Dossier – Der Rattenfänger von Haight-Ashbury

Der Rattenfänger von Haight-Ashbury

| Jörg Schiffauer |

Charles Manson, ein kleiner Krimineller mit einem ausgeprägten Hang zur Egomanie, trug entscheidend dazu bei, dass die Flower-Power-Generation ab 1969 mit Tod und Gewalt assoziiert wurde. Erstaunlicherweise zählt er damit noch immer zu einer festen Größe der Populärkultur.

It was so quiet, one of the killers would later say, you could almost hear the sound of ice rattling in cocktail shakers in the homes way down the canyon.
(Vincent Bugliosi, Helter Skelter)

Manche Ereignisse haben sich, wenn auch aus durchaus unterschiedlichen Gründen, im kollektiven Gedächtnis dauerhaft festgesetzt und können, gleichsam auf der mentalen Festplatte eingebrannt, über Generationen und Jahrzehnte hinweg mit nahezu fotografischer Präzision jederzeit wieder abgerufen werden. Jene eingangs erwähnte Nacht vom 8. auf den 9. August 1969 zählt dazu, und nicht nur Zeitzeugen werden damit augenblicklich die Namen Sharon Tate und Charles Manson verbinden. Der Mord an der aufstrebenden Schauspielerin Sharon Tate war ein in seiner Brutalität Aufsehen erregendes Verbrechen, doch das allein hätte wohl kaum ausgereicht, um dem Hauptverantwortlichen Charles Manson seinen Platz im populärkulturellen Olymp zu sichern und ihm einen Bekanntheitsgrad zu verschaffen, der vermutlich an jenen von John F. Kennedy, Che Guevara oder den Beatles heranreicht. Manson wurde für eine Zeit lang die Personifizierung des amerikanischen Albtraums, ein Synonym für die Abgründe der US-amerikanischen Gesellschaft, doch die Art und Weise der Auseinandersetzungen mit dieser Figur, von der Dämonisierung bis hin zu einer von den Fakten weitgehend entkoppelten Trivialisierung wirft auch ein recht charakteristisches Licht auf die an Ambivalenzen so reiche US-Gesellschaft selbst.

Am Beginn stand ein bizarres Verbrechen. Sharon Tate, hoch schwangere Ehefrau von Roman Polanski, war in ihrem Haus am Cielo Drive in Los Angeles überfallen und brutal ermordet worden, drei Freunde Tates, die den Abend mit ihr verbracht hatten, sowie ein Student, der sich zufällig auf dem weiträumigen Anwesen befand, verloren ebenfalls in dieser Nacht ihr Leben. Die Opfer waren durch eine Vielzahl von Messerstichen furchtbar entstellt, die Täter hatten an die Wände mit dem Blut ihrer Opfer Parolen geschrieben. So grausam die Tat in all ihren schaurigen Details war, so blieb sie für die Ermittler, was das Motiv betraf, gerade wegen ihrer Brutalität, zunächst rätselhaft. Dass bereits in der nächsten Nacht der Supermarktbesitzer Leno LaBianca und seine Frau auf ganz ähnlich brutale Weise ermordet wurden, hatte zwar die angsterfüllte Stimmung in Los Angeles noch verstärkt, doch eine direkte Verbindung zu den Tate-Morden wurde da noch nicht hergestellt. Der Bekanntheitsgrad von Sharon Tate verschaffte dem Fall von Anfang an zusätzliches Aufsehen und heizte die wildesten Spekulationen um Ritualmorde und Verbrechen im Drogenmilieu noch zusätzlich an. Doch trotz des nicht nachlassenden medialen Interesses an dem Fall kam die Polizei der Lösung zunächst keinen Schritt näher.

Die Manson Familie

Als im Oktober die Mitglieder einer Kommune auf einer Ranch im abgelegen Death Valley wegen diverser Eigentumsdelikte verhaftet wurden, hätte zunächst wohl niemand an eine Verbindung zu den Tate-Morden gedacht. Der Anführer dieser Gruppe war der 1934 geborene Charles Manson, der zwar seine Anhänger aus der Flower-Power-Generation rekrutiert hatte, bei genauerer Betrachtung selbst jedoch wenig mit den Ideen der Gegenkultur zu tun hatte. In desolaten familiären Verhältnissen aufgewachsen, verbrachte Manson aufgrund verschiedener krimineller Aktivitäten die meiste Zeit seines Lebens in diversen Erziehungsheimen und Gefängnissen. Die abgeschlossene Welt dieser Institutionen sollte ihn nachhaltig prägen. 1967 auf Bewährung entlassen, zog Manson nach Haight-Ashbury, dem Zentrum der Hippie-Kultur in San Francisco, um dort seine eigene Kommune zu gründen, die er, seiner egomanischen Persönlichkeit entsprechend, „The Manson Family“ nannte.

Die Mitglieder der Familie waren Kinder aus der Mittelschicht, zunächst vorwiegend Mädchen um die zwanzig Jahre, die aus unterschiedlichen Gründen in der stürmischen Umbruchszeit der 1960er Jahre die Orientierung verloren hatten und an den ebenso charismatischen wie diabolischen Verführer Manson gerieten, der Versatzstücke der Hippie-Kultur benützte, um seine soziopathischen Ideen in die Tat umzusetzen. Schon bald begann Manson mit seiner Familie kreuz und quer durch Kalifornien zu ziehen und deren Mitglieder durch eine Mischung aus sexuellen und emotionalen Abhängigkeiten sowie exzessiven LSD-Konsum zu einer verschworenen, auf ihn selbst fixierten Gemeinschaft zu formen, die sich mehr und mehr nach innen abzuschließen begann und bald nur noch blindlings den Botschaften ihres Führers Manson folgte. Dieser gruppendynamische Prozess, den die Manson Family durchlief, erinnert freilich weniger an die Blumenkinder der 68er Generation, sondern vielmehr an jene Vielzahl von religiösen Splittergruppen und Sekten, die in der US-amerikanischen Gesellschaft so fest verankert sind und, es sei nur an Namen wie Jim Jones oder David Koresh erinnert, im Extremfall eine mindestens ebenso zerstörerische Kraft zu entwickeln vermochten wie die „Family“.

Und es war wohl kein Zufall, dass Manson die Gruppe mehr und mehr an entlegene, von der Außenwelt isolierte Orte wie das Death Valley geführt hatte, wo das eigene Wahn-
system immer weniger durch äußere Einflüsse gestört werden konnte.

Der Kriminalfall wird zum Medienspektakel

Nachdem Susan Atkins, eines der inhaftierten Manson-Mädchen, gegenüber einer Mitgefangenen eher unbedarft ihre Beteiligung an den Tate/LaBianca-Morden gestanden hatte, deckten die weiteren Ermittlungen schließlich die Beteiligung der Familie an den Morden auf. Der im Juli 1970 beginnende  Prozess sollte zu einem der längsten Strafverfahren der US-Justizgeschichte werden und die intensive mediale Begleitung machte die morbide Faszination, die spektakuläre Kriminalfälle auf die amerikanische Gesellschaft ausüben, wieder einmal deutlich. Neben Charles Manson wurden Susan Atkins, Leslie Van Houten und Patricia Krenwinkel wegen ihrer Beteiligung an den Tate/LaBianca-Morden angeklagt (ein weiterer Mittäter wartete zu diesem Zeitpunkt in Texas auf seinen Prozess), Staatsanwalt Vincent Bugliosi (der 1974 darüber auch den Bestseller Helter Skelter verfasste) hatte in akribischer Kleinarbeit die Hintergründe und das bizarre Motiv herausgearbeitet: Manson meinte aus dem Beatles-Song Helter Skelter die Aufforderung herausgehört zu haben, einen Rassenkrieg zwischen (in Mansons Terminologie) Schwarz und Weiß zu provozieren, der ein Chaos nach sich ziehen würde, aus dem die
„Family“ als Herrscher der Welt hervorgehen würde. Die Morde sollten dabei angesichts der gesellschaftlichen Spannungen in den USA Ende der Sechziger Jahre nur als eine Art Auslöser fungieren. Und, makaberes Detail am Rande, das Anwesen von Sharon Tate war nur deshalb ausgewählt worden, weil Manson den Vorbesitzer, den Plattenproduzenten und Sohn von Doris Day, Terry Melcher kannte.

So abstrus die Ideen Mansons auch sein mochten, in der Berichterstattung blieben in erster Linie die negativen Assoziationen bezüglich der Jugend- und Hippiekultur zurück. Der kleinbürgerliche und reaktionäre Teil der US-Gesellschaft (von Richard Nixon, der im Jänner 1969 als Präsident vereidigt worden war, schon immer gerne als die schweigende Mehrheit apostrophiert), der die Protestbewegung und Gegenkultur schon immer misstrauisch beäugt hatte, sah sich nur allzu gerne darin bestätigt, diese Bewegung auf sexuelle Ausschweifungen und Drogenkonsum zu reduzieren, samt den anhand der Manson-Familie zu demonstrierenden Folgen. Seit Manson konnte man den Vertretern der Gegenkultur unwidersprochen beinahe alles zutrauen und über Gegenmaßnahmen nicht mehr nur nachdenken – im Mai 1970 eröffnete die Nationalgarde das Feuer auf demonstrierende Studenten an der Kent State University und erschoss dabei vier Studenten.  Dass Mansons wirre Ideen primär auf den rassistischen Strukturen, die innerhalb des US-Gefängnissystems vorherrschen, basieren und er seine „Family“ vorwiegend wie eine autoritäre Sekte, deren Mitglieder einer Art Gehirnwäsche unterzogen wurden, führte, wurde zumindest aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verdrängt. Wie stark der psychische Einfluss des sich als Guru gebärdenden Manson, der sich selbst wechselseitig Jesus und Teufel nannte, gewesen ein muss, zeigt sich allein daran, dass er selbst bei den Tate-Morden gar nicht und bei den La Bianca-Morden nur am Anfang dabei war, seinen Anhängern genügte eine Anweisung ihres Meisters („Wir waren wie Roboter“, sagte etwa Patricia Krenwinkel in einem Interview Jahrzehnte nach der Tat). Die Bilder der glückselig lächelnden und entrückt wirkenden Mädchen auf ihrem täglichen Weg in den Gerichtssaal erwecken auch heute noch den Eindruck, dass sie selbst zu diesem Zeitpunkt keineswegs die Tragweite ihres Handelns erfasst hatten und selbst da noch unter dem Einfluss Mansons standen. Und die übrigen zahlreichen Mitglieder der Familie versammelten sich an jedem Prozesstag vor dem Gerichtsgebäude, um lautstark und vor allem für die Journalisten deutlich sichtbar Stimmung für Manson zu machen. Doch dieses massenpsychologisch durchaus interessante Phänomen fand auch im Prozess nur am Rande Beachtung, Manson und seine Mitangeklagten wurden zum Tode verurteilt. Als Kalifornien 1971 die Todesstrafe abschaffte, wurden die Strafen in lebenslänglichen Arrest umgewandelt, den sie alle heute noch verbüßen.

Ikone des Bösen

Es war wenig verwunderlich, dass ein derartig spektakuläres Verbrechen alsbald Eingang in die Verwertungskette der Populärkultur fand. Im filmischen Bereich gab es neben zahlreichem Exploitation-Trash (wie etwa hh die Jim Van Bebber nach zehnjähriger Produktionszeit 2003 fertig stellte) auch respektable Arbeiten, wie den Fernsehfilm Helter Skelter (1976), der sich weitgehend unspekulativ an Bugliosis Buchvorlage orientiert. Aus den ebenfalls unzähligen Publikationen sei noch Ed Sanders akribisch recherchiertes Buch The Family als Versuch, sich dem Themenkomplex einigermaßen seriös anzunähern, erwähnt.

Ein wenig beunruhigender ist da schon die Tatsache, dass sich Charles Manson über die Jahrzehnte hinweg als populärkulturelle Ikone etabliert hat, die teilweise völlig entkoppelt von seinen Taten und seinem wirklichen Wesen wie eine Art Comicfigur des Bösen (ein bisschen wie Hannibal Lecter, nur halt aus dem realen Leben)  gehandelt wird. Der Schock-Rocker Marilyn Manson vergisst wenigstens nicht anzufügen, dass er mit der Namenswahl für seine Kunstfigur bewusst auf zwei extreme Pole der US-amerikanischen Kultur verweisen möchte, doch als sich Axl Rose, Frontmann von Guns N’ Roses nicht entblödete, bei seinen Bühnenshows in den Neunziger Jahren wiederholt ein Shirt mit dem Konterfei Mansons zu tragen, war die Grenze zur kritiklosen Trivialisierung eines üblen Zeitgenossen längst überschritten. Ein kurzer Blick in das Internet zum Stichwort Charles Manson beweist, dass diese Tendenz keineswegs rückläufig ist. Es sei deshalb zumindest kurz erinnert, wie treffend ein ehemaliger Bewährungshelfer Mansons den Mann charakterisierte: „Er war weder Jesus Christus noch der Teufel, er war ein sonderbarer, skurriler Asozialer mit viel Energie, der ein paar verwirrte Aussteiger um sich scharte und dem es gelang, enorme Macht auf diese Leute auszuüben. Er hat dann alles zu einem wirren, hasserfüllten Plan zusammengefügt, und es gab niemanden, der gesagt hätte: ‚Hey, Charlie, ihr Mädchen, das ist doch verrückt.’“