Die fünfte Auflage von Crossing Europe bekräftigte die Rolle des Linzer Europafilmfestivals als barrierehemmendes, hierarchieloses Wohlfühl-Branchentreffen. Ein Festivalneuling berichtet.
Ein kleines, unscheinbares Kino in der Linzer Innenstadt. Eine Menschenschlange ragt bis zur Straße hinaus. Mittendrin steigt ein Jugendlicher ungeduldig von einem Fuß auf den anderen: „Glaubst du, wir kriegen noch Karten?“ Etwas näher beim Eingang, selbe Schlange. Ein Filmjournalist wendet sich nervös an seine Kollegin: „Na hoffentlich geht sich das noch aus.“ Kurz vor der Spitze, bereits im Foyer des Kinos. Eine gut gelaunte Dame plaudert mit Dramaturg und Oktoskop-Gestalter Robert Buchschwenter: „Der Andrang ist zwar groß, aber du wirst schon einen Platz bekommen.“ Die gute Laune ist verständlich. Die Dame ist Christine Dollhofer, Leiterin des Linzer Filmfestivals Crossing Europe.
Die Publikumsresonanz ist ausgesprochen gut bei der heurigen, fünften Ausgabe des Festivals. Vor allem bei diesem Film – This Is England von Regisseur Shane Meadows. „Den hätten wir vermutlich auch doppelt so oft spielen können, er wäre wohl immer voll gewesen.“ Christine Dollhofer muss es wissen. Bereits seit 2004 ist sie mit Crossing Europe bemüht, dem europäischen Kino eine geeignete und würdige Plattform zu bieten. „Es gibt sehr viele europäische Filme, die im regulären Kinobetrieb keinen Platz finden – die mir aber wichtig erscheinen.“
So auch This Is England: England unter der Regentschaft von Margret Thatcher in den frühen achtziger Jahren – gefangen in einem Korsett aus verstörtem Nationalismus und Perspektivlosigkeit. Die Jugend flüchtet sich entweder in permanente, drogengestützte Verdrängung oder in rechtsradikales Gedankengut. Oder noch schlimmer: in beides. Erzählt wird die Geschichte eines zwölfjährigen Außenseiters, der in einer Gruppe von Skinheads neue Freunde zu finden glaubt. Ein fast schon kitschig familiär inszeniertes Ambiente wird jedoch bald durch den Interessenkonflikt beider angesprochener Fluchtkalküle zerstört. Meadows unausgewogene Filmästhetik paart sich mit übertrieben romantischer Musik und erstickt dabei schon frühzeitig die Chance auf ein erschütterndes, progressives Porträt im Keim. Großer Andrang beschert eben noch lange keinen guten Film. Trotzdem hat er seinen fixen Platz im Festivalprogramm verdient – allein wegen seiner Funktion als Zuschauermagnet.
Schauplatzwechsel. Das Restaurant „Gelbes Krokodil“, zentraler Treffpunkt der Festivalbesucher. Es herrscht reger Austausch. Anscheinend beiläufig gesellt sich ein Mann mittleren Alters zu zwei Festivalbesuchern. „Für mich ist Linz die am meisten unterschätzte Kulturstadt Österreichs.“ Der Mann heißt Götz Spielmann und ist österreichischer Regisseur. Bei Crossing Europe präsentiert er seinen neuen Film Revanche (eine ausführliche Besprechung finden Sie in ray 05/08). Sein Lanzenbruch für Linz will etwas heißen: Immerhin war er in diesem Jahr schon zu Gast bei Diagonale und Berlinale. Bei beiden gab es Auszeichnungen für seinen Film. Es spricht für Crossing Europe, dass man beiläufig am Mittagstisch mit Filmemachern plaudern kann. Im Unterschied zu anderen Festivals existiert nur eine gering ausgeprägte Hierarchie. Jeder muss sich an derselben Schlange anstellen – egal ob Filmemacher, Journalist oder anderer Festivalbesucher. „Bei uns gibt es kein Fünf-Klassen-System“, erklärt Christine Dollhofer eine der Stärken von Crossing Europe. „Jeder kann auf die Partys gehen, jeder kann mit jedem ins Gespräch kommen. Der unmittelbare Kontakt und die Nähe des Publikums sind mir ganz wichtig.“
Nähe und Intimität sind nicht nur am Festivalgelände spürbar – sie spiegeln sich auch im 150 Filme starken Programm wider. Als Zuseher in Lo bueno de llorar (Regie: Matías Bize) zum Beispiel wird man mittels Handkamera und einer realitätsnahen Lichtsetzung unbemerkt zum stillen Beobachter eines Paares, deren einzige Zukunft in der Loslösung ihrer gegenseitigen Abhängigkeit liegt. Der Film versteht es dabei eine unaufdringliche, intensive Nähe zu wahren, obwohl sich die Distanz zwischen den beiden Protagonisten immer stärker vergrößert. Joanna Hoggs Unrelated wiederum gewährt intimen Einblick in die Gedankenwelt einer Frau in den Vierzigern, die sich vergeblich um Anschluss bemüht – sei es im Toskana-Urlaub bei einer Gruppe Jugendlicher oder an vergangene Momente ihrer Beziehung. Einer extrem ruhigen Erzählweise stellt Regisseurin Hoggs eine emotional aufwühlende Reise durch die Gefühle einer unsicheren Frau entgegen – geprägt von Enttäuschung, Zurückweisung und Sehnsucht. Gefühle, die sich aufgrund der gekonnten Inszenierung und unmittelbaren Nähe auch beim Zuseher einstellen und so ein intensives Erlebnis ermöglichen. Neu bei Crossing Europe, aber nicht weniger aufwühlend, ist die Genrekino-Reihe „Nachtsicht“, bei der Kurator Markus Keuschnigg fünf Filme aus der europäischen Horrorproduktionslandschaft präsentiert. Den Höhepunkt der Reihe bildet der katalanische Film [Rec], der durch famose Formästhetik und kompromisslose Linearität sein Publikum zu begeistern weiß. Allerdings wurden nicht alle Filme der Reihe so gut aufgenommen. Am Ende der französischen Splatter-Orgie Frontière(s) gab es sogar Pfiffe und Buh-Rufe. Reaktionen, die Keuschnigg wichtig sind: „Ich suche den Diskurs. Schließlich will ich mit der Reihe auch polarisieren und das Publikum zu Diskussionen auffordern.“
Diskussionen, die oft bis in die frühen Morgenstunden in der stets überfüllten „Nightline“ auf dem Mediendeck des OK-Centrums geführt werden. Auch dort erlebt man, was Christine Dollhofer meint, wenn sie sagt: „Das Interessante an Linz ist, dass die Stadt noch nicht kulturell besetzt ist wie etwa Salzburg mit den Festspielen. Sie ist noch ein bissl unbeschrieben, man kann noch Landmarks hinterlassen.“ Beziehungsweise man hat schon ein bissl beschrieben und hinterlassen: Schon bevor Linz 2009 zur Kulturhauptstadt Europas wird, das meinen viele hier, ist Crossing Europe zu einer sympathisch besetzten Marke der Stadt geworden. Hier in der Nightline, zu ausgesuchten Live- und DJ-Klängen, findet jeder Festivaltag seinen feucht-fröhlichen Ausklang. Zugang hat jeder, dem gerade danach ist. Und so findet man sich vor der Bar schnell wieder in einer Menschenschlange stehend – gemeinsam mit Filmemachern und Journalisten. Nur diesmal mit einem etwas anderen Ziel.
