Dossier – „Ich bin selber ein Gutmensch“

„Ich bin selber ein Gutmensch“

| Roman Scheiber |

Menschen auf der Flucht aus der Diktatur in die Demokratie: „Ein Augenblick Freiheit“ von Arash T. Riahi beleuchtet ein Stadium des Übergangs, in episodischer Struktur, mit durchaus drastischen emotionalen Mitteln. Eine der aufwändigsten österreichischen Debütspielfilm-Produktionen wurde ursprünglich von der Filmförderung abgelehnt.

Ein Augenblick Freiheit ist das schöne Beispiel eines Films, der sich aus persönlichen Erfahrungen seines Autors und Regisseurs speist, darüber hinaus aber allgemeingültige Aussagen trifft. Formal durchaus abwechslungsreich, teilweise hochemotional, in einigen Passagen fast erdrückend, in anderen erstaunlich humorvoll erzählt Arash T. Riahi von der Flucht einiger Menschen aus dem Iran und dem Irak, dorthin, wo sie die Freiheit vermuten. Die Hauptfiguren der drei Erzählstränge: Ein intellektuelles Ehepaar, zwei junge Männer, denen zwei Kinder überantwortet sind, und zwei Männer, die trotz aller Verschiedenheit Freundschaft schließen. Sie alle landen in einem sinistren Hotel in Ankara, wo sie in einem Stadium der Anspannung und wachsenden Unsicherheit darauf hoffen, dass ihre Asylanträge positiv erledigt werden.

Arash selbst bezeichnet Ein Augenblick Freiheit als poetisch-realistischen Ensemblefilm, und jedenfalls nicht als dokumentarischen Spielfilm. Darauf muss er deshalb ganz entschieden hinweisen, weil er vor der Realisierung seines Spielfilm-Debüts (dessen Treatment schon vor sieben Jahren entstand) zwei Dokumentarfilme verwirklichte: Eine experimentelle Hommage an die Subkultur der Amateurfilmer (Die Souvenirs des Herrn X, 2004) und das sehr persönliche Langzeitprojekt Exile Family Movie (2006), in dem er seine auf der Welt verstreute eigene Familie im Homevideo-Verfahren zusammenführt.

In der Woche vor dem ray-Gespräch mit Arash gewann Ein Augenblick Freiheit Preise in Argentinien, Brasilien und Frankreich. Zu Redaktionsschluss hielt der Film bei insgesamt zwölf (teilweise Publikums-)Auszeichnungen, darunter auch der Wiener Filmpreis – was einer mit 3,5 Millionen Euro budgetierten österreichischen Erstlingsproduktion natürlich gut zu Gesicht steht. Kunstkino-Puristen könnten ein Problem mit Ein Augenblick Freiheit haben, meint Arash, aber das sei ihm egal. Über die mannigfachen Schwierigkeiten während der Dreharbeiten (von persönlichen Konflikten der aus ganz Europa zusammengewürfelten Schauspieler, die er schlichten musste, bis zu den Gefahren, die eine politisch sensible Produktion mit sich bringt) erzählt Arash in einem ausführlichen Regietagebuch auf der Website www.EinAugenblickFreiheit.com.

Ist das ein Film über Menschen auf der Flucht oder vielmehr ein Film über die Conditio humana?
Das eine bedingt das andere. Es geht um Menschen in Extremsituationen und wie sie damit umgehen. Es geht um Menschen, die dasselbe Ziel vor Augen haben, nämlich die Freiheit, und unterschiedliche Wege dahin gehen. Und es ist auch ein Film über Freundschaft, über Demokratie und Wahrheit. Beziehungsweise über die Lüge: Die Menschen scheitern nicht nur an der Diktatur, deren Basis die Lüge ist, sondern auch an sich selbst, wenn sie nicht ehrlich zu sich sind. Ein Element, das nebenbei im Film läuft, aber ein wichtiges. Es sollte auf jeden Fall kein propagandistischer Film werden.

War es Ihr Ziel, einen politisch anspruchsvollen Film mit einem schwierigen Thema und autobiografischem Hintergrund zu machen, aber für ein möglichst breites Publikum?
Mein Ziel war, nicht nur einen Film für die üblichen Verdächtigen zu machen, die das Thema interessiert, für NGOs, Gutmenschen, …

… Gutmenschen?
Ich bin ja selber auch ein Gutmensch. Das Thema war mir wichtig und ich glaube daran, dass Filme das Bewusstsein der Menschen verändern können. Um das zu schaffen, musste ich den Film so verpacken, dass er die Menschen auch erreicht. Natürlich soll es kein Schund sein, nicht oberflächlich, aber auch kein spröder Kunstfilm mit Plansequenzen, ganz ohne Musik. Ich sehe den Film im Geiste von Costa-Gavras, politisch-populäres Kino nach 68. Man kann sagen, er ist zu klassisch in der Machart, das musste ich aber für ein größeres Ziel in Kauf nehmen. Für das Ziel, dass der Film in den Köpfen etwas bewirkt.

Das klingt, als ob das Wort Kunstfilm für Sie negativ besetzt wäre.
Nein, ich liebe gute Kunstfilme. Ich stehe auf Godard, das ist mein Lieblingsregisseur. Ich bin nur dagegen, dass ein guter, ernster Film immer so verdammt deprimierend sein muss. Alle rennen traurig herum, es wird vergewaltigt, getötet, alles läuft schief. Für mich ist das Leben keine Dauerdepression, sondern ein Auf und Ab. Um die nächste Frage vorwegzunehmen: Mich stört auch nicht das österreichische Kino, ich liebe Filme wie Nordrand oder Hundstage, das ist ein genialer Film, ebenso Caché. Aber es gibt Filme, die werden dadurch belanglos, dass sie sich so bemühen, Kunst zu sein. Ich bin absolut kein dogmatischer Typ, vielleicht deshalb, weil ich Autodidakt bin und nicht von einer Filmschule beeinflusst.

Warum waren Sie nicht auf einer Filmschule?
Ich habe drei Jahre lang Medizin studiert. Aber schon in der Schulzeit habe ich Kurzfilme gemacht, und dann hatte ich irgendwann die Möglichkeit, in der Jugendredaktion des ORF und für die Kunst-Stücke Beiträge zu machen. Dann wollte ich auf die Filmakademie gehen, aber die Leute haben gesagt, da lerne ich in den ersten zwei Jahren nur, was ich eh schon kann. Ich hab stattdessen das Projektstudium Film- und Geisteswissenschaften und andere Kurse gemacht. Nachdem das Treatment zu Ein Augenblick Freiheit vom ÖFI abgelehnt worden ist, habe ich dann diverse EU-Workshops gemacht und dort sehr viel gelernt, was mir beim Drehbuchschreiben geholfen hat.


Mit welcher Begründung wurde das Treatment abgelehnt?
Sinngemäß, dass es nicht klar wäre, welches Zielpublikum es für so einen Film gäbe. Mir hat aber danach jemand vom ÖFI gesagt, ich soll mich davon nicht entmutigen lassen und trotzdem das Drehbuch schreiben.


War das Buch von Anfang an in drei episodische Stränge strukturiert?
Es war sogar noch eine vierte Geschichte dabei, aber die fertige Buchversion hatte 166 Minuten und ich musste versprechen, dass der Film nicht länger als 120 Minuten wird. Schwierig, denn ich kenne keinen Ensemblefilm, der kürzer ist als 130 Minuten, seien es Altman-Filme oder L.A. Crash. Und je kürzer so ein Film ist, desto oberflächlicher droht er zu werden. Manche Leute wollten mich von der Dreierstruktur abbringen und haben gesagt: Mach doch nur eine der drei Geschichten. Ich wollte aber einen universellen Film machen über unterschiedliche Generationen. Ich glaube, dass Filme oft mittelmäßig werden, weil man versucht, den Filmemachern das Maximum auszureden, ihre Geschichten irgendwie „brav“ zu machen. Immer wieder ist es mir beim Schreiben passiert, dass Leute, die es auch gut meinten, genau die Teile des Buches streichen wollten, die ungewöhnlicher waren, wie etwa eine Szene am Ende des Films, in der einer der Protagonisten sich in unterschiedlichen Rollen sieht. Aber diese speziellen Dinge machen ja auch die Handschrift eines Films aus. Wenn man alles, was auf den ersten Blick vielleicht etwas auffällig ist, streicht, ohne es auszuprobieren, sieht alles gleich aus. Letztlich ist es eine der besten Szenen des Films geworden.

Die geschilderten Ereignisse fahren in den Magen: Flucht unter sehr gefährlichen Bedingungen, Familien werden auseinander gerissen, Unsicherheit, Folter, Erschießung, Selbstverbrennung. Haben Sie die humorvollen Züge, die der Film auch hat, bewusst als Auflockerung eingeplant?
Nein, das ist ein Teil des Lebens. Ich wollte so eine Figur haben, die alles easy nimmt. Solche humorvollen Menschen haben mich immer schon fasziniert, die kommen immer irgendwie durch mit ihrer Unkompliziertheit. Dass der Humorfaktor hilft, die Härten des Films zu ertragen, ist gut, aber das habe ich nicht Reißbrett-artig geplant. Mich hat einfach diese Figur interessiert, genau wie mich andererseits die Figur eines Salonkommunisten interessiert hat, der an sich zerbricht. Ich kenne viele intellektuelle Paare aus dem Iran, die in Europa auseinander gegangen sind, weil die Frauen sich hier weiter entwickelt haben und die Männer oft im Patriarchalen stecken geblieben sind.


Zu den Gefahren, die so ein Film für einen persönlich mit sich bringt, haben Sie in einem Fernsehinterview gesagt: No risk, no fun. Können Sie das wirklich so locker sehen?
Ich sehe es nicht locker, aber man muss irgendwann Stellung beziehen. Ich bin ein Kind politischer Eltern, mein Vater war fünf Jahre lang im Gefängnis, obwohl er nichts getan hat, ich kann mich genau an die Gefängnisbesuche erinnern. Ich bin auch ein Produkt der Politik meines Landes, es ist ein Teil von mir. Ich bin absolut dankbar, dass wir in Österreich leben, aber vor einem Monat ist die Schwester meines Vaters gestorben, und er hat sie in 25 Jahren gerade einmal vier Wochen gesehen. Diese verlorene Zeit mit ihr kann ihm niemand mehr geben, ich finde das unfair. Da ich nun den humanistischen Kampf meiner Eltern mit meinen filmischen Mitteln weiterführe, könnte ich natürlich auch bedroht werden, aber das gehört eben dazu.