Mit ihrem Spezialprogramm „Into the city“ präsentieren die Wiener Festwochen auch heuer wieder einige interessante filmische Projekte
Das Thema Integration zieht sich wie ein roter Faden durch das vielfältige Angebot: Fotos von Kids mit Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen werden im Zoom Kindermuseum ausgestellt, der Augarten wird zur Spielwiese von Fußballern aus dem Kosovo und jugendlichen Delinquenten, die mit der Hip Hop Gang von Texta auftreten, zahlreiche Musikgrößen u.a. Momus und Aktionskünstler nehmen die technische Universität für eine Nacht in Besitz und bringen die Hörsäle und Labors mit neuen Performance Formaten zum Schwingen und „Mitten im Achten“ kann man in der beschaulichen Josefstadt mit Hilfe von Führungen und Aktionen in das Paralleluniversum des achten Bezirkes von Budapest eintreten, einem vibrierenden Schmelztiegel von Ungarn, Roma, Arabern und Chinesen.
Im Rahmen des umfangreichen Programms werden auch drei interessante Filme gezeigt. Im Anschluss an die Europapremiere von The Black List (Volume 1) wird der Initiator des Projekts Elvis Mitchell im Votivkino für ein Publikumsgespräch zur Verfügung stehen. Seine Idee ist eigentlich einfach und nahe liegend, trotzdem hat bisher niemand ein so sensibles und ambivalentes Porträt des schwarzen Lebens in den USA zustande gebracht wie der Herausgeber des Magazins „Interview“. In zwanzig fünfminütigen Interviews erzählen Persönlichkeiten aus den Bereichen Kultur, Sport, Politik und dem öffentlichem Leben davon, wie es ist, als Schwarzer in einem Land Karriere zu machen, in dem bis in die 60er Jahre in einigen Staaten noch immer die Rassentrennung praktiziert wurde. Der Fotograf und Regisseur Timothy Greenfield-Sanders verzichtet auf manierierte Kamerafahrten und konzentriert sich auf halbnahe Einstellungen der Interviewten, die mit Hilfe der ausgezeichnete Montage unter Aussparung der Fragen direkt zum Publikum zu sprechen scheinen. Der zentrale Punkt in den Gesprächen ist die schwarze Identität einst und jetzt, aber durch die Verschiedenartigkeit des Hintergrunds von Persönlichkeiten wie Toni Morrison, Chris Rock, Colin Powell oder Reverend Al Sharpton ergeben sich immer neue Facetten des Kampfes der Schwarzen um Anerkennung und Respekt. Treffende Anekdoten wie die komische Erklärung, warum die Schwarzen immer lachen, wenn sie die extrem angsterfüllte Reaktion der weißen Protagonisten in Horrorfilmen sehen, wechseln sich ab mit philosophischen Einsichten über die Mechanismen der Gesellschaft. Der Zorn über die Jahrhunderte lange Diskriminierung wird konterkariert von einer seltsamen Nostalgie nach der Wärme einer Community, die noch wusste, wofür sie kämpfte (ein berühmter Spruch, der im auch im Film zitiert wird, lautet: I´d rather be a lamp post in Harlem than a Governor in South Carolina). Auch wenn es heute zweifelsohne leichter für Minderheiten ist, vor allem im Showbiz auch ganz an die Spitze des Establishments zu kommen, darf man nicht vergessen, dass es gerade mal 25 Jahre her ist, dass der frisch gebackene Oscar Preisträger Lou Gossett Jr. Jahre auf weitere Angebote warten musste, weil die Studios erst nach dem Erfolg von Eddie Murphy langsam an die Box Office Qualitäten von schwarzen Schauspielern zu glauben begannen. Erst wenn es keinem mehr auffällt und es nicht mehr erwähnenswert ist, dass irgendein Prominenter oder Erfolgreicher eine dunkle Hautfarbe hat, ist der Weg von der Sklaverei in die wahre Gleichberechtigung in den Herzen und Hirnen aller Menschen abgeschlossen. Aber bis zu dieser wohl noch weit entfernten Zukunft muss jeder vielleicht aus verschiedenen Gründen mit seinen Mitteln für dieses Ziel kämpfen, wenigstens darüber wären sich wohl alle Befragten einig.
Auch im ungarischen Animationsfilm Nyocker (The District) von Aron Gauder, der im Rahmen des Josefstadtvergleichs seine Österreich Premiere erlebt, steht die ethnische Frage im Mittelpunkt der durchgeknallten Handlung. Ein junger Roma liebt die Tochter des verfeindeten lokalen ungarischen Unterweltbosses. Das einzige Mittel die Konflikte zu bereinigen ist Reichtum für alle. Also unternimmt er kurzerhand eine Zeitreise in die sehr ferne Vergangenheit, um mit Hilfe des Umbringens möglichst vieler Mammuts dafür zu sorgen, dass unter seinem Bezirk Joszefvaros in der Gegenwart gewaltige Ölreserven lagern. Der Plan geht auf, nur leider hat niemand damit gerechnet, dass die internationale Gemeinschaft allen voran die Weltpolizei Amerika nicht amused über ein neues Ölförderndes Land ist. Also müssen die vermeintlichen Terroristen unschädlich gemacht werden. Eine Atomrakete ist schnell gezündet, nur die geografische Inkompetenz der Angreifer bewahrt die Helden vor der Auslöschung. Am Ende ist das Öl versiegt und alle streiten wieder glücklich miteinander. Doch die absurde Story ist völlig nebensächlich bei dieser schnellen Satire auf die lokale – und die Weltpolitik, es geht viel mehr um das von exzellenten ungarischen Hip Hop Tracks transportierte Lebensgefühl eines multiethnischen Bezirkes, der gerade aus den unterschiedlichen kulturellen Wurzeln seiner Bewohner seine spezielle Kraft bezieht. Der visuell gelungene Film wurde ähnlich wie Richard Linklaters A Scanner Darkly mit der Unterstützung von realen Schauspielern gezeichnet, verliert sich aber zu sehr in immer neuen Wendungen, um die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten zu können.
Dass Fußball nicht nur ein Vehikel zum patriotischen Fahnenschwingen sein muss, beweist das spannende Kunstprojekt „Peace Kicking Mission“. Österreichische Amateurkicker reisen im Mai 2008 in den Kosovo und messen ihre Kräfte mit den Einheimischen. Und weil in dieser Krisenregion hinter jedem Dress eine Geschichte steckt und beim gemeinsamen Spiel die Leute zusammen kommen, wird Anfang Juni im Rahmen einer großen, musikalisch untermalten Fußballparty im Augarten ein erster Einblick in den zukünftigen Film über diese integrative Reise zum besseren Verständnis zwischen den Kulturen gewährt.
