Way late in the game

| Roman Scheiber |

Gift oder Glorie? Über die aktuelle Folge und das Fan-Vergnügen, sich ein mögliches Ende auszudenken: „Breaking Bad“, S5E10 (Buried), Spoiler-Alert.

Vorige Woche veröffentlichte und kommentierte das Online-Magazin „Wired“ gesammelte Fan-Theorien zum Ende der Show (http://www.wired.com/underwire/2013/08/breaking-bad-theories/ ). Dass der Schluss nicht ambivalent oder als Einladung zum Weiterspekulieren angelegt ist, sondern sich definitiv und „hopefully satisfying“ anfühlen wird, hatte Schöpfer und Produzent Vince Gilligan ja schon im Juni angekündigt; die Tagline der optisch elegant reduzierten Teaser-Kampagne zu den finalen Folgen der Show ließ es ebenfalls vermuten – „All Bad things must come to an end“. Die Evolution Walter Whites von Mr. Chips zu Scarface war laut Gilligan von allem Anfang an vorgesehen, doch wie die einzelnen Elemente der Erzählchemie letztlich aufgelöst bzw. die noch losen Handlungsfäden miteinander verknüpft werden, „that we figured out way late in the game“, wie er sich damals ausdrückte.

Hier ein kurzer Aufriss der schlüssigsten Varianten: Nach der Hamlet-Theorie (Jesse ist der Prinz, Mike war die wohlwollende Vaterfigur, Walt ist Königsmörder Claudius) wird die signifikante Rizin-Zigarette, die ja im Flash-Forward-Teaser von Episode 9 wieder zum Vorschein kam, die Hauptrolle spielen – auch das Finale von Hamlet enthält bekanntlich eine entscheidende Giftdosis. Nach dieser Theorie würden am Ende so ziemlich alle sterben. Nämliches wäre der Fall, folgt man der „Vorahnungs“-Theorie, denn als Walt sich mit seinem Sohn in der vorigen Season Scarface anschaut, bemerkt er beiläufig: „Everyone dies in this movie, don‘t they?“. Nach der „Jäger-Sammler“-Theorie (Walt eignet sich Verhaltensweisen seiner Opfer an) müsste er angesichts des Flash-Forward-Openers von Season 5 schon vor dem Ende Skyler und Jesse getötet haben. In besagtem Opener kauft Walt sich übrigens auch eine M60, jene Art Waffe, mit der ein gewisser John Rambo bevorzugt Gegner niedermähte, was wiederum eher auf einen Action-Showdown hindeutet. Beschäftigt man sich ein wenig mit diesen Denkansätzen und mit all den Internet-Recherchen der Fans über (Selbst-)Referenzen und Querbezüge, Farben, Nummern, Orte und Zeichen, wird einem das volle Ausmaß der Interaktivität bewusst, die intelligentes Fernsehen wie Breaking Bad in der heutigen Medienlandschaft zu generieren imstande ist.

Manches lässt sich jedenfalls locker prognostizieren: Je konzentrierter man die Serie geschaut hat, je mehr Hinweisschnitzel man geistig aufgeklaubt hat, je besser man sich in die Handlung geworfene und irgendwann zurückgelassene Zutaten merken konnte, desto größer wird der Genuss der letzten Episoden. Verschwundene Figuren werden zurückkehren, elliptische Schlaufen voriger Seasons nochmals durchzogen, auf früher gestreute Minen getreten, Resonanzen vergangener Detonationen hörbar werden. Hier sind es vor allem Anspielungen auf die und Analogien zur allerersten Folge. Das Erzähltempo bleibt entschleunigt – wobei gleichzeitig der emotionale Gashebel durchgetreten wird. Jesse, der sein Blutgeld – von Schuldgefühlen zerfressen – über halb Albuquerque verstreut hat, strandet im Opener nächtens auf einem Spielplatzkarussell (wo eigentlich das Kind hingehört, das er selbst nicht mehr ist, und jenes, das er auf dem Gewissen hat) und spricht in zwei Szenen kein einziges Wort. Einen exakt an das Ende der vorigen Episode anknüpfenden „High Noon“-Moment zwischen Walt und Hank entscheidet Hank für sich, scheitert jedoch später beim Versuch, Skyler zum Auspacken zu bewegen. Skyler weiß zunächst nicht, ob sie sich schuldig oder erleichtert fühlen soll. Marie, von Hank ins Bild gesetzt, ohrfeigt Skyler und will ihr Baby Holly wegnehmen. Skyler beginnt zu fühlen, wie einst Walt gefühlt hat – Familie vor Moral –, und will wie einst Walt so tun, als wäre nichts passiert. Walt vergräbt sein Geld in sechs Metalltonnen, die an riesige Revolverkugeln gemahnen, in der Wüste und kauft sich einen Lottoschein mit den dortigen GPS-Koordinaten. Und die nervöse „Madrigal“-Vertriebsspezialistin Lydia, seit dem Ausstieg Walts zusehends unter Druck, spielt sich frei, auf ihren rotbesohlten Louboutin-Hacken durch eine dieser tiefschwarzhumorigen Szenen stöckelnd (diese hier erinnert in ihrem Aspekt der Action-Auslassung fast ein wenig an Kaurismäki), die zu den wesentlichen Stärken von Breaking Bad gehören.