Die Wiener Festivalszene ist nach dem (vorläufigen?) Rückzug dreier großer Veranstaltungen aufgeschreckt. Die vor drei Jahren etablierten Veränderungen in der Förderpraxis schaffen neue Probleme, es fehlt noch immer an Grundsätzlichem und, wie immer, am Geld. Eine Bestandsaufnahme.
Heuer stieg die Förderung für die Kunsthalle nach zuletzt 3,85 Millionen auf 4,1 Millionen Euro. Davon werden aber nur 1,2 Millionen für Kunst ausgegeben, mehr als zwei Drittel verschlingt der laufende Betrieb mit 40 Mitarbeitern. (Michael Wurmitzer, „Viel Geld und ganz schön wenig Musi“, in: „Der Standard“, 15. März 2019)
Was bisher geschah: Nach Jahren des allgemeinen Einzelgängerdaseins wurde 2012, unter anderem auf Betreiben und mit Unterstützung von Viennale-Direktor Hans Hurch das Forum österreichischer Filmfestivals (FÖFF) gegründet, das sich als Interessenvertretung versteht. 2016 veröffentlichte das FÖFF den von ihm in Auftrag gegebenen „Filmfestivalreport Österreich“, mit der Kernaussage, Filmfestivals in Österreich seien „eine Erfolgsgeschichte mit immer mehr Besucherinnen und Besuchern und steigender Bedeutung“. Dass Wien, wo der überwiegende Teil der Festivals veranstaltet wird, dabei eine besondere Rolle spielt, steht außer Frage, zumal hier in den letzten Jahren neben etablierten Veranstaltungen wie dem Queer Film Festival identities, dem Internationalen Kinderfilmfestival oder dem Jüdischen Filmfestival und alteingesessenen Sommerkinos wie Kino wie noch nie, Kino unter Sternen und VolxKino (die ebenfalls dem FÖFF angehören) zahlreiche weitere Initiativen auftauchten, darunter Tricky Women (Animation), /slash (Fantasyfilm), VIS Vienna Shorts (Kurzfilm), Let’s CEE (Mittel- und Osteuropa), dotdotdot (Kurzfilm), Ethnocineca (Dokumentarfilm) oder this human world (Menschenrechte) – alle mit präzise umrissenen thematischen Schwerpunkten
DER BEIRAT
Im November 2016 veröffentlichte „ray“ schon einmal einen Beitrag zum Thema Wiener Filmfestivals mit dem Titel „Mit Verlust ist zu rechnen“, von dem man große Teile hier nochmals abdrucken könnte. Der Titel, dem bekannten Dokumentarfilm von Ulrich Seidl entlehnt, erwies sich als geradezu prophetisch. Anlass für den Text war die eben erst – auf ausdrücklichen Wunsch des FÖFF und dessen Leitung (damals Daniel Ebner und Doris Bauer von VIS Vienna Shorts) – erfolgte Neustrukturierung der Wiener Festivalförderung. Hatte man früher eher zwanglos bei der MA 7, der Kulturabteilung der Stadt Wien eingereicht („Die Festivalszene ist sehr überschaubar in Wien. Die Aufteilung der Subventionsmittel durch den Stadtrat mithilfe der Beraterinnen und Beamten wurde jahrelang schnell und unkompliziert durchgeführt“, so Judith Wieser-Huber, die 21 Jahre lang Leiterin von Kino unter Sternen war und 2018 als erste das Handtuch warf.Im Herbst 2016 wurde ein dreiköpfiger Festivalbeirat installiert, dem bis heute drei Expertinnen und Experten angehören: Markus Aicher (Leiter des Ressorts Kino-Koordination beim Bayerischen Rundfunk, Ex- Journalist und Leiter der Musikfilmtage Oberaudorf), Verena Teissl (Filmwissenschaftlerin aus Tirol und Ex-Viennale-Mitarbeiterin) und die Salzburger Kinobetreiberin und Festivalveranstalterin Renate Wurm. In Summe ergibt das ein erfrischend un-wienerisches Gremium, was die einen, etwa Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler oder dotdotdot-Leiterin Lisa Mai gut finden (Stichwort „Objektivität“), andere jedoch munkeln lässt, es fehle dem Beirat an Gespür für die „besonderen“ Wiener Sensibilitäten, welche auch immer das sein mögen. Seither sind die Wiener Festivals und Sommerkinos aufgefordert, anhand eines klar umrissenen, wenn auch nicht von allen gutgeheißenen Kriterienkatalogs (siehe weiter unten) ein recht umfangreiches Einreichprozedere zu durchlaufen, an dessen Ende der Beirat eine Förderempfehlung ausspricht – oder eben nicht.
Wie auch immer: Schon im Jänner 2017, also kurz nach der ersten Beiratssitzung, monierte das FÖFF „fehlende Transparenz und Courage“ sowie eine schlechte Kommunikation der Entscheidungen nach außen. Resultat: Die Förderentscheidungen werden inzwischen auf der Website der MA 7 veröffentlicht. Ob der Beirat seine Empfehlungen ausreichend transparent macht, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Lisa Mai fühlt sich gut informiert: „Wir haben auf unsere Einreichungen vom Beirat stets eine Begründung zur Entscheidung und Feedback zu unseren Projektinhalten erhalten“, und auch Marie-Christine Hartig sieht keine Intransparenz. Franz Grafl, Mit-Organisator des traditionsreichen Kinderfilmfestivals, urgiert hingegen: „Differenzierte Stellungnahmen zu den Entscheidungen wären wünschenswert, wodurch das Verständnis des Beirats von Film und Kino transparenter und nachvollziehbarer würde.“ Allgemein wünscht man sich jedoch, dass die Empfehlungen des Beirats schneller kommuniziert würden, das dauere „viel zu lang“, wie ein Kenner der Festivalszene meint: „Im September einzureichen und erst Mitte November, wenn überhaupt, zu erfahren, ob und in welcher Höhe man gefördert wird, das ist für die Festivals der ersten Jahreshälfte des nächsten Jahres einfach zu spät.“
Tatsache ist: Nach knapp zweieinhalb Jahren ist Ernüchterung eingetreten, vor allem – wie könnte es anders sein – wegen der nach wie vor bescheidenen Mittel (rund 850.000 Euro für alle rund 30 Wiener Festivals, Sommerkinos und „kinokulturellen Veranstaltungen“). „Das Budget für die Filmfestivals ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, allerdings sehr moderat und sicherlich nicht in dem Ausmaß, wie sich die Stadt das gewünscht hätte“, räumt Kulturstadträtin Kaup-Hasler ein. Man könne aber „davon ausgehen, dass ich mich für eine Erhöhung stark machen werde“. Die Folge: „Das Prekariat steigt sich quasi gegenseitig auf die Zehen“, wie es Marie-Christine Hartig von Ethnocineca, die aktuelle Sprecherin des FÖFF, in einer Presseaussendung im Jänner dieses Jahres formulierte. Hartig ortet einen Finanzbedarf von „zusätzlich 1,5 Millionen Euro“. Darüber hinaus ist eine weitere zentrale Forderung des FÖFF weiterhin nicht umgesetzt (und es sieht nicht so aus, als würde sie es jemals). Mehrjährige Förderzusagen, wie sie anderswo, etwa in der Schweiz, durchaus üblich sind (Stichwort: Planungssicherheit), gibt es in Wien nicht. Also heißt es auch für längst etablierte Veranstaltungen Jahr für Jahr: zurück an den Start.
PAUKENSCHLÄGE
Ende Jänner 2019 kam ungeahnte Bewegung in die Sache, allerdings gewiss nicht so, wie es sich die Beteiligten erwünscht hätten. Die Wiener Festivalszene wurde durch zwei Meldungen gehörig aufgeschreckt. Zum einen gab das ambitionierte und seit seiner Gründung 2012 rasch gewachsene Let’s CEE bzw. dessen Leitung, Magdalena Zelasko und Wolfgang P. Schwelle, in einer Pressekonferenz bekannt, die für Mai geplante siebente Edition des Festivals abzusagen: Die ihnen zugedachten Fördermittel von 35.000 Euro (von der Stadt) und maximal 10.000 bis 15.000 Euro (von der Filmabteilung im Bundeskanzleramt) seien zu gering, um die Veranstaltung in angemessenem Rahmen durchzuführen. Nahezu zeitgleich wurde bekannt, dass auch das seit 1993 alle zwei Jahre veranstaltete und national wie international renommierte Queer Film Festival identities im Jahr 2019 nicht stattfinden würde, ja, dass identities-Chefin Barbara Reumüller gar nicht erst um Förderung eingereicht habe. Betroffenheit allerorten.
Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler bedauert und wundert sich: „Die Festivalmacherin war nicht nur für die Stadt, sondern auch für Partnerinnen, Partner und Medien nicht erreichbar. Kurzum: Wir wissen nicht, was dahintersteckt.“ Wer jedoch die kämpferische Festivalleiterin kennt, die nachweislich für die übliche Branchenaufgeregtheit nichts übrig hat und wohl aus diesem Grund auch dem FÖFF gar nicht erst beigetreten ist, ist weniger überrascht. Zwar will Reumüller zu ihrer Entscheidung öffentlich nicht Stellung nehmen, man darf aber getrost annehmen, dass sie es Leid ist, alle zwei Jahre von neuem erklären und rechtfertigen zu müssen, warum eine Zwei-Millionen-Stadt wie Wien, die noch dazu zu den „lebenswertesten“ der Welt zählt, ein LGBT-Filmfestival braucht, noch dazu ein seit mehr als 25 Jahren organisch gewachsenes, erfolgreiches und populäres. Er könne Reumüllers Vorgehen nachvollziehen, sagt ein Szenekenner: Es sei für ein längst anerkanntes Festival ermüdend und frustrierend, immer wieder bei Null beginnen zu müssen. Hier sei eine andere Vorgangsweise gefragt, eine Art „Einreichung light“ – was nicht heiße, dass sich Festivals nicht immer wieder selbst hinterfragen sollten und dass auch eine Evaluierung von außen alle paar Jahre durchaus angebracht sei, immerhin gehe es um Steuergelder.
Auch Franz Grafl tut die Absage von identities und Let’s CEE Leid. Gerade „in Zeiten wie diesen möge die thematische Ausrichtung der beiden genannten Festivals sobald wie möglich wieder sichtbar werden.“ Und weiter: „Hier geht es immer auch um die Würdigung von Wissen und Arbeit, die sich auch finanziell ausdrücken sollte. Die Kulturstadt Wien, weltbekannt für ihre Musik und ihr Theater, und die Wiener Bevölkerung vor allem, ob sie das Angebot nützt oder nicht, wird von all diesen Festivalinitiatorinnen und –initiatoren schon alleine durch die Tatsache, dass deren wohldurchdachte Filmprogramme in der Öffentlichkeit sichtbar sind, kulturell und menschlich bereichert.“
Dies ist natürlich ein Kernpunkt der gesamten Problematik: Nicht von ungefähr verweist die Festivalszene gerne auf die Tatsache, dass ihre Arbeit vor allem dazu diene, das Filmangebot in der Stadt zu bereichern und den Kino-Einheitsbrei (über 90 Prozent Marktanteil für US-amerikanische Blockbuster) kräftig durchzurühren – ein Angebot, das vom Publikum in immer stärkerem Ausmaß wahrgenommen werde. Der Festivalbetrieb ermögliche als „alternative Verwertungsschiene“ Filmen, die im regulären Kinobetrieb kaum eine Chance hätten, eine mitunter erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit. Marie-Christine Hartig: „Durch eine sich wandelnde Verwertungslandschaft ist die Bedeutung der Festivals für die Filmverwertung immens gestiegen. Auch der jüngste Filmwirtschaftsbericht sagt, dass Filmfestivals ein wichtiger Vertriebskanal geworden sind.“ Und die Festivals sind in ihrer Ausrichtung und ihren Programmen mittlerweile so klar definiert (siehe oben), dass sie sich nicht nur vom herkömmlichen Kinoangebot, sondern auch voneinander deutlich abheben.
WERTSCHÄTZUNG
Dass hier mit großem persönlichen Einsatz und oft unter schwierigen Bedingungen gearbeitet wird, ist bekannt; kein Wunder also, dass viele Festivalpersonen die Förderung durch die Stadt (und auch durch die Republik) auch als Zeichen der Anerkennung und der Wertschätzung ihrer Arbeit und ihres Beitrags zur kulturellen Vielfalt wahrnehmen. Von daher ist es nicht überraschend, dass die Reaktionen auf Förder(nicht)entscheidungen bisweilen sehr heftig ausfallen. Judith Wieser-Huber, die seit 1996 zusammen mit ihrem Team jeden Sommer das Kino unter Sternen auf die Beine stellte – zuerst beim Flakturm im Augarten, später (mit dezidierter Ausrichtung auf den österreichischen Film) am Karlsplatz. 2017 wurde wegen der zu späten Förderentscheidung der Stadt pausiert, und nach Kino unter Sternen 2018 ließ es Wieser-Huber, deren Subvention seit Jahren bei 100.000 Euro stagnierte, gut sein: „Wenn es das Anliegen der Stadt Wien war, die Szene neu aufzumischen, dann ist das gelungen, allerdings hätte ich es politisch fairer und transparenter gefunden, wenn es nicht durch jahrelange Aushungerung geschehen wäre. identities besaß durch Programm und Zielpublikum ein Alleinstellungsmerkmal in der Wiener Festivalszene, und Kino unter Sternen hat am Karlsplatz sehr erfolgreich die österreichische Filmszene und die Filmschaffenden präsentiert. Die wiederholten Anliegen und Anfragen der beiden Veranstaltungen verhallten unbeantwortet.“ Dass sich ihre Wahrnehmung und die der Kulturstadträtin nicht ganz decken, verwundert nicht. Kaup-Hasler: „Kino unter Sternen hat sein Betriebsende bekanntgegeben, ohne zuvor das Gespräch mit der Stadt zu suchen. Wir hätten uns das Problem sehr gerne gemeinsam angeschaut.“
Wieser-Huber lässt am Festivalbeirat kein gutes Haar: „Die lange Bearbeitungsdauer durch den Beirat ist nicht nachvollziehbar, die Ungewissheit und Warterei ist den Festivals nicht zumutbar. Das zeugt von Respektlosigkeit und auch Unkenntnis darüber, wie professionelle Zeitpläne aussehen.“ Auch die Ratschläge des Beirats ließen Fachkompetenz vermissen, so Wieser-Huber: „Kino unter Sternen bekam den Tipp, das fehlende Geld durch Betreiben einer großen professionellen Gastronomie am Karlsplatz aufzubringen. Das widerspricht aber den Vorgaben, die gemeinsam von der Stadt Wien mit dem Verein karlsplatz.org entwickelt worden sind.“ Auch auf das FÖFF ist die Kino-unter-Sternen-Leiterin, die sich nun „anderen Aufgaben zuwenden“ will, nicht gut zu sprechen: „Der Beirat war die Idee des FÖFF. Ziel war von Anfang an die Umverteilung der Gelder. Da der Festivaltopf nicht erhöht wird, musste dies auf Kosten der älteren, etablierten Festivals geschehen.“
Während sich Judith Wieser-Huber „mit diesen Dingen nicht mehr beschäftigen“ will, geben sich Magdalena Zelasko und Wolfgang P. Schwelle kämpferisch. Das Let’s-CEE-Festival ist zwar noch recht jung, hat sich aber rasch gut in Wien etabliert. Vor allem 2018 wartete man mit einem umfangreichen Angebot auf – komplett mit Wettbewerben, Jurys, historischen Programmen, Lifetime Achievement Awards, Schulkino, Industry Days, Rahmenveranstaltungen und noch vielem mehr. Ungewöhnlich an Let’s CEE ist, dass man mit Cineplexx, dem Marktführer auf dem österreichischen Kinosektor und in Südosteuropa, eine Kooperation einging. Der Rundumschlag, der bei der Let’s-CEE-Pressekonferenz Ende Jänner erfolgte, ist aber nur der vorläufige Höhepunkt einer langjährigen Unzufriedenheit der Festivalleitung mit dem Fördersystem bei Bund und Stadt. In der Kritik steht dabei u.a. der Kriterienkatalog, der seit 2016 bei der Förderung durch den Festivalbeirat in Wien angewendet wird, und in dem, so Zelasko und Schwelle, wichtige Punkte fehlen: „Wir finden darin nichts zur gesellschaftlichen Relevanz eines Filmfestivals, kein Wort zum Beitrag eines Festivals zur Zivilgesellschaft und zur Integration, kein Wort zum Grad der internationalen Finanzierung (EU, Filminstitute etc.), die ja eine wesentliche Entlastung des österreichischen Steuerzahlers darstellt, nichts zum Thema Filmerziehung (Schulkino, Kinderkino, Familienkino etc.). Ebenfalls nicht erwähnt werden Angebote eines Festivals für sozial Schwächere, die Barrierefreiheit von Festivals, geschweige denn die Förderung und Sichtbarmachung von Frauen – sowohl im Team als auch im Programm.“ All das seien Punkte, bei denen Let’s CEE sehr gut abschneiden würde, würden sie denn abgefragt. Dafür liste der Katalog in Wien „unsinnigerweise“ einen „Filmmarkt“ als Förderkriterium auf, den sich kein Festival in Österreich leisten könne. „Bis auf diesen einen Punkt erfüllt unser Festival alle anderen Kriterien mustergültig, wird aber trotzdem nicht entsprechend gefördert“, so Magdalena Zelasko.
All die Vorwürfe von Let’s CEE gegen Stadt und Bund, aber auch gegen das FÖFF hier aufzulisten, würde den Rahmen nicht nur des Textes, sondern des gesamten Heftes sprengen. Da ist von viel zu spät erfolgten und intransparenten Förderentscheidungen die Rede, von formal falschen Entscheidungen (die später vom damaligen Kulturstadtrat Mailath-Pokorny korrigiert werden mussten), von Befangenheiten in Fördergremien, von der problematischen Zählung der Festivalbesucher und von vielem mehr. Im Grunde jedoch geht es auch hier um mangelnde Wertschätzung der von Let’s CEE mit viel Herzblut geleisteten Festivalarbeit. Darin unterschiedet sich das Mittel- und Osteuropa-Festival nicht von identities, Kino unter Sternen oder anderen Festivals. Wolfgang P. Schwelle: „2018 haben wir mit gerade einmal 30.000 Euro von der MA7 und 10.000 Euro von der Filmabteilung im Bundeskanzleramt 162 Filme nach Wien gebracht und ein Publikum von über 17.300 Besucher verzeichnet.“
Zelasko und Schwelle können nicht nachvollziehen, warum sie „auch nach Jahren noch weit unter dem (liegen), was alle anderen geförderten Filmfestivals im Vergleich für ihr Angebot im Durchschnitt an Steuergeld bekommen.“ Pro Besucher/in (Zahlen von 2017) würde Let’s CEE von der Stadt nur 2,48 Euro bekommen, während der Durchschnitt der anderen Festivals (dotdotdot und Kino unter Sternen sind hier nicht erfasst) 8,82 Euro erhielte (die Viennale etwa 16,30 Euro). 2018 – die Förderung für Let’s CEE wurde von 40.000 auf 30.000 Euro reduziert – sehe es noch dramatischer aus: Die Fördersumme pro Besucher bzw. Besucherin liege nur noch bei 1,73 Euro. „Egal, welche Parameter man heranzieht, die Förderung pro Zuschauer, pro gezeigtem Film, pro Vorführung oder pro Rahmenveranstaltung, wir sind krass benachteiligt“, sagt Zelasko, die gleichzeitig nicht müde wird zu betonen, dass „das, was die anderen bekommen, bis auf wenige Ausnahmen, auch schon beschämend niedrig“ sei. Die Veröffentlichung dieser Zahlen – sie stammen mehrheitlich von Statistik Austria, sind also kein Geheimwissen – durch Let’S CEE wurde nicht allgemein goutiert, wie man sich lebhaft vorstellen kann. Schwelle: „So mancher fürchtet um seine Pfründe und seine angestammten Reviere, und praktisch alle, dass ihr Anteil am Kuchen, der ja über die Jahre nicht größer geworden ist, in Zukunft kleiner ausfallen könnte. Anstatt gemeinsam die Politik unter Druck zu setzen, hier endlich tiefer in die Fördertöpfe zu greifen, konzentriert man sich darauf, sich gegenseitig zu kannibalisieren.“ Lisa Mai teilt die Theorie vom Kuchen-Kampf nicht, wohl aber die Forderung nach mehr Geld: „Ein Streit um den Kuchen wird entweder herbei-inszeniert oder -geschrieben – aber wem soll das überhaupt nützen? Fakt ist, dass es zuwenig Mittel gibt.“ Zumindest darauf können sich wohl alle Beteiligten einigen.
Besonders enttäuscht ist man bei Let’s CEE über die mangelnde Unterstützung in einem „historisch bedeutsamen Jubiläumsjahr“. „Die durch die mangelnde Unterstützung seitens der Kulturpolitik auf Stadt- und auf Bundesebene erzwungene Absage hat große Symbolkraft. Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang, vor mittlerweile auch schon wieder 15 Jahren wurde die EU-Osterweiterung Wirklichkeit, beides ganz wichtige Daten auf dem Weg zu einem vereinten und friedlichen Europa.“ Dazu käme noch, dass das Festival knapp vor den Wahlen zum Europäischen Parlament (23. bis 26. Mai) stattgefunden und Österreich gerade erst die EU-Ratspräsidentschaft innegehabt hätte. Magdalena Zelasko findet das unverständlich, zumal sich das Festival seit Anfang an „entlang von Themen wie Integration, Völkerverständigung, interkultureller Dialog, Sprachenvielfalt, Pluralität, Diversität, Weltoffenheit, Europa, Demokratie, Erinnerungskultur, Chancengleichheit, Frauen-, Menschen- und Minderheitenrechte“ bewege.
AUSBLICK
So weit, so unerfreulich. Für dieses Jahr ist der Zug für identities und Let’s CEE abgefahren. Der Slot von Kino unter Sternen wurde – nach einer eigens erfolgten Ausschreibung – „vor kurzem mit Kaleidoskop, kuratiert vom CineCollective, nachbesetzt und mit 100.000 Euro gefördert. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf die erste Ausgabe“, wie Stadträtin Kaup-Hasler festhält. Hinter dem Kollektiv stehen mit Djamila Grandits (Ex-this human world), Marie-Christine Hartig (Ethnocineca), Lisa Mai (dotdotdot) und Doris Posch (Tricky Women) vier festivalerprobte Akteurinnen der Wiener Kulturszene. „22 Sommerabende lang bespielt Kaleidoskop täglich bei freiem Eintritt den Karlsplatz mit Filmen, die unterhalten, amüsieren, berühren, zum Nachdenken und zum Diskutieren, zum Träumen und zum Handeln anregen. Filme, in denen sich viele wiederfinden, da verschiedenste Realitäten, Lebensentwürfe und Narrative auf die Leinwand gebracht und miteinander verschränkt werden. Das Spektrum des Kaleidoskops erstreckt sich von Spiel-, Dokumentar-, und Animationsfilmen bis zu diversen Hybridformen, von renommierten Filmen hin zu bis dato wenig gesehenen Arbeiten. Zudem bietet Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz allabendlich ein Vorprogramm, das eine Vielzahl lokaler Communities in der Mitte der Stadt zusammenbringt“, heißt es auf der Website. Aber auch die vier Frauen meinen: „Die Förderung ist tatsächlich äußerst knapp bemessen und eine zukünftige Erhöhung wäre in jedem Fall sehr erfreulich. Aus jetziger Sicht ist es so: Wir nehmen die Herausforderung an und arbeiten gemeinsam mit starken Partnerinnen und Partnern an einer gelungenen Umsetzung.“
Wie geht es weiter? Die aus der Absage der beiden namhaften Festivals freigewordenen Mittel „bleiben im Fördertopf und werden selbstverständlich widmungsgemäß für Festivals und kinokulturelle Projekte verwendet“, sagt Veronica Kaup-Hasler. Was die Zukunft des Festivalbetriebs in der Bundeshauptstadt – abseits vom dringenden Wunsch nach mehr Mitteln – betrifft, sind die Vorstellungen durchaus unterschiedlich: Die Stadträtin setzt auf Dialog, der allerdings bisher etwa mit Let’s CEE nicht zustandekam. „Ich habe das Ohr sehr nahe bei den Kulturschaffenden und kenne deren Wünsche und Bedürfnisse. Grundsätzlich brauchen wir die Expertise der Szene, um auch zukünftige Herausforderungen gemeinsam bewältigen zu können.“
Franz Grafl ist eher skeptisch: „Solange nicht alle Festivals finanziell gleich behandelt werden, pro präsentiertem Programmpunkt zum Beispiel eine bestimmte Summe an Förderung bekommen, wird es immer ein Gefühl der Ungleichbehandlung zwischen sogenannten „großen“ (wodurch groß?) und „kleinen“ Events geben. Es kann nicht sein, dass ohne Begründung zwischen 1.000 und 12.500 Euro Zuschuss pro Programmpunkt gewährt werden. Die Organisation, die operative Arbeit und die Lizenzpreise kosten ja für alle Festivals gleich viel. Das ist ein Kreislauf, der nur durch ein neu gedachtes Fördersystem, das alle Festivals – ohne Ausnahme – gleich berücksichtigt, aufgelöst werden kann.“ Marie-Christine Hartig vom FÖFF will „die Zusammenarbeit der Festivals im Verband und die Arbeit des Verbands mit den Fördergebern“ stärken, „um ein Umdenken in der Förderpolitik und eine Erhöhung der Förderungen zu erwirken.“ Für weiteren Diskussionsstoff ist bestimmt gesorgt.
