Nach dem Motto „Weltberühmt in Wien“ schaut sich Karin Bergers Dokumentarfilm bei zeitgenössischen Interpreten des Wienerlieds um.
Der gelernte Wiener geniert sich ja oft aus Prinzip für sein Wienertum und hat folglich auch wenig Beziehung zu seinen Wurzeln. Karin Bergers amüsante Annäherung an das Wienerlied beginnt folgerichtig vorsichtig, nämlich mit einem Flug über Wien – untermalt von einem Ruf- und Leiertanz, einem instrumentalen Traditional, interpretiert von Karl Hodina. Genau genommen ist so ein instrumental gespieltes Wienerlied schon der erste von mehreren Brüchen bei dieser musikalischen Entdeckungsreise, gehört doch ein solches Lied gesungen bzw. wenigstens „gedudelt“. Das Was und Wie des Wienerlieds wird zu ergründen versucht, Vincenz Wizlsperger, seines Zeichens genialer Texter der brachialen Wienerlied-Interpreten Kollegium Kalksburg erklärt es zur „vom Aussterben bedrohten Wiener Volksmusik, oder?“ Doch Regisseurin Karin Berger erklärt im weiteren Verlauf fast beiläufig, was das Wienerlied alles nicht (mehr) ist. Sie lässt Oskar Aichinger am Klavier I hab kan Zins no zahlt interpretieren, während sie das Lied mit Filmausschnitten aus dem Jahr 1937 unterlegt, in denen die legendäre Maly Nagl dasselbe Lied singt. Oder um Walter Mallis schräge Saxofon-Improvisation von …was kümmern mi die Zeiten, i wü nur sölich sei auf beinahe schon absurde Weise im Schrammeln-Himmel von Geza von Bolvary aus dem Jahr 1944 in der „Quintessenz des Wienerlieds“ (Oskar Aichinger) gipfeln zu lassen. Auf Klemens Lendls (Die Strottern) Versuch, die Erotik Walther Soykas und seiner chromatischen Knopfharmonika zu beschreiben, folgt ein ohrenbetäubender, Synthesizer-unterstützter vienna e-waltz, den sich Roland Neuwirth, Mastermind der Extremschrammeln (bei denen Soyka lange Zeit gespielt hat) wohl nicht im Entferntesten in einem Wienerlied-Film hätte vorstellen können. Ein Highlight ist auch die Sequenz mit Soykas Zither-Partner Karl Stirner, wenn er das „geriatrische Zittern“ à la Anton Karas einer klaren „englischen“ Spielweise gegenüber stellt.
Wenn auch die zeitgenössische Wienerlied-
Szene ein wenig unübersichtlich und unvollständig bleibt und einige musikwissenschaftliche Details nicht ausreichend erklärt werden, ist Herzausreisser doch eine sehens- und liebenswerte Dokumentation, die nicht nur zeigt, dass die neue Generation der Wienerlied-Interpreten modern, unsentimental und sogar groovig, aber dennoch tief verwurzelt im Wiener Schmäh agiert, sondern auch ganz nebenbei Kritik an den sozialen Verhältnissen von damals (und heute) mitschwingen lässt.
