Der Baader Meinhof Komplex

Der Tod und die Bürgerkinder

| Jörg Schiffauer |

„Der Baader Meinhof Komplex“ dokumentiert mit verblüffender Genauigkeit eines der umstrittensten Kapitel deutscher Zeitgeschichte.

Schon vor seinem regulären Kinostart hat Der Baader Meinhof Komplex, die Chronik der RAF in der Version von Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel, für jede Menge Aufsehen und Aufregung gesorgt. Das ist bei einem Kapitel der deutschen Zeitgeschichte, das, abgesehen von der Zeit des Dritten Reichs,  zu den meistdiskutierten  und -dokumentierten zählt, zunächst wenig überraschend. Der Spiegel widmete dem Film gleich eine von beinahe hymnischer Begeisterung getragene Titelgeschichte, das Fernsehen reichte die Berichterstattung bereits von Kulturzeit bis zu Beckmann durch. Aber auch die im Zusammenhang mit dem Thema hinlänglich bekannten Kritikmuster sind bereits wieder aufgetaucht: Von oberflächlicher Geschichtsbebilderung, die der politischen Dimension nicht gerecht werde, ist die Rede, Bettina Röhl wiederum, Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof, bezeichnete den Film als „größtmögliche Heldenverehrung“, den Terroristen der Roten Armee Fraktion werde „ein Denkmal gesetzt“. Und man sollte wohl besser nicht dagegen wetten, dass die Diskussionen in den nächsten Wochen an Quantität und Heftigkeit zunehmen werden. Dabei ist Aufgeregtheit angesichts des Films und seiner Methode der Geschichtsaufarbeitung eine denkbar ungeeignete Art und Weise der Auseinandersetzung.

Rekonstruktion der Geschichte

Eichinger und Edel haben mit Der Baader Meinhof Komplex einen formalen und inhaltlichen Zugang gewählt, der, zumindest was das Kino betrifft, ziemlich singulär dasteht. Der Film versucht nämlich, die Geschichte der Roten Armee Fraktion, von ihren Anfängen in der studentischen Protestbewegung der 1960er Jahre, über das Abgleiten in die Illegalität und den Aufbau der terroristischen Organisation, bis hin zu den Geschehnissen des Deutschen Herbstes um die Schleyer-Entführung, als bis in die kleinsten Details rekonstruierte Chronik nachzuerzählen oder präziser gesagt, zu dokumentieren. Dabei orientiert sich der Film sehr eng an dem gleichnamigen Buch des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust, das als das Standardwerk in Sachen RAF gilt. Aust, der sich in seiner journalistischen Arbeit immer wieder intensiv mit der RAF und ihren Folgen auseinander gesetzt hat (und der bereits als Redakteur der Zeitschrift konkret eine persönliche Bekanntschaft mit der damals noch als Starkolumnistin des Magazins fungierenden Ulrike Meinhof pflegte) hat in seinem akribisch recherchierten Buch ein unglaublich detailreiches Protokoll über die Geschichte der Baader-Meinhof-Gruppe verfasst, das jedoch Interpretationen oder Bewertungen weitgehend vermeidet und primär über das faktische Material in einem betont nüchtern gehaltenen Ton Ursprünge, Ziele, Methoden und Personen der RAF zu durchleuchten versucht.

Eine solche Buchvorlage scheint auf den ersten Blick schon aufgrund des Umfangs wenig geeignet für eine filmische Adaption zu sein. Doch Eichinger und Edel haben das Material recht geschickt weitgehend auf jene Ereignisse komprimiert, die zwar durchaus Schlüsselszenen in der Geschichte der RAF darstellen, die sich aber vor allem als singuläre Bilder über die Jahre hinweg längst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. So wird man mit den Szenen der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch die Polizei anlässlich der Ausschreitungen rund um den Besuch des Schahs von Persien im Jahr 1967 konfrontiert, mit der Verhaftung von Andreas Baader, bei der die Polizei einen Panzerwagen auffahren lässt. Der vom selbstmörderischen Hungerstreik gezeichnete Holger Meins fehlt da ebenso wenig wie die grotesk-chaotischen Szenen während des Prozesses in Stammheim. Es sind, wie erwähnt, Bilder, die man schon vielfach rezipiert hat, doch dieses Kaleidoskop an historischen Momentaufnahmen verdichtet sich im Fall von Der Baader Meinhof Komplex zu einem kompakten Rückblick, der ein wenig wie eine Zeitmaschine einen Abschnitt deutscher Zeitgeschichte freilegt. Ein Rückblick, der sich naturgemäß zunächst über die Äußerlichkeit der Bilder manifestiert, doch der Film versteht sich auch als eine Art von präziser und detailtreuer chronologischer Galerie, die zunächst einmal Geschichte präsentiert. Ganz wesentlichen Anteil an dieser Form der Gestaltung hat dabei die erste Garde deutscher Schauspieler, die, völlig uneigennützig agierend, auf Interpretationen verzichten und ihre Rollen weitgehend nach den historischen Vorbildern gestalten. Was aber nicht heißt, dass der Film nur an der Oberfläche hängen bleibt, denn zumindest auf der emotionalen Ebene wird schon zu Anfang nachvollziehbar gemacht, wie aus Empörung über gesellschaftliche Verhältnisse Protest, aus Protest Widerstand und bei Einzelnen dann Gewalt entstehen konnte, und man darf die These einmal in den Raum stellen, dass dieser menschliche Faktor bei Baader, Ensslin & Co. eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat.

Als Fernsehformat ist das Dokudrama eine mittlerweile durchaus etablierte und respektierte Form (Heinrich Breloer hat etwa mit Todesspiel 1997 die Schleyer-Entführung derartig aufgearbeitet), um durch äußere, sichtbare Handlungen historische, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zumindest anzureißen und ins Gedächtnis zu rufen. Das mag im Kino in dieser Form ungewohnt wirken, zumal Der Baader Meinhof Komplex in seiner protokollierenden Erzählweise eine betont distanzierte, beobachtende Position einnimmt. Doch diese intendierten Beschränkungen der Inszenierung verhelfen dem Film auch zu einer Art von rekonstruierter Authentizität, die es ihm ermöglicht, den Themenkomplex in seiner Gesamtheit näher zu bringen und in kompakter Form aufzubereiten. Schlussfolgerungen persönlicher Natur sind auch nach Abspann des Films erlaubt; wer sich umfassender und tiefer gehend mit dem Thema auseinandersetzen möchte, wird ohnehin zumindest um 600 Seiten Stefan Aust nicht herumkommen.

Mythos und Fakten

Angesichts seiner strikt dokumentarischen Erzählweise erscheint es zunächst seltsam, dass Der Baader Meinhof Komplex von Anfang an derartig kontroverse Reaktionen, die zwischen „Ein Film zerstört den Mythos RAF“ (Der Spiegel)  und Bettina Röhls „Heldenverehrung“ (siehe oben) pendeln, auslöst. Das mag jedoch gerade an der umfangreichen und intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema in den letzten Jahrzehnten liegen, die sich über Medien, Wissenschaft, Kunst und Politik erstreckte und schon längst aufgrund der Fülle an Materialien die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion, Mythen und Realität zu verwischen begonnen hat. Etliche Bilder aus Der Baader Meinhof Komplex sind, wie erwähnt, weitgehend bekannt, doch sie jeweils korrekt einzuordnen fällt schon schwerer. Die Verhaftung von Andreas Baader in einer Hinterhofgarage ist durch Fernsehbilder einschlägig dokumentiert, sie wird in Uli Edels Film auch detailgetreu nachgestellt, doch die Szene ähnelt auf verblüffende Art und Weise der Schluss-Sequenz (vom Ende einmal abgesehen) in Christopher Roths Baader (2002), einem Film, der ganz gezielt mit den popkulturellen Mythen um die RAF zu spielen versteht. Der Prozess in Stammheim wurde von Edel und Eichinger am Originalschauplatz nachgestellt, doch die Prozedur kennen wir bereits aus Reinhard Hauffs Stammheim (1986), der auf authentischen Gerichtsprotokollen basiert und dem Der Baader Meinhof Komplex von 2008 sehr nahe kommt. Man mag versucht sein, die Darstellung Baaders als Desperado mit dem Charme eines Zuhälters als einseitig und plakativ anzusehen, wenn er etwa gezeigt wird, wie er seine Mitstreiter während einer Spritztour im gestohlenen Sportwagen dazu animiert, aus Spaß in den nächtlichen Himmel zu schießen und dies mit „Die Knarre löst die Starre“ kommentiert. Doch es sei erinnert, dass Baaders Wurzeln in die Kommune 1 mit ihren spaßig-anarchistischen Polit-Happenings zurückreichen und er von Daniel Cohn-Bendit schlichtweg als „auf den ersten Blick unsympathisches, arrogantes Arschloch“ charakterisiert wurde.

Allein die mediale Dauerpräsenz der RAF hat ihren Teil zur Mythologisierung (und auch zur Verklärung) längst beigetragen, man wird ohnehin nicht darum herumkommen, im jeweiligen Einzelfall der Trennlinie zwischen Fakten und Fiktion nachzuspüren.

Die Revolution der Bürgerkinder

Zweifellos waren die Terroranschläge der RAF und die dadurch ausgelösten Reaktionen des Staates einschneidende Momente der deutschen Geschichte, doch um der Brisanz des Themas auf den Grund zu gehen, wird man tiefer graben müssen. Man findet sich zunächst als Ausgangspunkt bei den studentischen Protesten der Sechziger Jahre wieder, getragen von dem Unmut über gesellschaftliche Missstände und dem Wunsch diese zu ändern. Eine Position, der man auch (oder gerade) heute mit einigem Verständnis und Zustimmung begegnet. Doch bei einigen schlug dieser zunächst positiv besetzte Wille nach Veränderung ins Extremistische aus, Gewalt wurde zum scheinbar legitimen politischen Mittel erklärt, „moralische Empörung war erst langsam, dann immer schneller in krasse Unmoral umgeschlagen“ wie Stefan Aust formuliert. Dass politischer Idealismus sich auch ins Gegenteil verkehren kann, zeigt die Weltgeschichte ja bereits im Großen anhand der Terrorherrschaft am Ende der Französischen Revolution. Und im Gegensatz zu islamistischen Terroristen von heute, mit ihrem Weltbild aus dem Mittelalter, ließen sich die führenden Köpfe der RAF anhand ihrer Biografien nicht so leicht zu Feindbildern machen. Der Bohemien Andreas Baader, die christlich geprägte Pastorentochter Gudrun Ensslin und die renommierte Journalistin Ulrike Meinhof konnte man nicht einfach als Bösewichter aus einer fernen Ecke der Welt abstempeln, das waren Bürgerkinder mitten aus der deutschen Gesellschaft. Sie hätten jedermanns Sohn, Schwester oder Kommilitonin sein können, und diese Erkenntnis war (und ist) angesichts der Taten der RAF zunächst so erschreckend, dass sie immer noch in der Lage ist, heftige Reaktionen hervorzurufen. Dass manche, zumindest angedachte Reaktionen des Staates (etwa ein nachträgliches Einführen der Todesstrafe für Terroristen, wie der Spiegel in seiner Ausgabe 37/08 dokumentiert) nicht viel weniger Angst machen, verdeutlicht nur, dass die Epoche des RAF-Terrors in der Lage war, die übelsten menschlichen Eigenschaften auf beiden Seiten hervorzubringen.

Wie drastisch sich die selbsternannten Revolutionäre nach dem Abtauchen in die Illegalität von den einstmals idealistischen Zielen auch gedanklich abkoppelten und der blanke, brutale Terror, der dutzende Menschen das Leben kosten sollte, mehr und mehr zum um sich kreisenden Selbstzweck wurde, auch das macht Der Baader Meinhof Komplex deutlich. Gefangen in ihrem selbst geschaffenen Wahnsystem, in dem jede Kritik bereits als Verrat betrachtet wurde, radikalisierte sich die Baader-Meinhof-Gruppe zusehends. Diese geistige Abschottung führte etwa dazu, dass die als Journalistin so geschliffen formulierende Ulrike Meinhof Sätze wie „Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann geschossen werden.“ als ernsthafte Argumentation der Stadtguerilla verstanden wissen wollte.

Am Ende führte dieser Weg bekanntermaßen in die Selbstzerstörung, die Revolutionäre fraßen sich in einem ultimativen Akt des Widerstandes selbst, und auch von diesem Irrsinn erzählt der Film. Es bleibt abzuwarten, ob der Der Baader Meinhof Komplex neue Aspekte zu erschließen vermag, doch ein weiterer, nicht unbedeutender Diskussionsbeitrag ist der Film allemal.