Sweeney Todd

Sweeney Todd

Nackt und bloß, tapfer und schön

| Alexandra Seitz |

Mit „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ inszeniert Tim Burton ein schaurig-schönes Musical zwischen Grand Guignol und Horror Stummfilm.

Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street, Tim Burtons Verfilmung des gleichnamigen Musicals von Stephen Sondheim, ist ein Meisterwerk. Ein schmerzvoll schönes Stück über blinde Liebe und blinde Rache. Düster und blutig und zu Tränen rührend.

Die literarischen Wurzeln des bereits mehrfach verfilmten Stoffes reichen zurück ins viktorianische England. 1973 verarbeitete ihn Christopher Bond in einem Theaterstück. Auf dem wiederum basiert Sondheims Musical, das nach einem Libretto von Hugh Wheeler entstand und 1979 am Broadway Premiere feierte.

Berichtet wird darin die traurige Mär vom Schicksal des Barbiers Sweeney Todd, vormals Benjamin Barker, der nach langen Jahren der Gefangenschaft in einer finsteren Nacht zurückkehrt nach London, um Vergeltung zu üben. Als Todd noch Barker hieß und verheiratet war mit einer schönen Frau, stolzer Vater eines hübschen kleinen Mädchens, da warf der sinistre Richter Turpin sein begehrliches Auge ins pastellene Idyll und auf des Barbiers Gattin. Er schaffte den Unschuldigen unter einem Vorwand nach Australien, bemächtigte sich dessen Frau und lebt nun mit deren Tochter, die sein Mündel ist, in der kalten blaugrauen Stadt.

Barker, vielmehr: Sweeney Todd, will und wird ihn ermorden. Er wird ihm die Kehle durchschneiden, wie zuvor noch zahlreichen anderen. In Sweeney Todd fließen Ströme von Blut: Sie spritzen Fontänen gleich, sie erscheinen in Sekundenschnelle wie ein herbeigezaubertes, seidenes Halstuch, sie werden herausgepumpt aus dem Körper und sie ergießen sich wie ein kleiner Wasserfall, eine letzte zärtliche Geste. Ihr Rot ist der farbige Ausweg aus der Dunkelheit dieser Geschichte.

Sweeney Todd ist ein Musical, daher wird hier viel, um nicht zu sagen: fast ausschließlich, gesungen. Und zwar zu einer komplexen, perfides Vergnügen am Spiel mit Dissonanzen findenden, wunderbaren Musik, der mit dem zugehörigen Gesang Ehre erwiesen werden will.

Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang lautet daher, dass die Gesangsstimmen von Johnny Depp (Sweeney Todd) und Helena Bonham Carter (Mrs. Lovett) sich als der Herausforderung ihrer Partien gewachsen erweisen. Mehr noch: Die Tatsache, dass es sich bei den beiden um im Singen nicht geübte Schauspieler handelt, verleiht ihrem Gesang ebenso wie ihrem Spiel etwas zugleich Wagemutiges und Zartes. Beide liefern sich in ihrer künstlerischen Arbeit aus. Sie sind verletzlich und angreifbar, doch sie wagen’s trotzdem. Und wenn sie ihr ganzes Herz in ihre unperfekten Stimmen legen, dann sind sie immer wieder sekundenlang ganz sie selbst. Das zu sehen und zu hören ist schön. Und gilt im übrigen für alle, die mitspielen und -singen. Alan Rickman (der unrasierte Richter Turpin), Timothy Spall (sein schmieriger Gehilfe Beadle) und Sacha Baron Cohen (der aufgeblasene Konkurrent Pirelli) – sie sind allesamt keine Sangesprofis.

Doch sie werden, in umgekehrter Reihenfolge, alle den gleichen Weg gehen: Auf den Rasierstuhl, und dann durch den Schacht hinab in den Keller, wo ihnen mit ihren durchschnittenen Kehlen beim Aufprall auch noch das Genick bricht. Nein, zimperlich geht es nicht zu in diesem Film. Unter der Rezension der New York Times stand der treffende Hinweis: „It’s not Hairspray.“

Indeed it isn’t

Munter also blitzen die Rasiermesser, die Sweeney Todd kurz nach seiner Ankunft mit dem niederschmetternden Song My Friends so leidenschaftlich begrüßt hat. Nicht nur hier erinnert diese Figur, wie Depp/Burton sie gestalten, an den armen Edward mit seinen Scherenhänden. Sweeney ist dessen dämonischer Bruder, Mr. Hyde, getrieben von reiner Mordlust, dem Vergnügen am Gebrauch der Klinge. Sweeney weiß sie virtuos zu führen.

Die Messer blitzen und sie fordern ihre Opfer. Aus diesen backt Mrs. Lovett, deren Geschäft sich praktischerweise unter Todds Barbier-Gemach befindet, sodann Fleischpasteten. Das Unternehmen floriert, und Mrs. Lovett erlaubt sich zu träumen: von einer gemeinsamen Zukunft mit Mr. Todd und dem aus den Fängen Pirellis geretteten Burschen Toby. Es ist eine der gruseligsten Patchwork-Familien, die sich jemals jemand ausgedacht hat. Und doch hat Mrs. Lovetts strahlend blauer Traum etwas sehr Anrührendes an sich. Einen Moment nämlich sieht es danach aus, als bestünde Aussicht auf Rettung. Als könnten die Figuren ihrem grausamen Schicksal entkommen.

Doch hier geht es um Massenmord und Kannibalismus. Wenigstens vordergründig. Denn natürlich geht es auch um Liebe und Verletzung und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Um Trauer, Zorn und das Erleiden eines nicht wieder gut zu machenden Verlustes. Während einen die Handlung mit ihrer Grausamkeit und Brutalität erschreckt, drückt Sondheims Musik den tiefsten Schmerz aus, den Generalbass einer Reise ins Herz der Finsternis. Sie erzählt die andere Geschichte von Sweeney Todd, dem dämonischen Barbier aus der Fleet Street. Die Geschichte seiner tragischen Blindheit.

Das Opernhafte, das die, die sich auskennen, Sondheims Musical bescheinigen, realisiert sich bei Tim Burton in einer Inszenierung, die der Theatertradition des Grand Guignol den filmhistorischen Rekurs auf den Horror-Stummfilm zur Seite stellt und so die Tür öffnet zu einem wuchtigen Melodram. Virtuos verknüpft Burton Aktion und Subtext, wenn er Blutbäder anrichtet, ohne dabei die emotionalen Nuancen der Szene aus den Augen zu verlieren. Er gibt den Schauspielern in ausdrucksvoll reduzierten Sets genügend Raum, Gesang und Spiel in Einklang zu bringen. Und mit einem Mal wird diese zutiefst artifizielle Welt zur Gänze bestimmt von jenem unmittelbaren Ausdruck des Gefühls, der Singen ist. Und diese Unmittelbarkeit fließt wiederum zurück in die Darstellung der Figur, die solcherart an Dimension gewinnt. Das alles geht sehr ruhig und konzentriert vor sich und ist beglückend und beunruhigend zugleich.