„Eine populäre Kinosendung sollte ihren amüsanten, oft faszinierenden Gegenstand ohne jegliche Highbrow-Attitüde darstellen. Sie sollte von der Filmwirtschaft als kinofreundlich angesehen werden, ohne unseren Zuschauern als schlichte Reklame zu erscheinen: mit einem Hitlisten-Spezialisten für die neuste Entwicklung auf dem heimischen Kinomarkt (Stars, Macher, Stunts, Themen), mit einer nachempfundenen Elsa Maxwell für den neuesten Klatsch über Exzentriker, Exoten, abenteuerliche Schauplätze (wer wo mit wem), mit Tendenz zur Personality Show …“
(ARD-Entwurf für eine Kinosendung im Ersten Deutschen Fernsehen)
„Es gibt einen Weg: Man fängt an, mit ganz genauen Beschreibungen zu experimentieren, zu üben, wie man Tonleitern, wie man Doppelgriffe übt, und es wären die Schreiber und die Leser, die da übten. Aber um von einem Film etwas richtig zu beschreiben, braucht man eine Kopie, dazu einen Schneidetisch, Muße, viel Platz – das alles ist vielleicht nicht gänzlich unmöglich, aber noch völlig ungewöhnlich. Es ist noch völlig ungewöhnlich, wenn ein Filmkritiker sein Brot aus Mehl, Milch, Salz usw. backen möchte und nicht bloß schnell und aus gutem Willen.“
(Helmut Färber über Filmkritik)
Zwei Zitate aus dem vorigen Jahrhundert, aber bedeutsam bis heute. Helmut Färbers Ansprüche an die geschriebene Filmkritik können wir getrost auf jede Filmsendung übertragen; nur hat das Fernsehen inzwischen mit seiner Person und Position so viel zu tun wie Florian Silbereisen mit Gene Kelly. Die Horrorvision der ARD führte nämlich nicht zum geplanten Projekt, hat sich dafür aber in fast allen Filmsendungen breitgemacht.
Einst zeigte das Fernsehen Filme und vermittelte „Filmbildung“, ganze Generationen lernten Hawks, Ford, Lang, Lubitsch, Sturges, Renoir, Rivette durch Filmreihen der öffentlich-rechtlichen Sender kennen. Hans C. Blumenbergs Sendungen über die großen Studios und Regisseure Hollywoods eröffneten vor 40 Jahren abenteuerliche Einblicke in neue Dimensionen. Heute findet Filmgeschichte vor allem nach Mitternacht statt, Schwarzweißfilme gerade noch zwischen 2 und 6 Uhr. Bei Eckhart Schmidts Hollywood-Legenden, Glamour vs. Paparazzi und unaufhörlichen Star-Porträts sieht jede Sendung wie die Resteverwertung der vorigen aus und offenbart vor allem die Unfähigkeit, mit Filmausschnitten umzugehen.
Einer der Wortführer der Branche, zugleich Präsident der deutschen Filmakademie, diffamierte im vergangenen Jahr die gesamte Filmkritik, weil sie immer bloß ästhetische Kriterien berücksichtige und nicht das einzig Wahre, das heißt: die einzige Ware, nämlich den Kassenerfolg. Bezeichnenderweise richtete sich das gegen die schreibende Zunft, weil das Fernsehen gerade auch noch die letzten Bastionen einer ernsthaften Filmkritik aus dem Wege räumt. Dafür aber räumte es gleich ein ganzes Abendprogramm für das Event des Jahres frei, die Bambi-Preisverleihung. Neben der Auszeichnung der üblichen Megastars des deutschen Films fand hier die Idolatrie für Tom Cruise ihre Krönung für seine Rolle in einem Film, der noch gar nicht fertig war, aber schon dafür instrumentalisiert wird, dass ein Schlussstrich unter die schuldbeladene Geschichte komme und das Ansehen Deutschlands im kollektiven Weltbildgedächtnis endlich korrigiert wird.
Ist das Wahnsinn, so hat es doch Methode. Das Fernsehen hat sich weitgehend davon verabschiedet, ein allen zugängliches Bildergedächtnis auch des klassischen Kinos zu sein. Anstatt auf Entdeckungen aus aller Welt konzentriert man sich lieber auf Eigen-Produktionen der Filmfirma Degeto. Spott und Protest bewusster Filmemacher gegen die „Degetoisierung“ der ARD gehen dort unter, wo Dauer-Jubel über die Quantität herrscht, die die Qualität dominiert. Viele Filme, aber wenig Kino. In einer Zeit, da Katja Flint Marlene Dietrich darstellt und Katja Riemann das Remake einer Rolle von Catherine Deneuve spielt, Bully Herbig mit Billy Wilder verglichen wird und Veronika Ferres bekannter als Veronica Lake ist, sind nicht nur alle Maßstäbe durcheinandergeraten, sondern das Kino hat an Bedeutung verloren. Statt magischer Momente bietet es immer mehr aufgeregtes Getue, statt der Aura eines Stars bloß Darsteller in der Rolle von Plappermäulern in Talk Shows. So werden zwei Instanzen einander immer ähnlicher: ein Kulturjournalismus, der sich ein ästhetisches Urteil nicht mehr zutraut und nur noch dem Zeitgeistbefund nachjagt, und das Starkino, das sich dem Rhythmus und der Ästhetik des Fernsehens und seines mittlerweile wichtigsten Genres, des Werbespots, annähert. Viele Filmsendungen, aber immer weniger FILMsendungen. Fernsehen als Koproduzent von Spielfilmen und Produzent von Filmsendungen über die eigenen Produkte – oder über Hollywoods Blockbuster: Quotenjagd und Verfilzung. Zum Fußball-Sommermärchen, zum Oscar-Gewinner Das Leben der anderen, zur Hitler-Show Der Untergang, zu jeder Eichinger-Produktion sonnen sich Programmverantwortliche im Scheinwerferlicht und reagieren auf kritische Anmerkungen aus der eigenen Anstalt „not amused“. In der Filmwerbesendung-in-eigener-Sache des Bayerischen Rundfunks brachte es der Anpreiser fertig, zwei Mal hintereinander BR-Filme so einzuleiten: „Gestern gab es die festliche Premiere mit vielen Promis auf dem Roten Teppich; dabei durfte Kino Kino natürlich nicht fehlen. Wir zeigen Ihnen die schönsten Bilder davon.“ Für die Hauptnachrichtensendung der ARD flog 2005 die Frankreich-Korrespondentin aus Paris nach Cannes, um die Entscheidungen der Jury mitzuteilen. Nicht, dass sie vorher jemals durch irgendeine Bemerkung zum Kino geschweige denn zu einem Film des Festivals aufgefallen wäre, aber nun posierte sie vor der Mittelmeerkulisse, um dem erstaunten Festivalbeobachter mitzuteilen, dass leider nicht der „eigentliche Favorit“, der deutsche Regisseur Wim Wenders gewonnen habe – sondern ein Brüderpaar aus Belgien. Immerhin wurde noch Michael Haneke erwähnt, zudem vergab sie großzügig zwei Palmen an die „besten Schauspieler“, obwohl es ja nur die eine Goldene für den besten Film gibt.
Das übliche Festivalberichterstattungselend am Beispiel von Venedig 2008: ein Abschlussbericht im ARD-Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperamente (ca. 15 Minuten), eine Sendung in 3sat (30 Minuten). Inhalte nahezu identisch: Fünf amerikanische Filme, zwei deutsche und Adriano Celentanos Yuppi Du wurden mit denselben Ausschnitten, den gleichen Bewertungen, den üblichen Statements aus der Pressekonferenz abgehandelt. In der längeren Sendung etwas längere Interviews, ein weiterer Film über eine Handballmannschaft aus dem Senegal, dazu der immergleiche Nordrhein-Westfalen-Empfang mit NRW- und sonstiger deutscher Prominenz. Alles nach dem Diktat der Filmindustrie mit vorgeschriebenen Filmausschnitten, mit Star-Interviews im Sieben-Minuten-Takt, Häppchen-Dramaturgie in Reinkultur. Ihr zu entkommen, ist schwierig, aber möglich, wie es Gabi Flossmann mit ihrem kleinen ORF-Team zeigt: mit eigenen, nicht gar so marktgehorsamen Ideen, mit der Beschaffung von Ausschnitten auf unkonventionellen Wegen, mit durchdachtem Konzept für die Kurzzeit-Gespräche, mit Entdeckungen abseits der Glamour-Produktionen. Unvermutet deutlich wurden die Fronten zwischen Fernsehkultur und Filmkritik bei der 3sat-Abschluss-Sendung zur diesjährigen Berlinale. Die klare Rollenverteilung: eine Moderatorin mit ihrem Werbegeplapper („Großes Event“, „Bären-Gala“, „steigende Spannung“, „Stars, Glamour, Roter Teppich“) – ein ZDF-„Kino-Experte“ für die Human-Touch-Gespräche mit den Gewinnern („Was ging in Ihnen vor?“ – „Wieviel bedeutet Ihnen dieser Preis?“ – „Wie faszinierend war für Sie dieses Thema?“) – dagegen zwei Kritiker (Katja Nicodemus von der Zeit, Lars-Olav Beier vom Spiegel), die ihren Blick auf „Bildästhetik“, „visuelle Einfälle“, „Dramaturgie“, „Schauspielerleistungen“ richteten und das auch zu formulieren wussten. So redete man fröhlich aneinander vorbei, bis die Kritiker auch noch die Qualitäten des mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Filmes in Zweifel zogen. Da kriegte die Moderatorin dann leicht verschreckt die Kurve zur allgemein harmonischen Schlussbilanz – immerhin ist das ZDF einer der Sponsoren der Berliner Filmfestspiele. Fernseh-Kultur gegen Filmkritik, ein Duell mit haushohem Punktsieg für die Filmkritik(er), und die einzigen, die das nicht bemerkt haben, sind die Fernseh-„Kulturschaffenden“.
Noch gibt es sie – oder gab es sie gerade noch, die Nischen mit den bewusst anderen Ansätzen: etwa die Themenabende bei Arte, die dann aber auch in den Filmsendungen oft auf gesellschaftliche Themen fixiert bleiben und keinen Sinn für filmästhetische Fragen haben, oder das 3sat-Kinomagazin, das bewusst kein Magazin, sondern intensive Gespräche mit Filmemachern bietet. Das glückt mal mehr, wie bei James Benning oder Christian Petzold, mal weniger, wenn sich wieder die Forderung als berechtigt erweist: „Bilde, Künstler, rede nicht.“ Denn die Konstellation ist nur selten so ergiebig wie im Falle von François Truffauts Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? Ansonsten aber geht scheinbare Vielfalt unter in der Einfalt geballter Moderatoren-Auftritte, die uns im Frühstücksfernsehen in vier Minuten drei Filme vorstellen, und in Kulturmagazinen einen heuchlerischen Zuschauer-Service praktizieren: Da werden Filmen autoritäre Zensuren und flinke Etiketten verpasst wie „Action-Streifen für alle mit starken Nerven“ oder „Schmuse-Lustspiel für die ganze Familie mit Herz“. Grundlage dafür sind die von den Werbeagenturen festgelegten Ausschnitte in den EPKs (Electronic Press Kits) und vorbereitete Sätze zum Inhalt aus den Presseheften.
Eine FILMsendung entsteht auf diese Weise nicht. Daher an dieser Stelle ein radikaler Schnitt in eine Rückblende auf die romantische Theorie, derzufolge das Kunstwerk Fragen stellt, auf die die Kritik nicht mit objektiven Antworten kommen kann, sondern eine subjektive Haltung entwickeln soll. Dazu gehört also kein fertiges Urteil, sondern die gründliche Auseinandersetzung, der genaue Blick, die Reflexion und die Fähigkeit zur sprachlichen und bildlichen Umsetzung. Im Sinne der Gebrüder Schlegel kommt der Kritik die ehrenvolle Aufgabe zu, in den Geist eines Kunstwerks einzudringen, ihn anderen zu vermitteln und so deren Phantasie zu befruchten, was zu Jacques Rivettes Einsicht führt: „Die einzig wahre Kritik eines Films kann nur ein anderer Film sein.“
Dafür braucht es keinen Moderator, sondern einen Autor und von ihm frei ausgewählte Ausschnitte und Standbilder. Nur so kann der visuelle Diskurs ernst genommen werden wie der sprachliche, nur so wird die Komposition der Bilder zum konstituierenden Bestandteil des Textes. Der Blick wird auf filmische Elemente gelenkt: die einzelne Einstellung, der besondere Schnitt, die eine Geste, die Bewegung der Kamera, Licht und Schatten, die Entwicklung eines Schauspielers oder die Variation eines Genres. Keine Nacherzählung der Handlung, sondern Reflexion darüber, warum ein Banküberfall von Kaurismäki so und nicht anders gezeigt wird (Ariel), warum eine Liebesszene und die Spur eines Flugzeuges aneinander geschnitten sind (One Night Stand von Mike Figgis), was die Röte des Rots von Almodóvar (Live Flesh), das Rot und Schwarz bei Rivette (Secret Défense) und das Rosa bei Sandrine Kiberlains magischem Musicalauftritt (in Love Me von Laetitia Masson) andeuten, wie die Kamera die Unruhe des Helden (in Daniel Burmans El abrazo partido) oder meditative Langsamkeit (in Gus Van Sants Last Days) vermittelt.
Da ich 30 Jahre lang als WDR-Film-Redakteur versucht habe, auf dieser Basis mit dem Filmtip wie auch mit Regisseurs-Por-träts und Darstellungen von Genre- und Motiv-Entwicklungen wirkliche FILMsendungen zu machen, bin ich in dieser Frage natürlich parteiisch. Aber das ist sowieso die einzig mögliche Haltung, wie uns das Vorbild von André Bazin lehrt: „Die Wahrheit in der Kritik ist nicht durch irgendeine messbare und objektive Exaktheit bestimmt, sondern zuerst durch die intellektuelle Anregung, die sie dem Leser gibt. Die Funktion des Kritikers besteht nicht darin, auf einem silbernen Tablett eine Wahrheit zu servieren, die nicht existiert, sondern im Denken und Empfinden derer, die ihn lesen, soweit wie möglich den Schock des Kunstwerks zu verlängern.“
