Venedig Tag 3

| Thomas Abeltshauser |

Wie jedes Jahr um diese Zeit steht der Lido in Venedig im Zeichen des Weltkinos. Bis 8. September berichten Alexandra Zawia und Thomas Abeltshauser für „ray“ aus der Lagunenstadt.

Nachdem es in den ersten Tagen doch recht gediegen zuging und die Zuschauermengen am Roten Teppich sehr überschaubar waren, sorgte just ein kleiner Film aus der Nebenreihe Giornati degli autori am Sonntag für Fanhysterie und chaotische Ausnahmezustände. Für das Biopic Kill Your Darlings über die Jugendfreundschaft der späteren Beat-Generation-Kultautoren Allen Ginsberg, Jack Keroauc und William S. Burroughs kam Hauptdarsteller Daniel Radcliffe an den Lido und wurde von einer Horde wildgewordener Harry Potter Fans in Empfang genommen. Trotz Bodyguards und Polizeischutz wurde der 24-jährige Filmstar sogar bis aufs Klo verfolgt. Ob die wohl wussten, dass sich ihr Idol mit dem Independentdrama um Drogenkonsum und schwulen Sex endgültig von seinem alten Image freispielt? Für neue Tumulte wird wohl die Karaokenacht heute Abend sorgen, die sich Radcliffe als Premierenfeier gewünscht hat und zu der sich sicher so manche(r) Zutritt verschaffen will.

Inzwischen ist fast Halbzeit auf dem Lido und es gibt bereits erste Preisanwärter. In Stephen Frears’ Philomena spielt Judi Dench, 78, eine Frau, die als junges Mädchen von Nonnen gezwungen wurde, ihren unehelichen Sohn zur Adoption freizugeben und sich nun, Jahrzehnte später, auf die Suche nach ihm begibt. Wie Dench diese einfache, leicht naive Frau zwischen Tragik und Komik spielt, ist einfach umwerfend.

Gefeiert wurde auch der bis dato völlig unbekannte US-Schauspieler Scott Haze, 35, der in James Francos neuem Film Child of God einen Mann verkörpert, der in Höhlen lebt und Frauen tötet, um sich an den Leichen zu vergehen. Die Adaption eines Romans von Cormac McCarthy aus dem Jahr 1973 basiert auf der wahren Geschichte des Serienmörders Ed Gein, der auch schon Hitchcocks Psycho und Jonathan Demmes The Silence of the Lambs inspirierte. Bei der Pressekonferenz erzählte Franco, wie sich Haze für drei Monate selbst isoliert und in einer Höhle gehaust hat, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Erstaunlich ist aber nicht nur die Schauspielebene des Films, sondern auch Francos Reifung als Regisseur. Nach den eher prätenziös misslungenen Werken, die er dieses Jahr in Berlin und Cannes präsentierte, ist Child of God sein bislang stringentester Film.

Für Irritationen sorgte Terry Gilliam mit seinem Dystopie-Epos The Zero Theorem mit einem glatzköpfigen Christoph Waltz in der Hauptrolle, der durch eine kaputte Megacity stolpert, in der die Leute nicht mehr miteinander kommunizieren können oder permanent aneinander vorbeireden. Mit seiner Kritik an virtuellen Realitäten wirkt Gilliams Film allerdings recht altbacken und unnötig verworren. Am Ende gab es trotzdem lang anhaltenden Applaus. Thematisch passend ist dann Christoph Waltz auch gar nicht physisch präsent, um den Film zu präsentieren. Für Interviews mit ihm muss sich die internationale Presse vor einem Bildschirm versammeln, Waltz lässt sich per Skype zuschalten.

Den Kult um ihre eigene Person perfektionierte dagegen die Performancekünstlerin Marina Abramovic, 66. Gerade erst hat sie im Internet mit ihrem Crowdfunding-Aufruf für ihr Marina Abramovic Institute, eine Art Kunstbegegnungsstätte in New York, alle Rekorde gebrochen. Am Freitagabend durften sich nun in Venedig 25 Auserwählte in weiße Kittel hüllen und auf Strandstühlen mit Kopfhörern andächtig ihrer Predigt lauschen. Das Starsystem mit seinen Sehnsüchten und Begehrlichkeiten hat kaum jemand so verinnerlicht wie sie.