A Chick with a Dick

A Chick With a Dick

| Marietta Steinhart |

In der britischen Miniserie „Hit & Miss“ spielt Chloë Sevigny eine transsexuelle Mörderin und Mutter. Auf DVD.

Pathologische Serienhelden abseits von standardisierten Erfolgsformeln haben Blütezeit. Unsere Protagonisten haben nicht selten einen an der Waffel. Die schwedische Kommissarin Saga Norén (Die Brücke – Transit in den Tod) leidet am Asperger-Syndrom, während die bipolare Carrie Mathison (Claire Danes) in Homeland ihre Medikamente mit Weißwein runterspült. In der Zwischenzeit avancieren Serienkiller zu Publikumslieblingen. Man denke an Dexter oder die aktuellsten Beispiele aus den USA: Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen gibt diesen in der Prequel-Serie Hannibal) und Norman Bates (Bates Motel greift Motive aus Psycho auf).

Mit der sechsteiligen britischen Miniserie Hit & Miss (2012) und ersten Eigenproduktion des Senders Sky Atlantic gelang Schöpfer Paul Abbott (State of Play, Shameless) eine real anmutende Verknüpfung dieser Elemente – und mehr. Eine Weile hatte der Brite zwei Konzepte auf seinem Tisch, doch weil die häusliche Geschichte einer transsexuellen Mutter – die zugleich Vater eines Buben und Pflegemutter von drei weiteren Kindern wird – offenbar immer noch zu konventionell war, kombinierte er das Drehbuch mit der Geschichte eines Auftragskillers. Entwickelt wurde daraus die Hauptfigur Mia (Chloë Sevigny), eine vor der Operation stehende, transsexuelle Auftragsmörderin in Manchester. Aus einem Brief von ihrer inzwischen an Krebs erkrankten Ex-Freundin erfährt sie, dass sie einen elfjährigen Sohn (Jordan Bennie) hat – gezeugt in der Zeit, in der sie noch als Mann gelebt hat – und erbt mit ihm seine drei Halbgeschwister. Als Mia an den heruntergekommenen Bauernhof in einem Kaff im Nordwesten Englands kommt, ist die eigentliche Mutter bereits tot. Gegen den Willen der älteren Geschwister übernimmt sie die Vormundschaft und tauscht tagsüber Killer- gegen Mutterinstinkt ein, doch es ist nicht leicht, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen, besonders dann, wenn die Mutter mal schnell in die Stadt muss, um jemandem das Gehirn wegzublasen. Jean-Luc Godard hatte recht: „Alles, was man für einen guten Film braucht, ist ein hübsches Mädchen (mit Penis-Prothese, Anm. d. Verf.) und eine Knarre.“

Hit & Miss erzählt im Kern aber nicht nur die Identitätskrise einer pragmatischen Soziopathin, sondern die gefühlsbetonte Geschichte eines Außenseiters und alleinerziehenden Elternteils. In Hollywood würde der Pitch in etwa so lauten: Nikita meets Transamerica meets Party of Five. Oder wie Abbotts simple Einsatz-Formel: „A chick with a dick“. Das hat Potenzial für eine Komödie oder Seifenoper, ist aber weitaus zwielichtiger als das Konzept glauben lässt. Die Stimmung ist zutiefst pessimistisch und hat dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – eine starke Sogwirkung, melancholisch akzentuiert von Komponist Dickon Hinchcliffe (Winter’s Bone) und gepaart mit einem Konglomerat an Indie-Rock Bands (Gram Rabbit, Grouplove u.v.a.).

Man braucht hier keineswegs die Katze im Sack zu kaufen. Innerhalb der ersten fünf Minuten sieht man eine äußerst attraktive Frau mit Schwanz, was einen zwar bei der Stange hält, aber die Serie nicht ausmacht. Hit & Miss ist smart und evoziert Emotionen. „Das Konzept der Serie ist wirklich böse, aber emotional völlig integer“, so Paul Abbott in einem Interview (siehe Bonusmaterial). Gelegentliche Existenzkrisen und karnevaleske Episoden vor dem Spiegel sind die Regel, vor allem wenn Mia mit ihrer Persona konfrontiert wird, sei es von ihrer Wahlfamilie, ihrer biologischen Sippschaft oder ihrem substanzlosen Freund Ben (Jonas Armstrong).

Außergewöhnliche Rollen sind für Chloë Sevigny keine Ausnahme. Ihr Spielfilmdebüt gab sie als HIV-infizierte 16-Jährige in Larry Clarks Kids (1995). In Boys Don’t Cry (1999) spielte sie die Freundin eines transsexuellen Mannes, in der HBO-Serie Big Love (2006-2011) war sie mit einem Polygamisten verheiratet und in der US-Serie American Horror Story spielte sie kürzlich eine Nymphomanin. Diese Hauptrolle ist also ein konsequenter Karriereschritt.

Hit & Miss ist psychologisch nicht immer ganz transparent, kann sich aber dank eines frischen Konzeptes, des einfühlsamen Drehbuchs von Sean Conway, des stimmungsvollen Settings und der fantastischen Chloë Sevigny, die ihre Rolle glaubwürdig „verkörpert“, als gut gebautes Familiendrama entfalten. Die karge Landschaft und die kalkulierte Vorgehensweise, mit der die Killer-Mama ihren Job erledigt, stehen dabei in effektvollem Kontrast zu einer chaotischen und leidenschaftlichen Innenwelt der Charaktere. Die erste und letzte Staffel gibt es nun, nach der Ausstrahlung auf RTL-Crime, auf DVD. Sehr schade, dass es trotz Applaus von Kritik und Publikum keine Fortsetzung gibt. Mit Hit & Miss ist den Briten ein zeitgerechter Filmroman inmitten einer tollkühnen Serienlandschaft gelungen.