Be Kind Rewind – Die Stunde der Enthusiasten

Die Stunde der Enthusiasten

| Bettina Schuler |

Michel Gondry plädiert in „Be Kind Rewind“ an den Auteur in uns allen und an die Lust am gemeinschaftlichen Arbeiten.

Hat Michel Gondry Vilém Flusser gelesen? Das ist eine Frage, die sich bei der Rezeption von Gondrys neuem Film Be Kind Rewind (Abgedreht) stellt. Denn der Medienphilosoph Flusser, der immer für eine dialogische und Gemeinschaft fördernde Nutzung von Medien plädierte, hätte seine wahre Freude an dem Gemeinsinn und der Kreativität, den die Freunde Mike (Mos Def) und Jerry (Jack Black) mit der Realisierung ihrer Filme bei den Bewohnern ihres Viertels freisetzen. Dabei sollte Mike, ein braver Bursche, Aushilfe in Mr. Fletchers (Danny Glover) recht altmodischer Videothek, an der die Erfindung der DVD spurlos vorüber gegangen ist, eigentlich nur für ein paar Tage auf den Laden aufpassen. Alles läuft auch wie am Schnürchen, bis sein Freund Jerry in die Videothek spaziert und dank der elektromagnetischen Strahlen, die er sich während eines Sabotageakts beim örtlichen Kernkraftwerk eingefangen hat, versehentlich alle Videobänder löscht. Als sich dann auch noch eine Stammkundin (Mia Farrow), die heimlich von Mr. Fletcher beauftragt wurde, nach dem Rechten zu sehen, ein Ghostbusters-Tape ausleihen will, scheint die Katastrophe perfekt. Der einzige Ausweg, den die beiden schrägen Typen jetzt noch sehen, ist, sämtliche Filme nachzudrehen und zu hoffen, dass es niemand bemerkt. Und siehe da: Anstatt sich über die skurrilen, trashigen Neufassungen zu beschweren, erhöht sich bei den Kunden der Videothek schlagartig die Nachfrage. Als jedoch eine Anwältin im Namen der Hollywood-Studios (Sigourney Weaver) wegen Verletzung des Copyrights mit einer millionenschweren Klage droht, scheint der plötzliche Ruhm von Jerry und seiner Crew dahin. Doch einen letzten Film über den legendären Jazzmusiker Fats Waller, der in ihrem Viertel gewohnt haben soll, wollen sie unbedingt noch unter Mitwirkung der gesamten Nachbarschaft realisieren.

Lustobjekt Film

Ebenso wie in seinen beiden vorigen Spielfilmen The Science of Sleep (2006) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) greift Regisseur Michel Gondry in Be Kind Rewind tief in die visuelle Trickkiste, in der sich für diesen Film vor allem zweckentfremdete Alltagsgegenstände befinden, mit deren Hilfe die beiden Nerds Mike und Jerry ihre trashigen Low-Budget-Produktionen realisieren und die durch ihre Laienhaftigkeit einen Charme entfalten, an den viele glatt produzierte Hollywoodproduktionen nicht herankommen. Konnte man in The Science of Sleep durch die beiden verträumten Protagonisten Stéphane (Gael García Bernal) und Stéphanie (Charlotte Gainsbourg), die gerne in ihre selbst gemachte Welt aus Pappmaché abtauchten, nur erahnen, wie ein Gondry’sches Werk entsteht, so stellt der Regisseur in Be Kind Rewind seine Methode des Filmemachens offen zur Schau. Es ist, als drehte er die Zeit zurück und der Zuschauer könnte ihn bei seinen ersten filmischen Gehversuchen begleiten – wie er, von der Liebe zum Medium Film gepackt, mit einer Schere in der einen und einer Kamera in der anderen Hand, sich seine eigene Welt der Illusion bastelt. Diese Liebe zum Medium, die sich durch Detailverliebt- und Verspieltheit in allen Filmen Gondrys widerspiegelt, ist es auch, die der Regisseur in den Mittelpunkt von Be Kind Rewind stellt, und von der die zwischenmenschliche Liebe in den Hintergrund gedrängt wird. Die sexuell motivierten Liebesbeziehungen zwischen Stéphane und Stéphanie in The Science of Sleep oder zwischen Clementine (Kate Winslet) und Joel (Jim Carrey) in Eternal Sunshine of the Spotless Mind weicht in Be Kind Rewind der platonischen Liebesbeziehung zwischen den Filmfreaks Jerry und Mike, deren Kinder die gemeinsamen Filmprojekte sind. Frauen dagegen treten nur als Teil des Teams oder als kurzzeitiges Objekt der Begierde auf. Die eigentliche Handlung, die drohende Schließung von Mr. Fletchers Videothek, gerät jedoch über diese Liebe zur Verspieltheit in den Hintergrund und in manchen Momenten wünscht man sich, Gondry hätte zugunsten einer stringenteren Erzählung auf die eine oder andere Pointe oder filmhistorische Anspielung verzichtet. Doch das verzeiht man ihm schnell, denn Be Kind Rewind versprüht den gleichen naiv-fröhlichen Charme wie bereits sein gesamtes bisheriges Oeuvre.

Mut zum Dilettantismus

Doch Michel Gondry geht es in Be Kind Rewind nicht nur um seine Liebe zum Kino, sondern auch um den Mut zum Experimentieren, der vielen Menschen fehlt und sie davon abhält, ihre eigene Kreativität auszuleben, weil sie Angst davor haben, sich mit ihrer laienhaften Kunst lächerlich zu machen. Am Beispiel von Jerry und Mike will Gondry zeigen, dass es in der Kunst weniger um Perfektionismus als um Eigenständigkeit geht, die sich durch den markanten, persönlichen Touch, den man einem Werk verleiht, auszeichnet. Eine Aufforderung, die in Zeiten von YouTube, in denen jeder die Möglichkeit hat, mit einem Minimum an Kosten seine eigenen Songs oder Filme auf eine öffentliche Plattform zu stellen, etwas verspätet wirken mag. Doch geht es Gondry weniger um die Kreativität, die man allein im stillen Kämmerlein auslebt, um sich später damit auf irgendwelchen Plattformen zu präsentieren, als um das gemeinschaftliche Arbeiten an einem Projekt, das nicht nur Freude, sondern auch Gemeinsinn weckt. So gelingt es den beiden Freunden Mike und Jerry mit der laienhaften Realisation ihrer Filme, nicht nur ihrer Interpretation von bereits bekannten Geschichten ein eigenes Gesicht zu geben, sondern auch die Bewohner ihres Viertels mit einzubeziehen. Die sich, weil sie entweder selbst mitspielen oder zumindest den einen oder anderen Darsteller kennen, durch die Filme viel mehr angesprochen fühlen als von den üblichen Hollywoodproduktionen. Jeder will ein Teil des filmischen Universums von Mike und Jerry sein, auch wenn es sich um eine noch so kleine Rolle handelt. Und am Ende des Films, wenn alle zusammen vor einem kleinen Fernseher in der Videothek die Dokumentation über Fats Waller sehen, liegt der neu erweckte Gemeinschaftssinn förmlich in der Luft.

Dadurch zeigt Gondry, dass Medien, wie es Vilém Flusser immer wieder in seinen Texten forderte, einen Gemeinschaft stiftenden und Kommunikation fördernden Charakter haben können, wenn sie denn dialogisch funktionieren und jeder Konsument, in diesem Fall die Bewohner des Grätzels, auch Produzent werden kann. Dafür darf man sich allerdings nicht vom Perfektionswahn, der in Zeiten digitaler Nachbearbeitung fast jedes mediale Produkt befällt, abschrecken lassen. Mit Be Kind Rewind will Gondry nicht nur auf die Beliebig- und Austauschbarkeit dieser Hochglanzprodukte hinweisen, sondern auch auf den Charme, den sowohl Filme, als auch Menschen erst durch ihre Ecken und Kanten erlangen. Denn erst durch das Besondere, die Abweichung von der gängigen Norm, entsteht Charisma. Zudem, das zeigen auch Gondrys Protagonisten, ist es ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Stärke, zu seinen eigenen, nicht vollkommenen Werken zu stehen. Umgekehrt nämlich verbirgt sich hinter dem Hang zum Perfektionismus nicht selten nur die Angst vor Kritik und Ablehnung.

In Be Kind Rewind plädiert Michel Gondry dafür, sich an den Talenten zu freuen, die in einem stecken, und sich nicht durch den ständigen Vergleich mit anderen von der Realisation seiner Träume abschrecken zu lassen. Ein bisschen mehr Leichtigkeit und weniger Verbissenheit im Umgang mit sich selbst, das ist es, was Gondry sich in Zeiten des wachsenden Erfolgsdrucks wünscht. Denn Perfektionismus führt nur zur Lähmung. Das wusste schon Winston Churchill, und der war bekanntlich Stotterer.