Ein Patriot auf dem Weg durchs Jammertal: In the Valley of Elah von Paul Haggis.
Eigentlich kann Hank Deerfield sich nicht vorstellen, dass sein guter Junge sich ohne guten Grund unerlaubt von der Truppe entfernt, schließlich hat der Ex-Soldat und Vietnamveteran ihn nach seinem Bilde erzogen. Doch der Anrufer aus Fort Rudd, New Mexico, lässt keinen Zweifel, Deerfields Sohn Mike ist AWOL, absent without leave, spurlos verschwunden, kurz nachdem er von einem Einsatz im Irak zurückgekehrt war. Also macht sich der besorgte Vater auf den Weg, lässt Ehefrau Joan in Munro, Tennessee, zurück, und fährt zum Armeestützpunkt, um dort auf eigene Faust nach dem Rechten zu sehen. Hanks Sorge erweist sich bald schon als nur zu berechtigt, denn Mike, vielmehr das, was von ihm übrig ist, wird auf einem Stück Brachland entdeckt; verstümmelt, zur Unkenntlichkeit verbrannt, regelrecht hingerichtet mit 42 Messerstichen. Er sei möglicherweise das Opfer mexikanischer Drogendealer geworden, mutmaßt die Polizei. Hank ist das zunächst einmal egal, denn wer auch immer für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist, er wird ihn finden und zur Rechenschaft ziehen. Unterstützt wird er dabei von Detective Emily Sanders, die als alleinerziehende Mutter bei ihren männlichen Kollegen einen schweren Stand hat und daher mit Deerfield eine Allianz der Abweichler eingeht.
Am Ende steht für Hank Deerfield jedoch die schmerzhafte Erkenntnis, dass der Verantwortliche und der Täter nicht vollkommen identisch sind; dass jener, der das Messer führte, zwar verurteilt, dass jedoch der, der jenen soweit trieb, kaum belangt werden kann. Soldaten ziehen in den Krieg und führen Befehle aus – kehren manche von ihnen traumatisiert zurück, überfordert das den militärischen Apparat. Denn dass der kämpfende Mann am Handwerk des Tötens scheitert, weil die ideologischen Implikationen moderner Kriegsführung zu komplex geworden sind, passt nicht ins Weltbild einer auf Drill gegründeten Armee; sie erweist sich bei dieser Gelegenheit als von den Zeitläuften überholt und hoffnungslos unfähig. Für einen Mann wie Hank ist diese Erkenntnis so besonders schmerzhaft, weil er, wie vor ihm bereits sein Vater, sein ganzes Leben in den Dienst an der Armee gestellt und mit Mike nun auch noch seinen zweiten Sohn an sie verloren hat. Hank Deerfield fährt nach Hause und wirft das Handtuch, indem er die Flagge hisst.
Film im Minenfeld
Mit In the Valley of Elah konnte Drehbuchautor und Regisseur Paul Haggis nicht an den Erfolg von Crash anknüpfen, der 2005 zum Überraschungserfolg und im Jahr darauf mit zwei Oscars (Bester Film, Bestes Drehbuch) ausgezeichnet wurde. Demgegenüber spielte In the Valley of Elah in den USA gerademal sieben Millionen Dollar ein und reiht sich damit ein unter die in den USA derzeit so unbeliebten Irak-Kriegsfilme, die nichtsdestotrotz mit der Hartnäckigkeit des Verdrängten wiederkehren und, einer nach dem anderen, den produzierenden Studios Millionenverluste bescheren. Filme wie Redacted von Brian De Palma, Badland von Francesco Lucente, Grace is Gone von James C. Strouse, Stop Loss von Kimberly Peirce, Battle for Haditha von Nick Broomfield oder Home of the Brave von Irwin Winkler beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der schwierigen Lage, in die der Krieg gegen den Terror die Weltmacht gebracht hat. Die einst so stolze Nation steckt gespalten in der Identitätskrise, wie gebannt von der Horror-Vorstellung eines zweiten Vietnam, konfrontiert mit unbedacht entfesselten religiösen und ethnischen Konflikten, deren langfristige Folgen noch überhaupt nicht abzusehen sind. Die zahlreichen an PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) leidenden Soldaten, die aus den Kriegsgebieten zurückkehren und wenig bis gar keine Hilfe erfahren, stellen in diesem Kontext lediglich die Spitze des Eisbergs dar, jenen Teil des Problems, der den zu Hause Gebliebenen unmittelbar vor Augen steht. Inzwischen ist sogar schon wieder von einer „verlorenen Generation“ die Rede.
Im Stich gelassen
Viele der erwähnten Irak-Filme stützen sich auf tatsächliche Ereignisse, auch In the Valley of Elah beruht auf einem Verbrechen, dem 2003 Kriegsheimkehrer Specialist Richard R. Davis zum Opfer fiel. Dieser Umstand nun gibt Haggis die Gelegenheit, seinen Stoff als Krimi zu inszenieren, als ziemlich guten Krimi zumal, und die Themen Patriotismus, Verantwortung, Versagen, Verrohung und Zynismus scheinbar nebenher mitlaufen zu lassen. Scheinbar nebenher, weil Hank Deerfield mit Tommy Lee Jones geradezu ideal besetzt ist und dessen Respekt gebietende Leinwand-Persona dafür sorgt, die Figur des zunehmend fassungslosen Soldaten-Vaters vom Vorwurf des Verrats an den kämpfenden Truppen frei zu halten. Keiner käme auch nur auf die Idee, diesem verschlossenen, beherrschten Mann unamerikanische Gedanken oder unpatriotische Gefühle zu unterstellen. Deswegen sind sein Entsetzen und seine Enttäuschung angesichts des Abgrundes, der sich vor seinen Augen auftut und seinen Glauben, sein Vertrauen und seine Familie verschlingt, so berührend. Sein Land hat ihn im Stich gelassen. So wie er zuvor seinen Sohn im Stich gelassen hat.
