Gustavo Santaolalla, in Argentinien aufgewachsener Filmmusik-Star mit starkem Identitätsbewusstsein und Hang zur Oscar-kompatiblen Reduktion, im Gespräch.
Viele Leute kennen seine Musik, ohne es zu wissen. Denn der 1952 in einem Vorort von Buenos Aires geborene Musiker, Produzent und Komponist Gustavo Santaolalla ist einer der ganz Großen im Film- und Musikbusiness – aber einer von denen, die vor allem hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Seine vielfach prämierten Soundtracks zu Filmen wie Amores Perros, Babel und Brokeback Mountain klangen bereits unzähligen Kinogängern im Ohr, während dem einen oder anderen Freund von Latin Music die von ihm produzierten Künstler Juanes und Molotov sowie Santaolallas eigene Band Bajofondo ein Begriff sein dürften. Generell gilt: Was dieser Mann anfasst, wird fast immer zu Gold. Mag sein reduzierter Kompositionsstil und sein anti-symphonischer Ansatz in Filmmusikkreisen auch nicht unumstritten sein, der überragende Erfolg von Santaolallas musikalischer Vision ist es zweifellos.
Sie sind als Musiker, Songwriter, Musikproduzent und nicht zuletzt auch als Filmmusikkomponist erfolgreich. Woher stammt diese Begeisterung für so viele unterschiedliche Arten und Aspekte von Musik?
Nun, ich war seit meiner Kindheit stets von Musik umgeben. Meine Eltern waren zwar nicht selbst Musiker, aber sie haben leidenschaftlich gern und oft Platten gekauft. Wenn ich die Plattensammlung bei uns zu Hause mit der von anderen Familien verglich, war sie wirklich riesig. Als ich fünf war, entdeckte ich die Gitarre für mich, und mit zehn war ich das erste Mal Mitglied in einer Band, die eine Art argentinische Folkmusik spielte. Mit zwölf besaß ich schließlich meine erste elektrische Gitarre und gründete eine eigene Band. Das war zu dem Zeitpunkt, als die Beatles gerade richtig populär wurden – sie veränderten mein ganzes Leben. Die Beatles sind bis heute eine meiner größten Inspirationsquellen.
Wann haben Sie bemerkt, dass Musik nicht nur eine Passion, sondern auch eine Karrieremöglichkeit sein kann?
Das war witzigerweise schon relativ früh, denn als ich 15 war, bekam ich meinen ersten bezahlten Auftrag. Ich bin in einem Vorort von Buenos Aires aufgewachsen, dort besuchte ich zuerst eine britische Grundschule und danach eine deutsche Highschool. Der Vater eines meiner Schulfreunde an der Highschool drehte damals Amateurfilme. Er hatte gerade einen Kurzfilm fertig gestellt und wollte, dass ich die Musik dafür schreibe. Das war mein erster Job. Mit 16 Jahren habe ich dann meinen ersten Plattenvertrag mit RCA unterzeichnet und begann Platten aufzunehmen. Im Prinzip habe ich zeitgleich angefangen, als Künstler und als Produzent tätig zu sein. So kam es, dass ich mich bis vor acht Jahren komplett der Kunst verschrieben hatte, Platten zu machen; in der ersten Zeit hauptsächlich als Musiker, später dann vor allem als Produzent.
Hat Ihr Umzug in die USA Ihre Musik und Ihr Leben nachhaltig verändert?
Ich bin 1978 in die USA gegangen. Das waren damals sehr schwere Zeiten in Argentinien, sowohl politisch als auch sozial. Der Terror, den der Staat der Bevölkerung antat, war unvorstellbar; 30.000 Menschen verschwanden spurlos. Es wurde verboten, meine Musik im Radio zu spielen, und irgendwann wurde es schlicht unmöglich für mich, in meinem Heimatland weiterhin künstlerisch zu wachsen oder auch nur dort zu leben. Also habe ich Argentinien verlassen. Obwohl das nicht ganz richtig ist – eigentlich habe ich Argentinien nie wirklich verlassen. Ich bin zwar nach Los Angeles gezogen, habe aber über all die Jahre hinweg kontinuierlich an verschiedenen Projekten in Argentinien gearbeitet und diese unterstützt.
Ihre musikalische Identität ist demnach noch heute stark mit Argentinien verbunden?
Ich war immer sehr an dem Konzept von Identität interessiert, dem Konzept wer du bist und woher du kommst. Besonders seitdem ich meine Heimat verlassen habe, hat mich dieses Thema unaufhörlich begleitet, das ist bis heute so. Also habe ich stets eine Menge Musik gemacht, die mit meinen Wurzeln zu tun hat, mit meinen lateinamerikanischen Wurzeln. Das sieht man auch an den Künstlern, deren Musik ich produziert habe: von Café Tacuba, Juanes und Molotov bis hin zu Bajofondo; all diese Projekte haben eine Verbindung mit mir als Argentinier, als Lateinamerikaner.
Wie und wann kam schließlich der Sprung ins Filmmusikfach zustande?
Vor acht Jahren ergab sich plötzlich eine neue Möglichkeit für mich, nämlich die Möglichkeit, Filmmusik zu machen. Ich hatte damals gerade eine Instrumentalplatte veröffentlicht, deren Fertigstellung mich insgesamt 13 Jahre Zeit gekostet hatte, da bekam ich einen Anruf von Michael Manns Büro, und mir wurde mitgeteilt, dass auf meiner Platte ein Track sei, den er gerne für The Insider verwenden würde; zudem wollte er mich persönlich kennen lernen. Als wir uns trafen, zeigte er mir dann die Szene, in der er das Stück einsetzen wollte – und erstaunlicherweise funktionierte die Musik wirklich fantastisch im Film. Bald danach kam es zu dem berühmten Schneeballeffekt. Ein Freund von mir rief mich an, um mir von Alejandro González Iñárritus Projekt Amores perros zu berichten, seinem ersten großen Film. Ich kannte zu der Zeit weder Alejandro noch das Drehbuch, noch den Film selbst, und daher hätte ich das Ganze aus Zeitgründen fast augenblicklich verworfen, aber irgendwie dachte ich instinktiv, ich sollte die Sache lieber doch im Auge behalten. Wie gesagt, ich war drauf und dran, nein zu sagen. Dann kamen jedoch ein paar Leute nach L.A., um mir den Film zu zeigen, und schon nachdem ich die ersten zehn Minuten gesehen hatte, rief ich: „Ich bin dabei! Ich mache das!“
Ihre Beziehung zu Iñárritu stand also von Anfang an unter einem guten Stern?
Alejandro und ich wurden sehr schnell sehr gute Freunde. Er ließ mich daher auch gleich an seinem nächsten Film, 21 Grams, arbeiten, und er stellte mich außerdem Walter Salles vor, für den ich die Musik zu Motorcycle Diaries schrieb; und als wir den Film schließlich beim Sundance Filmfestival präsentierten, sagte auf einmal jemand: „Gustavo und Ang Lee sollten sich treffen“. Daraus entstand dann Brokeback Mountain.
Das klingt ganz nach einer Fügung des Schicksals. Welche Filmprojekte stehen demnächst an?
Insgesamt habe ich noch gar nicht so besonders viele Soundtracks geschrieben, und das habe ich auch künftig nicht unbedingt vor. Mir geht es vor allem darum, gute Arbeit abzuliefern, als Musiker, als Produzent und nun eben auch als Filmkomponist. Im Moment arbeite ich mit Tranh Anh Hung zusammen, dem vietnamesischen Regisseur, der The Scent of Green Papaya gedreht hat und der vor ein paar Jahren mit Cyclo bei den Filmfestspielen in Venedig gewann. Dies wird übrigens sein erster Film in englischer Sprache. Dieses und nächstes Jahr arbeite ich dann erneut mit Alejandro und mit Walter Salles, für den ich On the Road vertonen werde, die Verfilmung des Beatnik-Klassikers von Jack Kerouac, produziert von Francis Ford Coppola.
Sie haben offensichtlich eine Schwäche für Roadmovies. Denken Sie, dass Ihr großer Erfolg als Filmmusikkomponist auch darin begründet liegt, dass Sie anders an das Schreiben eines Soundtracks herangehen als ein klassisch ausgebildeter Komponist?
Ich denke ja. Ich bin kein akademisch ausgebildeter Musiker oder Komponist, ich weiß nicht wirklich, wie man Musik schreibt oder liest, ich mache das alles sehr intuitiv. Darum ist mir das praktische Spielen besonders wichtig; ich spiele sehr viel selbst auf meinen Scores. Ich benutze aber auch ganz bewusst eine andere Herangehensweise, um Musik für einen Film zu schreiben. Erstens arbeite ich sehr viel mit dem Skript und zweitens rede ich sehr viel und intensiv mit dem Regisseur. Am stärksten kam diese Methode bei Brokeback Mountain zum Tragen, denn hier schrieb ich die gesamte Musik, bevor der Film überhaupt abgedreht worden war. Und Ang Lee hatte dann den nötigen Durchblick, um zu sagen: „Gut, dieses Stück benutzen wir hier und jenes dort.“ Hinterher wird natürlich noch die Länge einzelner Tracks angepasst, aber die Themen sind grundsätzlich alle schon vorhanden. Aufs Bild komponiere ich nur ab und zu.
Nach den unzähligen Preisen, die Sie erhalten haben, welchen Stellenwert nehmen da die beiden Oscars ein?
Die sind schon etwas Besonderes. Der Grund, warum ich besonders stolz bin, ist vor allem folgender: Die Academy hat endlich akzeptiert, dass man Musik für einen Film schreiben kann, die ohne Symphonieorchester auskommt und trotzdem wertvoll ist; Musik, die mit sehr wenigen Elementen eine Story erzählt und transportiert. Deshalb war speziell der Oscar für Brokeback Mountain so großartig. Und im folgenden Jahr noch meinen zweiten Oscar für Babel zu erhalten, gab mir das schöne Gefühl, wirkliche Anerkennung zu erfahren.
Bei Brokeback Mountain konnten Sie nicht nur Ihr filmmusikalisches Können beweisen, sondern auch Ihr Talent als Songwriter. Wie war das für Sie? Einer Ihrer Songs für den Film hat ja den Golden Globe gewonnen.
Ja, A Love That Will Never Grow Old von Emmylou Harris. Ich liebe die Songs für Brokeback Mountain, schon weil ich ja in erster Linie nach wie vor ein Songwriter bin, denn das ist es, womit ich ursprünglich einmal musikalisch angefangen habe. Und angefangen habe ich auch mit der Gitarre, die ist bis heute mein Nummer-Eins-Instrument.
Sie touren gerade mit Ihrer Band Bajofondo, um ein neues Album vorzustellen. Welchen Hintergrund hat diese Band und ihre Musik?
Bajofondo ist eine Gruppe, deren Mitglieder alle aus Argentinien oder Uruguay stammen. Daher ist unsere Musik sehr eng verbunden mit diesem Teil der Welt und dem großen Fluss dort, dem Río de la Plata. Das Wort Bajofondo selbst wird oft im Zusammenhang mit Tango verwendet, speziell in den dazugehörigen Texten, es ist eine Art Referenz, eine Erinnerung an den Ort, an dem Tango geboren wurde, nämlich in einer etwas schäbigen Unterwelt, ähnlich dem Geburtsort von Jazz. Später eroberte diese Musik dann auch die Upper Class, aber in den Anfängen war es die Musik der armen Leute.
Wie wichtig ist Ihnen das Live-Erlebnis? Fühlen Sie sich auf der Bühne zu Hause, wenn Sie mit Ihrer Band performen?
Ja, ich liebe es live zu spielen. Zwischendurch habe ich fast zwanzig Jahre lang nicht auf der Bühne gestanden, aber als ich dann mit Bajofondo zurück in die Konzerthallen kam, fiel mir auf, wie sehr es mir gefehlt hat.
Haben Sie bei dem vollen Terminplan eigentlich jemals Zeit für andere Dinge außer Musik?
Ach ja, schon. Ich betreibe einen kleinen Buchverlag, ich baue meinen eigenen Wein an und ich möchte gern häufiger als Filmproduzent tätig werden, nachdem ich gerade die Produktion meines ersten Dokumentarfilms abgeschlossen habe, El Café de los Maestros. Und ich habe noch mehr Interessen! Momentan entwickle ich gerade eine Tango-Tanzshow, arbeite an Plänen für einen neuen Club und ein Hotel … Es gibt viele Dinge, die ich tun möchte. Aber auf lange Sicht will ich vor allem noch stärker ins Filmgeschäft einsteigen.
Was ist für Sie eigentlich der schönste Aspekt an Ihrem beruflichen Erfolg? Gibt es etwas, das Sie besonders schätzen?
Gerade durch meinen Erfolg als Filmmusikkomponist haben sich mir viele neue Türen geöffnet, denn das Kino ist ein sehr mächtiges Medium. Heute rufen mich viele Stars persönlich an, oder Leute, die ich mein Leben lang bewundert habe, kommen plötzlich auf mich zu und sagen mir, dass sie meine Arbeit schätzen. Es ist schon etwas ganz Besonderes, wenn jemand wie Elvis Costello oder Werner Herzog einem seine Bewunderung ausspricht. Hin und wieder kommt es auch zu wirklich speziellen Situationen. Neulich schreibe ich ein wenig Musik für einen Dokumentarfilm, den Madonna produziert, und man glaubt ja nie, dass Madonna einen mal wirklich anrufen wird, und dann – hat man sie plötzlich am Telefon. Das ist einer dieser tollen, verrückten Momente.
