„World Peace X“ oder: Brad Pitt und die russischen Songcontest-Omis

„World Peace X“ oder: Brad Pitt und die russischen Songcontest-Omis

| Barbara Wurm |

Das 35. Moskauer Internationale Filmfestival (20.-29.6.2013)

Nachdem es gerade mal eröffnet war, hätte man das Moskauer Internationale Filmfestival im Grunde auch schon wieder als erledigt betrachten können, zumindest aus der Sicht vieler russischer Kritiker. Die nämlich messen den Erfolg der Veranstaltung daran, ob jemand und wer durch sein Erscheinen dem Eröffnungszeremonial rund um Gastgeber und Filmwelt-Zar Nikita Michalkov den nötigen Glamour-Effekt verleiht. So betrachtet, wurde 2013 alles erreicht: Brad Pitt war da, posierte ausgiebig und trieb nach einer (wie so oft) kuriosen und überlangen „Show“ – einem folkloristischen Potpourri aus Zirkus, Bigband und den Buranowski Babuschki (Songcontest-Omis 2012) – lässig aber bestimmt zum Startschuss für World War Z an. Der Film selbst (die 3D-Brillen waren abgezählt) wurde phasenweise hämisch wie frenetisch beklatscht, eigentlich eine ganz gute Strategie im Umgang mit der so unironisch neo-souveränen Problembewältigungsart des Weltenretters Gerry Fielding.

Souveränitätsgesten, von denen man nicht weiß, wie ernst sie gemeint sind, gerichtet gegen epidemisch sich verbreitendes Übel, von dem man nicht so genau weiß, wo es herrührt, auf einer politischen Weltkarte, die nur noch usual suspects aufweist, Freund, Feind, irgendwie alles klar (oder auch nicht), dazu enthusiastisch-zynischer Beifall. Das alles passt ganz gut zum aktuellen künstlerischen und also politischen Diskurs, in einem Land, das seine Gerichtsprozesse gegen Andersgläubige gern aus der Position des Schwächeren aufrollt, dann aber mit entschiedener Härte vorgeht.

Budgetmäßig scheint sich Moskau ohnehin mit Hollywoodproduktionen messen zu können: neun Festivaltage, drei Wettbewerbe (Zerre / The Particle von Erdem Tepegöz  gewann den „Goldenen Hl. Georgij“ für den besten Spielfilm in einem wie immer maximal durchschnittlichen Wettbewerb, Ojciec i syn / Father and Son des Altmeisters Pawel Loziński hochverdient den Dokumentarfilmpreis, der russische Zamok Elfov / Elven Castle die Kurzfilm-Wertung), eine schier unüberschaubare Zahl an Programmschienen, darunter drei Länderschwerpunkte (Portugal, Niederlande, Korea) und vier Personal-Retrospektiven: des im Mai verstorbenen Ausnahme-Regisseurs des Landes, Aleksej Balabanov, von Jury-Mitglied Ursula Meier (kluges Kino, sympathische Frau, wohltuend im gendertechnisch asynchronen Russland), Bertolucci (hätte man für das Geld besser aufbereiten können) und Costa-Gavras (der 80-jährige erhielt schon im Vorfeld einen Ehrenpreis für’s Lebenswerk und zeigte auch seine großartige Turbobanker –Satire Le Capital). Die Überfülle des Festivalprogramms ist Symptom und Symbol zugleich. Das „Wer“ und „Wieviel“ überwiegt vor dem „Was“ und dem „Wie“. Kvirikadzes Rasputin mit dem berühmtestem und gewichtigstem Green-Card-Inhaber der Nation (anyone goes …) in der Rolle des rätselhaften Zarenbeschwörers (Gérard Depardieu) ergab sich da fast naturgemäß als Abschlussfilm.

Letztlich ist das Festival ein prestigesüchtiges Unternehmen, an dem alle teilhaben wollen, das aber den Anschluss an ein ganz bestimmtes internationales Level des post-imperialen Festival-Stils verpasst hat. Oder sagen wir es so: Es gibt da zwar Weltklasse-Filme zu sehen, eine ganze Menge sogar, was zeigt, wie sehr man den Circuit überblickt und Größen schätzt – von Jia Zhangke’s herausragendem Gattungshybriden Tian zhu ding / A Touch of Sin, Rithy Panh’s meisterlichem L’image manquante / The Missing Picture, Ulrich Seidls Paradies-Trilogie oder Kira Muratova’s ebenso phänomenalem wie durchgeknalltem Vechnoe vozvrashchenie / Eternal Return über historische Denkmäler wie Kon Ichikawa’s Tôkyô orinpikku / Tokyo Olympiad bis hin zu den Arthouse-Saison-Hits Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon / Nobody’s Daughter Haewon (Hong Sangsoo) und 3x3d (Godard/Greenaway/Pêra) –; doch die global-trotting-film-critics kennen die schon, während sich dem Publikum aufgrund zahlreicher Überflüssig-Hypes ein unprofilierter, ungeordneter Wust an Titeln präsentiert, der zur totalen Beliebigkeit einlädt und sämtliche Kriterien der Einschätzung und Selbsteinschätzung ad acta legen lässt.  

So weiß man am Ende nicht, ob Konstantin Lopušanskij gut beraten war, die internationale Premiere seines veritablen Meisterwerks Rol‘ / The Role an den Moskauer Wettbewerb zu verschenken. In diesem stilsicheren, unscheinbar hochexperimentellen Drama überlebt ein ‚weißer‘ Schauspieler den mörderischen Rausch des russischen Bürgerkriegs in der Hauptstadt Petrograd, flieht nach Finnland, lebt ein sicheres mondänes Leben, kehrt aber in der Verkleidung eines ‚roten‘ Offiziers zurück und ‚spielt‘ nun den Hasard des ‚echten Lebens‘, besessen von der Idee, die Regie-Konzeptionen des modernen postrevolutionären Dramas auf die Spitze zu treiben. Dass er dort, in der von Irrsinn und Polit-Eifer getriebenen Heimat, lieber eines schicksalshaften Todes stirbt, als im bürgerlichen Helsinki vor sich hin zu fremdeln, mag auch ein Hinweis auf die heutigen Verhältnisse sein. Was bleibt, ist die Qual der Wahl. Bei wenig Wahlfreiheit.

Keiner wusste das besser (und auch zu nützen) als Aleksej Balabanov, oft nur noch enfant terrible genannt. Sein früher Tod war ein Schock für Russland – ja, und für‘s Weltkino –, auch wenn er sich mit Ja tože choču / I also want (Venedig-Premiere 2012) im Grunde schon verabschiedet hatte aus dieser Welt, um einen Blick in die drübere zu werfen. Im 35 Sitze fassenden, kleinsten Saal des Festival-Multiplex „Oktober“ wurden die meisten seiner Filme gezeigt. Mehr traute man dem ‚internationalen‘ Publikum nicht zu: Im Rahmen des ‚nationalen‘ Gedenkabends – in jenem „Haus des Kinos“, das dem alten Filmverband gehört und angeblich der Renovierung hingegeben wird (im Klartext: der Schließung) – war immerhin der Haus- und Hofherr, Nikita Michalkov, selbst gekommen, um sich gebührend zu verabschieden.