Die diesjährige 67. Ausgabe des Edinburgh International Film Festival machte weniger mit Stars und britischen Premieren als mit feinen Retrospektiven auf sich aufmerksam
Edinburgh, immerhin das älteste ununterbrochen stattfindende Filmfestival der Welt, hatte es auch in diesem Jahr schwer. Seit der Entscheidung vor fünf Jahren, den Festivaltermin von August auf Juni vorzuverlegen, um sich aus dem ewigen Schatten des populären Sommer-Kulturevents, dem Edinburgh Fringe, zu befreien, ist irgendwie die Luft raus. Das mag jedoch weniger ein zeitliches Problem sein, als vielmehr ein grundsätzliches. Zwar gibt es seit dem letzten Jahr zumindest wieder eine künstlerische Leitung – auch die hatte man zwischenzeitlich verloren und zunächst ganz bewusst nicht neu besetzt in der wilden Idee, das Programm stattdessen mit Hilfe eine Reihe von Gast-Kuratoren zu gestalten – aber auch Neuankömmling Chris Fujiwara kann nicht viel ausrichten, wenn selbst die wichtigsten heimischen Produktionen des Jahres ihre Weltpremieren mittlerweile lieber auswärts feiern, wie etwa Ben Weathleys surreales Bürgerkriegsdrama A Field in England, der auf dem zudem fast zeitgleich stattfindenden Internationalen Karlovy Vary Film Festival im Wettbewerb lief und dort den Spezialpreis der Jury gewann.
Nimm was du kriegst, schien deshalb die Devise, und davon vor allem das, was sich an den Kinokassen am ehesten verkaufen lässt. Denn was man in diesem Jahr in erster Linie zu sehen bekam, waren Publikumsschmeichler wie Noah Baumbachs umwerfendes Porträt zerplatzter Träume, Frances Ha, Chad Hartigans Sundance-Hit This is Martin Bonner, Sofia Coppolas The Bling Ring, James Wans übernatürlicher Geisterfilm The Conjuring, Jurassic Park 3D oder Jan Ole Gersters globaler Festivaldarling Oh-Boy. Dazu gab es erwartungsgemäß jede Menge Arthouse, allerdings von derart durchwachsener Qualität, dass man die Wettbewerbsjury unter dem Vorsitz des Südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho nicht um ihre Aufgabe beneidete. Vergeben wurde der Preis für den besten Film schließlich an Mahdi Fleifels umstrittenen Dokumentarfilm A World Not Ours, der auf der heurigen Berlinale im Panorama lief und dort bereits den Friedensfilmpreis erhielt. Eindringlich, aber mit einem feinen Sinn für Humor, beschreibt der dänische-palästinensische Regisseur darin den Alltag im palästinensischen Flüchtlingslager Ain El-Helweh im Süd-Libanon, in dem er selbst aufgewachsen ist, bevor die Familie später nach Dänemark emigrierte. Zu den Protagonisten gehören sein Großvater, der seit Jugendjahren in Ain el-Helweh und von seiner Hoffnung auf Rückkehr lebt, sowie sein psychisch angeknackster Onkel und Fleifels langjähriger Freund Abu Eyad, der zunehmend mit seiner Lebenssituation und den politischen Verhältnissen zu kämpfen hat. Mit bemerkenswert entwaffnender Offenheit blickt Fleifel in A World Not Ours in seine eigene Geschichte zurück, was allerdings zur Folge hat, dass dem Film mitunter eine gewisse Einseitigkeit vorgeworfen wird, zumal er die israelische Seite mit ihrer Flüchtlingsgeschichte gänzlich unerwähnt lässt.
Selbst wer der überwiegend drögen Programmauswahl zunächst noch relativ hoffnungsvoll gegenüberstand, konnte am Ende dem angeschlagenen Stand des Festivals nicht länger leugnen. Die Tatsache, dass der renommierte Michael Powell Award für den „besten neuen britischen Film“ an Leviathan von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel ging – einen Film, der seit Sommer letzten Jahres die Festivalrunde macht und bereits im März in den österreichischen Kinos zu sehen war – sprach für sich, obgleich der mitreißende, elementarische filmische Doku-Essay über die moderne Hochseefischerei zweifelsohne jeden Preis verdient hat. Wer sich allerdings über die durchaus reale Vielfalt und Umtriebigkeit des britischen Kinos ein Bild machen wollte, war in Edinburgh auch in diesem Jahr an der falschen Stelle, dafür musste man schon nach Cannes fahren oder, wie bereits erwähnt, in die Tschechei.
Auch die neu eingeführten Schwerpunktreihen mit Filmen aus Korea, Schweden und den angeblichen Perlen des amerikanischen Independent Kino brachten nur wenig frischen Wind ins Getriebe. Und doch: Gute Filme, gar Lichtblicke, gab es natürlich trotz alledem, wenn auch von der eher klassischen Seite. Es waren wieder einmal die Retrospektiven, die in Edinburgh, das muss man den Festivalmachern lassen, immer sehenswert sind, und die auch in diesem Jahr zum Teil den größten Applaus bekamen. Zum einen gab es eine kleine, aber feine Richard Fleischer Werkschau mit 6 Filmen aus den fünfziger bis siebziger Jahren, darunter so wunderbare True-Crime-Psychodramen wie The Girl in the Red Velvet Swing (1955) und The Boston Strangler (1968), das rasante Film-noir-Schmankerl The Narrow Margin (1955) und der Sci-Fi Meilenstein Fantastic Voyage (1966). Vor allem Letztgenannter war vor dem Hintergrund der Allgegenwart von 3D Projektionen in jedem Fall eine erneute Sichtung wert. Die Geschichte um einen russischen Wissenschaftler, der ins Koma fällt, woraufhin ein Team von Chirurgen und Spezialagenten in geheimer Mission auf die Größe einer Mikrobe geschrumpft und mittels eines Mini-U-Bootes auf eine Reise in das Innere des Mannes geschickt wird, lebt von den großartigen psychedelischen Spezialeffekten, die Fleischer in seinem Film äußerst geschickt zum Einsatz bringt. Natürlich ist das Ganze völlig absurd, natürlich ist Joe Dantes Innerspace (1987), der sich an Fleischers Vorgabe orientiert, im Grunde der anspruchsvollere Film, und doch besticht Fantastic Voyage nicht zuletzt durch seinen spektakulären Ideenreichtum und einen versteckten, mitunter geradezu dreisten Humor, der die allgemeine Festivalstimmung beflügelte.
Die zweite Retrospektive mit dem Titel „Symphonies of Life“ widmete sich dem Werk des Franzosen Jean Grémillon, von seinen Stummfilmdramen aus den späten zwanziger Jahren bis hin zu diversen Kurz-Dokumentationen über Kunst und Mystik, denen er sich in seiner letzten Schaffensphase zuwandte. Dazwischen leistete Grémillon einen nicht unbeachtlichen Beitrag zum französischen Film des poetischen Realismus wie beispielweise in L’Ètrange Monsieur Victor (1938), mit dem großen Raimu in der Hauptrolle. Erzählt wird die Geschichte eines angesehenen Geschäftsmannes, der ein Doppelleben führt und heimlich eine Bande von Kriminellen leitet. Als Victor einen Mann tötet, der versucht ihn zu erpressen, wird der unschuldige Pierre Blanchar für diese Tat verurteilt. Doch dem gelingt es, auf dem Gefängnis zu entkommen und bei Victor Unterschlupf zu finden. Das wunderbare an dem Film ist, dass jede Figur auf die eine oder andere Weise von Schuldgefühlen geplagt zu sein scheint, bis auf die wirklichen Schuldigen. L’Ètrange Monsieur Victor bietet allerdings nicht nur eine meisterhafte Analyse von Sein und Schein, von Schuld und Sühne, sondern ist auch visuell von wunderbar ineinandergreifenden Kontrasten bestimmt, und eine bezaubernde Madeleine Renaud sowie die herrlich dreiste Viviane Romance in den weiblichen Hauptrollen verkörpern die Figuren, die ihnen am besten stehen: die eine ein Engel, die andere ein Teufel. Nur Edinburgh selbst steckt weiterhin irgendwo dazwischen fest, im gefährlichen Mittelmaß.
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