In die Welt

In die Welt

| Günter Pscheider |

Genau beobachtete Dokumentation des Alltags in einer Wiener Geburtsklinik in der Tradition des Direct Cinema.

Ähnlich wie ein Baby in die Welt wird auch der Zuschauer gleich ohne Vorwarnung in eine dramatische Szene hineingeworfen. Ein neu geborener Winzling liegt teilnahmslos in einem Brutkasten, und die Schwester erklärt dem Vater routiniert, dass sie sich jetzt eine halbe Stunde anschauen, wie die Atmung des Säuglings funktioniert, bevor er vielleicht auf die Intensivstation muss oder sich doch alles normalisiert.

Schon in dieser kurzen Sequenz zu Beginn bekommt man einen Eindruck für die Diskrepanz zwischen der Intensität dieses Erlebnisses für die Beteiligten und die professionellen Helfer einer gut organisierten Institution wie der Semmelweis-Klinik. Ohne Kommentar, Interviews und ohne erklärende Einblendungen eröffnet sich im Folgenden die Funktionsweise eines modernen, geschlossenen Systems mit all seinen Vorteilen für die Sicherheit des Geburtsvorgangs und seinen Nachteilen für die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Patient und Helfer. Dabei vermeidet Regisseur Constantin Wulff in bester
Direct Cinema-Tradition jede Wertung, sondern beschränkt sich darauf, mit Kameramann Johannes Hammel das Gesehene aufzuzeichnen und so zu montieren, dass drei sehr unterschiedlich verlaufende Geburten gleichberechtigt neben Routinevisiten oder dem Verschieben von Aktenstapeln stehen. Ähnlich wie in den Arbeiten von Frederick Wiseman, auf den sich Wulff auch explizit als Einfluss bezieht, entsteht so langsam ein Mikrokosmos, der stellvertretend für eine Welt steht, in der eine vermeintliche technische Sicherheit mit dem Verlust an echter Kommunikation einhergeht. Denn wie soll die Frau in der Extremsituation einer Geburt so schnell eine Beziehung zur Hebamme aufbauen, wenn sich die beiden vorher noch nicht kennen gelernt haben? Da klingen die Beteuerungen, dass es bald vorbei ist und der immer wieder wie ein Mantra wiederholte Zuruf „Drücken, Drücken!“ klarerweise mechanisch und unpersönlich. Trotz des durch die Methode diktierten distanzierten Blicks wirkt der Film aber nicht kühl. Für jeden, der schon einmal die vielen, auch ausführlich gezeigten, pränatalen Untersuchungen und eine Geburt (mit)erlebt hat, kommen sofort alle Gefühle zwischen Hoffen und Bangen wieder hoch. Wulff ist eine von Dieter Pichler wunderbar montierte Bestandsaufnahme einer spannenden, in sich geschlossenen Welt gelungen. Einziger Kritikpunkt wäre die mangelnde Länge, sodass man im Gegensatz zu Wisemans Filmen kein richtiges Gespür für die handelnden Personen entwickeln kann.