22), tourt unaufhörlich und widmet sich ausgiebig seinem zweiten Standbein, der modernen Klassik. 483 Filme werden ihm offiziell zugeschrieben. Mit seinen ersten Filmen, als er noch Varieté- und Popsong-Orchestrierer für Stars wie Mario Lanza und Rita Pavone war und als Film-Ghostwriter für Mario Nascimbene und andere diente, sind es gar mehr als fünfhundert. Regisseure wie Pasolini, Leone, De Palma, Argento oder Bertolucci hätten ohne ihn nicht den Ruf, den sie heute genießen. Und seine Kompositionen künden von einer vergangenen heilen Kinowelt, in der Kommerzspektakel nicht Experiment und reflexives Vergnügen ausschlossen.
