Von Dogma bis New Hollywood – Filmgeschichte für den kleinen Appetit

Filmgeschichte für den kleinen Appetit

| Walter Gasperi |

Die Buchreihe „ Einführung in die Filmgeschichte“ eröffnet mit dem letzten Band „New Hollywood bis Dogma 95“ und geht nicht nur in diesem Punkt einen ungewöhnlichen Weg.

Neuere Bücher zur Filmgeschichtsschreibung gibt es im deutschsprachigen Raum kaum. Als Klassiker und Standardwerk muss immer noch Ulrich Gregors vierbändige Geschichte des Films (bei den ersten beiden Bänden war Enno Patalas Koautor) gelten, die freilich nur bis in die späten Siebziger Jahre reicht. Immer noch kann als mustergültig angesehen werden, wie hier die Filmgeschichte einzelner nationaler Kinematografien und innerhalb dieser wiederum das Werk einzelner herausragender Regisseure knapp, aber ebenso übersichtlich wie informativ dargestellt wird. Nicht durchsetzen konnte sich dagegen die 1994 erschienene fünfbändige Fischer Filmgeschichte, in der jeweils anhand eines Schlüsselfilms exemplarisch Merkmale eines Genres, einer filmischen oder gesellschaftlichen Tendenz herausgearbeitet wurden.

Mit ihrem auf drei Bände angelegten Projekt gehen Thomas Christen und Robert Blanchet vom Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich nun einen neuen Weg. Überraschen mag da zunächst, dass als erste Veröffentlichung nicht ein Band zu den Anfängen der Filmgeschichte, sondern zu den Tendenzen der letzten vierzig Jahre veröffentlicht wurde. Die Erklärung, die die Herausgeber in der Einführung liefern, macht aber durchaus Sinn: Da erfahrungsgemäß gerade bei jungen Lesern das Interesse für das Gegenwartskino größer sei als für die Stummfilmzeit, sei der dritte Band der Reihe auch als ein Appetitanreger gedacht, der das Interesse für die Anfänge des Kinos und ältere Filmströmungen
wecken soll.

Eventuelle Bedenken, dass das Werk aufgrund fehlender Einbettung in den filmgeschichtlichen Kontext in der Luft hängen könnte, erweisen sich rasch als unbegründet, denn auch das zweite angestrebte Ziel erfüllen die Herausgeber mustergültig: New Hollywood bis Dogma 95 setzt einerseits kein Vorwissen voraus und ist zudem äußerst flüssig und leicht lesbar geschrieben, sodass es sich bestens für einen Einstieg in die Beschäftigung mit Filmgeschichte eignet, bietet andererseits aber auch durch den innovativen Aufbau jede Menge Interessantes für mit der Historie bereits vertraute Leser.

Denn New Hollywood bis Dogma 95 ist weder chronologisch noch nach Ländern, sondern in thematische Kapitel gegliedert. Den Erneuerungsbewegungen nach 1968 ist ebenso ein Abschnitt gewidmet wie dem Kino der „Dritten Welt“, dem „Filmemachen unter politischer Zensur“, den US-Independents, Dogma 95, dem amerikanischen Blockbuster-Kino seit 1975, Bollywood, dem Hongkong-Kino sowie unter dem Titel „Gender und Sexualität“ dem feministischen Film und dem Queer Cinema. Dabei geht es nicht nur – und vielfach nicht einmal im Vordergrund – um einzelne Filme und Regisseure, sondern vielmehr um die gesellschaftlichen, film- oder literaturtheoretischen oder auch philosophischen Grundlagen der einzelnen Strömungen. Für eine Filmgeschichte vielleicht fast zu ausführlich – aber durchwegs informativ und nie in Belanglosigkeiten abgleitend – werden beispielsweise über annähernd zehn Seiten die Wurzeln und die Entwicklung des „Magischen Realismus“ und der „Postmoderne“ in Literatur und Philosophie aufgezeigt.

Die Fokussierung auf Themen statt auf Länder und Regisseure bringt freilich auch mit sich, dass vieles trotz des nicht gerade schmalen Umfangs von 520 Seiten unberücksichtigt bleiben muss. Zwar widmen sich Christen und Blanchet erfreulich ausführlich dem sonst zumeist vernachlässigten Schwarzafrikanischen Kino. Dafür müssen fast zwangsläufig Entwicklungen in Japan, Korea, Taiwan, im Nahen Osten oder Nordafrika unerwähnt bleiben beziehungsweise das osteuropäische Kino – im Kapitel „Filmemachen unter der Zensur“ – auf das polnische und das junge französische Kino auf das sogenannte „Cinéma du look“ eines Luc Besson, Jean-Jacques Beineix und Leos Carax reduziert werden.

Von der Meinung, sich mit diesem Band einen umfassenden Überblick über die Filmgeschichte der letzten vierzig Jahre verschaffen zu können, sollte man sich somit von vornherein verabschieden. Viele spannende und prägende Entwicklungen werden beleuchtet, aber im Blick auf die Entwicklungen kann auf viele teilweise zentrale Werke und herausragende Filmautoren – in der Konzeption des Buchs kann auch eine Abwendung vom „Autorenfilm“ gesehen werden – nicht eingegangen werden. Bestenfalls kurz erwähnt werden so beispielsweise Regiegrößen wie Kubrick, Tarkowskij, Bertolucci, Polanski, Almodóvar, Haneke oder Egoyan. Bei Coppola, Scorsese oder Altman interessieren nur die Filme, die dem Mitte der Siebziger Jahre endenden „New Hollywood“ zuzuordnen sind, und bei Glauber Rocha wird zwar ausführlich auf seine Theorie der „Ästhetik des Hungers“, aber auf keinen seiner Filme eingegangen.

Wenn man das Werk, das wie aus einem Guss wirkt, obwohl die Beiträge von zehn verschiedenen Autoren stammen, freilich mit der richtigen Einstellung zur Hand nimmt, wird man es nicht nur mit Gewinn und Genuss lesen, sondern immer wieder darauf zurückgreifen, weil sich die einzelnen Kapitel – in denen sich zahlreiche Querverweise zu anderen Abschnitten, allerdings auch einige wenige Doubletten finden – problemlos isoliert studieren lassen. Zum großen Gebrauchswert tragen nicht zuletzt die ausführlichen Literaturangaben zu jedem Kapitel sowie Filmlisten bei, in denen immer auch auf DVD-Editionen verwiesen wird.

Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass der Plan einer DVD mit Ausschnitten zu den vorgestellten Filmen, die dem Buch in der ursprünglichen Konzeption beigelegt werden sollte und auf die hie und da noch das Symbol eines Filmstreifens verweist, nicht verwirklicht werden konnte. Als Ersatz gibt es dafür eine Internetseite www.filmgeschichte.net, auf der Fotogalerien immerhin einen Eindruck von Ästhetik und Bildkraft der jeweiligen Filme vermitteln.