Zweidimensionale Kunst. Drei Bücher zum Thema.
Wer Bambi, Lady and the Tramp oder Dumbo mag, muss deswegen nicht automatisch auch My Neighbor Totoro, Pom Poko oder Kikis Delivery Service gut finden. Freunden von Asterix und Obelix oder Tim und Struppi sind Akira und Neo-Tokyo möglicherweise nicht so ohne weiteres zu vermitteln. Und ob Ratte Remy oder Prinzessin Mononoke den Schlüsselbund ziert, kann unter Umständen entscheidend sein für eine weitere Verständigung. Auch gezeichnete Welten können Welten trennen, und die kulturelle Differenz zwischen dem Westen und dem Fernen Osten spiegelt sich selbstverständlich in der Kunst des Zeichentrickfilms ebenso wider wie in der des Comics. Anime und Manga lauten die japanischen Begriffe, die seit den späten Achtziger Jahren nicht mehr nur elitären Fan-Zirkeln ein Begriff sind. Um genau zu sein, seit Otomo Katsuhiros Akira von den westlichen Leinwänden donnerte. Es war ein erstaunlicher Moment; Menschen, die an Zeichentrickfilme für Kinder gewöhnt waren, tat sich der Blick in ein anderes und sehr fremdes Universum auf. Darin verusachten Energien ungeklärten, vermutlich kosmischen Ursprungs unvorhergesehene Transformationen, versanken Städte in Schutt und Asche, flossen Ströme von Blut, splitterte Blech und krachten Knochen. Die Hälfte der Zeit wurde furchtbar geschrien („Tetsuo!!!“ – „Kaneda!!!“), in der anderen Hälfte versuchte man zu begreifen, was eigentlich los war. Es war eine Initialzündung. Dabei hatten dieselben, die da mit offenem Mund im Kino saßen, in ihrer Kindheit bereits die TV-Serien Heidi, Die Biene Maja, Pinocchio und Wickie und die starken Männer gesehen. – Das waren gleichfalls japanische Anime, nur eben um einiges zahmere, und sie bereiteten nicht wirklich auf die Vielschichtigkeit und den Bedeutungsreichtum dessen vor, was da ein paar Jahre später noch kommen sollte.
Ob allerdings Akira seinerzeit eine Wundertüte öffnete oder die Büchse der Pandora, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Feld ist weit, die Themen sind komplex und die Zusammenhänge mitunter reichlich kompliziert. Wer sich einen Überblick verschaffen will, ist mit Ga-Netchu! Das Manga Anime Syndrom gut beraten, einem Katalog, der flankierend zu einem aktuellen Projekt in Frankfurt am Main erschienen ist, bestehend aus einer Filmreihe und zwei Ausstellungen: Mangamania – Comic-Kultur in Japan 1800 bis 2008 im Museum für Angewandte Kunst und Anime! High Art – Pop Culture im Deutschen Filmmuseum.*
Dieses großformatige, reich bebilderte und schön gestaltete Buch ist nicht nur äußerlich die reinste Augenweide, es versammelt in seinen 22 Beiträgen internationaler Autorinnen und Autoren auch jede Menge fundiertes Wissen, alte wie neue Erkenntnisse, Hintergrund- und Zusatzinformationen und richtet sich damit an Laien und Neugierige ebenso wie an Kenner und Liebhaber. Blicke über den Tellerrand, die Manga/Anime mit Kunstgeschichte, Politik und Popkultur interdisziplinär verknüpfen, geben zudem Aufschluss nicht nur über die historischen Bedingungen dieser spezifisch japanischen Ästhetik, sondern auch über den in ihr sich ausdrückenden Bewusstseinszustand einer ganzen Gesellschaft. Stephan von Schulenburgs Aufsatz „Manga und japanische Gegenwartskunst“ bietet einen kursorischen Einblick in die Bandbreite dieses diffizilen und zugleich faszinierenden Themas.
Wer sich mit japanischer Gegenwartskunst beschäftigt, kommt um Murakami Takashi und sein Superflat-Manifest nicht
herum, tastet sich von dort aus idealerweise zu einem besseren Verständnis der Otaku-Subkultur vor und landet dann via
der Geschichte Japans von der Meiji-Restauration bis zur Bubble-Economy bei der kulturellen Identitätskrise eines ganzen Volkes, deren Ausdrucksformen wiederum Niedlichkeitskult und Konsumismus sind.** Zunächst bezeichnet „Superflat“ das Fehlen einer Perspektive in Murakamis Bildern – ein Fehlen, das wiederum die Bildsprache der Holzschnitte der Edo-Zeit aufgreift. Der flächig zweidimensionale, mit dem horror vacui fehlender Tiefe drohende Raum wird sodann bis zur Beinahe-Explosion angefüllt mit figurativen Experimenten und radikalen Erfindungen, deren Krachbuntheit und gefällige Formen sie als Manga/Anime-Bastarde ausweisen. Motivisch sind die-se Bilder zwar aussageneutral, die irritierende Wirkung ihres kaum gebändigten Farb- und Formrausches aber ist virulent. Zugleich meint „Superflat“ natürlich auch Oberflächlichkeit in einem ideologischen Sinn. Dann bezieht er sich nicht nur auf die moralische Indifferenz einer reinen Konsumhaltung, sondern auch auf die Tatsache, dass der Bezugsrahmen dieser Kunst, bzw. der Kultur, aus der heraus sie entsteht, weniger die „Wirklichkeit“ oder dreidimensionale Welt ist, als vielmehr die mediale, zweidimensionale Bildschirm-Realität von Internet und gezeichneten Welten.
Für den Einstieg in diesen Komplex eignen sich Yamaguchi Yumis Porträtband Warriors of Art. A Guide to Contemporary Japanese Artists sowie der von Margrit Brehm anlässlich der von ihr kuratierten Ausstellung herausgegebene Katalog The Japanese Experience – Inevitable. Einiger unvermeidlicher Überschneidungen bei den vorgestellten Künstlern zum Trotz ergänzen sich die beiden grafisch sorgsam edierten und opulent illustrierten Bücher ganz hervorragend. Mit ihren Kurzporträts von 40 japanischen Gegenwartskünstlern bietet Yamaguchi die größere Bandbreite, dafür zeichnet Brehms Auseinandersetzung mit den Werken der Superflat-Protagonisten ein intellektuellerer Zugriff aus. Beunruhigend sind in jedem Fall die Bilder. Ein Blick auf Mizuno Junkos sanfte, pastellfarben verschnörkelte Bilder voller Sex und Gewalt oder in Nara Yoshitomos leinwandfüllende, ebenso niedlich wie brandgefährlich dreinschauende Kindergesichter genügt, um ein für alle Mal vom naiven Glauben an die Süße und Cuteness der Produkte japanischer Popkultur geheilt zu sein. Dann fällt einem vielleicht wieder ein, dass man Hello Kitty eigentlich schon immer zutiefst misstraut hat – bevor der Blick in ihre großen runden Augen das Tor zu einem Universum der Sorglosigkeit aufstieß. Zweidimensional und superflach. Verführerisch leer. Scheinbar.
