Julia

Julia

| Alexandra Seitz |

Rasende Fahrt auf einer waghalsig konstruierten Handlungs-Achterbahn, deren rascher Einsturz eine sehenswerte schauspielerische Leistung unter sich begräbt.

Es ist zuviel los in diesem Film. Viel zu viel. Derart viel, dass man gegen Ende – bereits völlig erschöpft von der hysterischen Hektik der vergangenen gefühlten drei Stunden – seinen Augen nicht trauen will, als die Ereignisse sich ein weiteres Mal überschlagen und die ganz Sache erneut eine ziemlich wilde Wendung nimmt. Doch irgendwann ist auch das vorbei, und wie der Marathonläufer, der auf den Mann mit dem Hammer trifft, kommt Erick Zoncas Julia abrupt zum Stillstand und der Zuschauer endlich zur Ruhe. Geklärt ist damit allerdings wenig. Die Titelheldin bleibt mitten auf der Autobahn, tief in einer selbst angerichteten Bredouille steckend, zurück, und einen Ausweg für sie zu finden, der Phantasie des Publikums überlassen – sollte es dazu noch genügend Kraft oder überhaupt nur Interesse daran haben.

Julia erzählt von einer Alkoholikerin, die, angestiftet von einer gleichfalls nicht ganz nüchternen Bekannten, eines Tages auf die hirnrissige Idee verfällt, einen kleinen Jungen zu entführen, um mit dem erpressten Haufen Geld einen neuen Start in ein gutes Leben zu versuchen. Selbstverständlich geht, als sie ihren schnapsschwangeren Plan in die Tat umsetzt, alles nur Erdenkliche schief; unter anderem wird ihr das Entführungsopfer von mexikanischen Entführungsprofis entwendet, was, man kann es sich denken, ihre ohnehin schon schwierige Lage weiter kompliziert.

Dabei hatte es so viel versprechend begonnen. Mit Tilda Swinton nämlich, die in der Rolle der Säuferin einen Parforce-Ritt durch den Sumpf der selbstzerstörerischen Filmriss-Vollräusche hinlegt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Weder Gnade noch Rücksicht mildern ihr energetisch vibrierendes Porträt dieser hemmungs- und haltlos dem Suff ergebenen Frau, die in High Heels auf einem sehr schmalen Grat zwischen glamourös und derangiert entlang schwankt, und der es zunehmend weniger gelingt, ihre des Nachts verlorene Würde am Morgen danach wiederzufinden.

Aber dann setzt, wie gesagt, diese „Handlung“ ein und man kann dabei zusehen, wie die Last der Verantwortung auf Swintons Schultern immer schwerer und schwerer wird. Vergeblich stemmt sie sich mit der Kohärenz ihrer Charakterisierung gegen das sie umgebende Chaos, bis sie schließlich, vom Drehbuch mit hanebüchen sekundenschnellen Läuterungsprozessen überfordert, still und leise zusammenbricht. Und das ist die eigentliche Tragödie.