Die zweite Staffel der US-Serie Justified ist auf DVD erschienen, wieder ungemein unterhaltsam und in ihrer Klarheit im Vergleich zum sonstigen US-Serienfernsehen angenehm unkompliziert.
Die zeitgenössischen US-Serien arbeiten sich mit immer wieder erstaunlicher Eloquenz daran ab, ihrem Publikum Geschichte und Gegenwart des eigenen Landes als eine Geschichte des Verbrechens vorzuführen. Das Neue im Vergleich zu den Vorabendserien aus Zeiten, in denen noch Zelluloid und nicht die DVD-Box als erste Heimat der Filmkunst galten, ist, dass man nun dazu verführt wird, sich mit Gestalten zu verbinden, vor denen es einem in der wirklichen Welt nur grausen würde: Crystal-Meth-Dealer, kleinbürgerliche Mafiosi, offensichtlich soziopathische Karrieristen, traumatisierte Serienkiller. Kaum ein Text über das sogenannte quality TV, in dem nicht wenigstens einmal das Wort Ambivalenz oder entsprechende Synonyme auftauchen.
Die Serie Justified, deren zweite Staffel nun auch in Deutschland und Österreich auf DVD erschienen ist, schließt nur auf den ersten Blick an diese Erzählschule an. Die erste Staffel begann mit einer formvollendeten Duellszene, nach der der Held, U.S. Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant), in seine Heimatstadt Lexington, Kentucky zurück- und strafversetzt wurde (zur ersten Staffel siehe hier). Wer einen Gangster so lange provoziert, bis der als erster zieht, um ihn dann erschießen zu können, handelt nicht so, wie die Vorschriften es vorsehen. Damit hat sich das Verstörungspotenzial von Justified aber auch schon erschöpft, der Titel ist nicht als Frage gemeint, sondern als normative Setzung. „He pulled first“, damit wäre das Problem auch schon erledigt. Wer nicht als Erster zieht und trotzdem den Richtigen trifft, hat recht.
Justified bedient sich des Genres, in dem sich die Geschichte vom Mann, der in eine Stadt kommt, um für Ordnung zu sorgen, traditionellerweise am schönsten erzählen lässt: des Western. Deadwood, die HBO-Serie, die Timothy Olyphant als Westernhelden etablierte, erzählte von der Installation des institutionalisierten Rechts in den Gründertagen des Landes. Die anarchische Skepsis gegenüber allem, was nach staatlicher Ordnungsmacht aussieht, hat sich in Justified, die sich auch als aktualisierte Fortschreibung des Mythos vom nur partiell zivilisierbaren Grenzland verstehen lässt, erhalten. Das Kentucky, das uns hier gezeigt wird, ist in rustikal-heimeligen Farben ausgeleuchtet und wird, mit liebevollem Blick, als störrische Gegenkultur zum übrigen Amerika gezeichnet. Bevölkert ist es zum einen von Kleinganoven, die nicht selten idiotisch anmutende Verbrechen begehen. Das größere Unheil aber geht von einer verkorksten Familie aus, die den Drogenhandel kontrolliert und die Hauptrolle in der staffelübergreifenden Storyline spielt. In der zweiten Staffel sind es die Bennetts, ein Clan, der von einer Matriarchin (Margo Martindale) angeführt wird, die ihrem Sohn auch schon mal mit dem Hammer die Hand zertrümmert, wenn er nicht spurt.
Ersonnen wurde die Figur des Marshal Givens von dem kürzlich verstorbenen Elmore Leonard (der die Serie auch koproduzierte und als Ko-Autor aller bislang ausgestrahlten Episoden geführt wird). Timothy Olyphant hat mit ihr – spät, aber verdient – die Rolle seines Lebens gefunden: als Sohn einer Stadt, die er hasst, aber versteht wie kein anderer. „You’re like the hillbilly whisperer“, konstatiert ein faszinierter Kollege. Und tatsächlich hätte der Held auch genauso gut auf der anderen Seite der Front enden können, schließlich versucht der eigene Vater (Raymond J. Barry) sich auch in hohem Alter noch unermüdlich als kleinkrimineller Trickster. In der Welt der Sopranos hätte man die zwangsläufigen Spannungen (der Vater verrät den Sohn an ein Gangstersyndiakt, der revanchiert sich mit einem Schuss ins väterliche Bein) in der therapeutischen Praxis diskutiert. Bloß spielt Olyphant seinen Helden dermaßen cool und unantastbar, dass man sich niemals ernsthaft Sorgen machen muss. Wer so entwaffnend mit nur einem Mundwinkel grinsen kann, braucht keine Familienaufstellung mehr. Der Gesetzesmann wahrt immer Haltung, auch wenn er, was nicht selten vorkommt, säuft oder formvollendet vermöbelt wird. Und klärende Sätze wie „I shot people I like more for less“ glaubt man, wenn Raylan Givens sie freundlich, aber bestimmt seinen Kontrahenten ins Ohr flüstert, sofort.
Damit knüpft Justified an traditionelle Heldenkonzeptionen an. Trotz aller familiären Vertrautheit mit dem Verbrechen bleiben hier kaum Fragen offen. Nennenswerte Irritationsmomente gibt es eigentlich keine: Die Verbrecher sind, bei aller Sympathie, die die Serie auch für ihre abwegigsten Figuren aufbringt, schlicht Verbrecher, und der Gute ist tatsächlich am weißen Hut zu erkennen. Auch die zweite Staffel von Justified gemahnt an Erzählungen, in denen die Welt noch in Ordnung war, nicht etwa weil sich alle immer prima miteinander verstanden hätten, sondern weil man sich immer drauf verlassen konnte, dass jemand kommen würde, der dem mehr oder weniger organisierten Verbrechen (und mit ihm auch dem Zuschauer) am Ende jeder Folge immer wieder aufs Neue klarmacht, was gut und richtig ist.
Nur selten scheint hinter der Abgeklärtheit der Figur noch etwas anderes durch. Gleich in der ersten Folge der ersten Staffel allerdings deutet sich ein Charakterzug an, der die spektakuläre Coolness der Figur für einen kurzen, aber einschneidenden Moment in einem anderen Licht erscheinen lässt. „I guess I just never thought of myself as an angry man“, sinniert Raylan Givens beim Feierabendbier, um prompt von seiner Ex-Frau korrigiert zu werden: „Raylan, you do a good job with hiding it and I suppose most folks don’t see it. But honestly: You’re the angriest man I’ve ever known.“ Und da schaut der Gesetzeshüter mit einem Mal dann doch äußerst irritiert, ja verstört aus der Wäsche.
