Gustav Ernst – Provozieren, aber richtig

Provozieren, aber richtig

| Andreas Ungerböck |

Gustav Ernst, geboren 1944 in Wien, gilt seit beinahe 40 Jahren als einer der wortgewaltigsten österreichischen Schriftsteller. Demnächst erscheint sein neues Buch „Helden der Kunst,Helden der Liebe“ , aus dem er im Rahmen des Literaturfestivals O-Töne lesen wird.

Als „sanften Sprengmeister“ hat ihn Karin Cerny vor einigen Jahren in einem Falter-Porträt bezeichnet. Viel treffender kann man es nicht ausdrücken. Sitzt man ihm gegenüber und blickt in sein freundliches Deutschprofessoren-Gesicht voller Lachfalten, käme man nie auf die Idee, dass Gustav Ernst seit nahezu vier Jahrzehnten mit fast allen seinen Veröffentlichungen aneckt. Aufgewachsen in einem Arbeiterhaushalt in Wien-Favoriten, schien ihm – gemäß dem Wunsch seiner Mutter – eine Karriere als Lehrer vorgezeichnet („Das war damals etwas Besonderes: ein Arbeiterkind, die Matura, ein Studium, womöglich noch eine Laufbahn als Lehrer“.) Aber selbst das gewichtigste Argument der Mutter, „du hast dann sehr viel Freizeit, kannst machen, was du willst“, überzeugte ihn letztlich nicht: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man nach Hause kommt, den Lehrerberuf wie einen Hut an den Haken hängt und sich etwas anderem widmet“. Es war 1968, als der politisch wache, aber nie einer Partei zugehörige Ernst auf der Universität Wien Zugang zum Kreis um Robert Schindel fand. „Dort wurden jene Themen diskutiert, die mich brennend interessierten: die Widersprüche zwischen Leben und Kunst, Politik und Privatem, Dinge, die mich bis heute beschäftigen.“ Also wurde es nichts mit dem angestrebten Lehramt in Philosophie und Geschichte, und Gustav Ernst beschritt den dornenvollen Weg des „freien“ Autors. Er war Mitbegründer der bedeutenden Literaturzeitschrift Wespennest, die er bis 1996 herausgab, ehe ein heftiger Streit zur Spaltung führte. Ernst gründete daraufhin gemeinsam mit seiner Frau Karin Fleischanderl 1997 die Kolik (seit einigen Jahren erweitert um die halbjährlich erscheinende Kolik Film). In den Siebziger Jahren hielt sich Ernst mit allerlei Auftragsarbeiten über Wasser. 1974 erschien sein Prosaband Am Kehlkopf, 1977 erregte er mit dem geradezu programmatisch betitelten Theaterstück Ein irrer Hass Aufsehen.

Sein erster großer Roman mit dem doppeldeutigen Titel Einsame Klasse (1979) ist ein großartiges Schlüsselwerk über das Leben, Arbeiten und Lieben eines fanatisch Suchenden, der seine politische Heimat nie richtig gefunden hat, weder bei den „toten Hunden“ (Ernst) der KPÖ noch bei der Sozialdemokratie. „Die so genannte Arbeiterklasse hab ich zur Genüge kennengelernt“, sagt er, „in meiner Familie und unter den Bekannten meiner Eltern, wenn die in unserem Wohnzimmer saßen. Das waren in Wahrheit die ärgsten Spießer, Kleinbürger. Damit wollte ich nichts zu tun haben.“ Korsch, so heißt die Kunstfigur/das Alter ego des Autors im Roman, schreibt unter anderem eine Rede für den Wiener Bürgermeister, die, weil politisch heikel, von den zuständigen Funktionären zusammengestrichen wird. Er verstrickt sich in wilde Diskussionen über Politik und Literatur: In fulminanten Szenen prallen linke, dem „Realismus“ verpflichtete Autoren und Avantgardisten bzw. Formalisten aufeinander. Korsch findet sich irgendwo dazwischen. „Auch wenn ich das politisch abgelehnt habe: Ich konnte schon sehen, dass auch in der Avantgarde gute Sachen gemacht wurden. Unter anderem deswegen haben wir beim Wespennest ein Sonderheft zur Konkreten Poesie gemacht.“ So ganz nebenbei ist Einsame Klasse ein fast schon zeitgeschichtliches Dokument: Es geht um den kurzen Sommer der Arena-Besetzung, der Korsch verstört, weil er ihn aus seiner Arbeit an seinem „großen Roman“ reißt. Der Verpflichtung, als politischer Mensch in der Arena anwesend und aktiv zu sein, entgegnet er mit einem verzweifelten „In den Süden scheißen gehen sollen alle und ihn Ruhe arbeiten lassen.“ Es geht aber auch um die Emanzipationsbewegung auf ihrem Höhepunkt: Korschs Frau Anna, eine Restauratorin, ist drauf und dran, aus der Ehe auszubrechen, worauf der Autor vor allem mit hilfloser Wut und fast körperlicher Gewalt reagiert. Einsame Klasse berichtet auch von der trügerischen Aufbruchstimmung, die im ORF herrschte, als mit dem „Neuen Fernsehspiel“ ein wichtiges Kapitel der jüngeren österreichischen Filmgeschichte aufgeschlagen wurde. In einer brillanten Szene stellt Ernst dar, wie unterschiedlich leider die Gunst der Redakteure (Wolfgang Ainberger, Gerald Szyszkowitz, Wolfgang Lorenz) und des Intendanten (Gerhard Weis) verteilt war: Er, so Ernst heute, kam beim ORF auf keinen grünen Zweig, „die Redakteure waren immer für meine Sachen, aber der Intendant war irgendwie dagegen“.

Nicht zuletzt mag das an der überaus deftigen Sprache gelegen haben, derer sich Ernst (nicht nur) in Einsame Klasse bedient. Die wilde Polemik gegen Politik- und Literaturfunktionäre, gegen Links und Rechts und die Ausfälle Korschs gegen seine Frau (auf einer Fahrt zu einem Familiennachmittag) brachten Ernst aus ÖVP-Kreisen den Vorwurf ein, ein „Fäkalliterat“ zu sein. („Die deutsche Literatur ist eh wie ein Kloster“, sagt Korsch einmal im Roman.) „Es war mein Mittel, auf die verkrusteten Strukturen zu reagieren und zu provozieren“, sagt er heute. „Man musste die Leute einfach wachrütteln.“ Es liegt eine Österreich-typische Ironie darin, dass ausgerechnet Ernst in den Achtziger Jahren längere Zeit eine eigene Sonntagskolumne im damals tiefschwarzen Kurier hatte.

Mit dem Spielfilm Exit – Nur keine Panik (1980) gelang dem „großen Kino-Fan“ zusammen mit Regisseur Franz Novotny ein echter Knüller. Die Geschichte von zwei Wiener Strizzis, unnachahmlich dargestellt von Hanno Pöschl und Paulus Manker, die eine Spur der Verwüstung durch ein allzu beschauliches Wien ziehen, sorgte – nicht zuletzt wegen der einschlägigen Sprüche („Grüß Gott, die Damen, ich hätte da eine Anfrage: Kann man sich bei euch vaginamäßig ein bisserl wichtig machen?“) – für Empörung und für volle Kinos. Gustav Ernst nannte den Film einmal eine „aggressive Idylle“, die man dem biederen TV-Angebot der Zeit entgegensetzte. Nicht nur allerlei Szenegrößen (Kurt Kren, Peter Turrini, Ernst Schmidt jun.) sind in dem Film zu sehen, man hört auch die vielleicht beste New-Wave-Band, die Wien je hervorbrachte, Peter Weibels Hotel Morphila Orchester. Ernst („Ich war eines der ersten Jurymitglieder der Österreichischen Filmförderung.“) schrieb noch ein weiteres gelungenes Drehbuch (für Walter Bannerts Herzklopfen) und engagierte sich in der Folge und bis heute sehr stark im filmischen Bereich, vor allem in Sachen Drehbuch und Dramaturgie und bei der Ausbildung junger Autoren und Autorinnnen. Mit dem holländischen Regisseur Theu Boermans gelangen ihm außergewöhnliche Erfolge am Theater (Tausend Rosen, 1994 von Boermans auch erfolgreich verfilmt, und Faust), er war Herausgeber zahlreicher Literaturanthologien und Drehbuch-Kompendien, und er schrieb drei weitere herausragende Prosatexte, in denen er – formal experimentierfreudig – seinem provokanten Zugang und seiner heftigen Sprache treu bleibt: Frühling in der Via Condotti, Trennungen und Grado. Süße Nacht, der von sexuellen Phantasien durchsetzte Monolog eines Mannes, der in einem Restaurant einer Frau gegenübersitzt. In Grado kommt aber auch das Altern zur Sprache. Gustav Ernst („Wenn früher einer zu mir gesagt hat: ‚Mach doch Sport‘, habe ich geantwortet, ‚Aber sicher nicht’“) ist heute Jogger und gesundheitsbewusst.

Um das Altern geht es auch in seinem neuen Buch Helden der Kunst, Helden der Liebe, das in gewisser Weise an Einsame Klasse anknüpft. Zwei ältere Autoren, Luc und Gerry, unterhalten sich während der langen Autofahrt zu einer Literaturveranstaltung über ihr Leben, ihre Arbeit, das Leben und die Arbeit anderer, den Erfolg, den Ruhm und die Eifersucht, aber vor allem auch über den körperlichen Verfall. Dazwischen einmontiert sind „Statements“ anderer Autorinnen und Autor, zum Teil kenntlich, zum Teil unkenntlich, zu genau denselben Themen. Es ist die wunderbar präzise Bestandsaufnahme eines Künstlers, quasi 30 Jahre danach, eines Künstlers, der viel bewiesen hat und nichts mehr beweisen muss.

Mit dem modernen Literaturbetrieb, mit der Charts-Literatur, die sich „anhand von Long Lists und Short Lists, von Bestseller-Listen und ständig neu erfundenen Literaturpreisen“ orientiert, kann Gustav Ernst (aber wer hätte das anders erwartet?) wenig bis gar nichts anfangen. „Wir erleben die völlige Kommerzialisierung von Literatur. Hier wird eine Literatur geschaffen, die konsensfähig ist und keine Fragen mehr stellt. Alles ist abgesichert und abgesegnet. Man hechelt von einer Sensation zur nächsten. Nicht nur die kleinen engagierten Verlage, sondern auch Randfiguren wie ich, und das sage ich ganz ohne Paranoia, werden dadurch noch weiter marginalisiert.“ Sagt er und lächelt freundlich.