Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist der Messias mit Sixpack. Zack Snyders Zerstörungsorgie Man of Steel lässt Superman nach längerer Pause wieder über die Kinoleinwände fliegen.
Hitzeblick, Superpuste, Unverwundbarkeit: Über Jahrzehnte galt der in den dreißiger Jahren von Jerry Siegel (Text) und Joe Shuster (Illustrationen) ersonnene Superman – bürgerlicher Name: Kal-El, irdisches Alter Ego: Clark Kent – vom Planeten Krypton als Inbegriff des Comic-Helden schlechthin. Mit seinem rot-blauen Kostüm, das an die Farben der US-Flagge erinnert, und unbestechlichen moralischen Grundsätzen rettete er die Erde vor Superschurken wie Lex Luthor oder Brainiac und bescherte dem Verlagshaus DC Rekordumsätze. Auch in mehreren Fernsehserien und auf der Kinoleinwand war der Außer- und Überirdische lange ein Garant für Erfolg. Adventures of Superman mit George Reeves in der Titelrolle brachte es ab 1952 auf sechs Staffeln, mehrere Zeichentrickserien erzielten hervorragende Einschaltquoten, und Richard Donners Blockbuster Superman mit Christopher Reeve war 1978 der zweiterfolgreichste Film.
Donner setzte auf epischen Gestus und schuf eine der ersten ernstzunehmenden Comic-Verfilmungen der Filmgeschichte: Reeve wurde als Idealbesetzung gefeiert und versah die Rollen von Superman/Clark Kent mit Charme, Humor und Heldenmut, die Spezialeffekte waren für die damalige Zeit bahnbrechend, John Williams sorgte für den heroischen Soundtrack, und in den Nebenrollen tummelten sich Oscar-Preisträger von Marlon Brando bis Gene Hackman. Auch Richard Lesters Fortsetzung Superman II (1980) kam bei Fans und Kritik gut an, doch der ebenfalls von Lester inszenierte Superman III (1983) versandete bereits in Klamauk und Ideenlosigkeit. Sidney J. Furies völlig verunglückter Superman IV: The Quest for Peace (1987) schließlich geriet zu einem derartigen Flop, dass es beinahe zwei Jahrzehnte dauern sollte, ehe es wieder einen Kinofilm mit dem Kryptonier gab; ein von Tim Burton geplantes Projekt mit dem bekennenden Superman-Fanatiker Nicolas Cage (der seinen Sohn auf den Namen Kal-El taufen ließ) scheiterte ebenso wie Wolfgang Petersens Versuch, Superman gegen Batman antreten zu lassen. Als schließlich 2006 Bryan Singers nostalgisch angehauchter Superman Returns, eine Quasi-Fortsetzung von Superman II, in die Kinos kam, wurde das Werk von Publikum und Kritik überwiegend reserviert aufgenommen. Das lag nicht nur an der Besetzung der Titelrolle mit Brandon Routh, der eher wegen seiner Ähnlichkeit mit Christopher Reeve verpflichtet wurde als aufgrund seines Schauspieltalents, sondern auch daran, dass Singer (der mit den ersten beiden X-Men Filmen eigentlich ein Händchen für intelligente Comic-Adaptionen bewiesen hatte) Altbekanntes aufwärmte: Wieder einmal war Lex Luthor der Schurke, und wieder einmal musste Kryptonit herhalten, um Superman zu schwächen. Und auch die Actionszenen wirkten, ebenso wie die Liebesgeschichte, eher wenig spektakulär. Im selben Jahr kam mit Christopher Nolans Batman Begins noch dazu ein Film in die Kinos, der weitreichende Folgen für das Genre der Comic-Verfilmungen zeitigen sollte, viele Nachahmer fand und Superman vergleichsweise alt aussehen ließ: Während Singers Version irgendwo zwischen Hommage an die früheren Filme und halbherzigen Updates verpuffte, gelang es Nolan, Batman aus dem durch Joel Schumacher (Batman and Robin, 1997) verschuldeten kreativen Tief zu holen. Nolans pseudorealistische „origin story“ Batman Begins setzte erfolgreich auf psychologische Erklärungen für die Beweggründe des Superhelden, clevere Dialoge und düstere Optik; die Kassenrekorde brechende Fortsetzung The Dark Knight schließlich etablierte Batman endgültig als den cooleren Helden, baute politische Untertöne ein und hatte mit dem Joker noch dazu die wohl größte Ikone unter den Comic-Bösewichten mit dabei.
Paint it Black
In einer Zeit, die ihre Helden gern mit Ecken, Kanten und einer Portion Düsternis bevorzugt (auch die Konkurrenten von Marvel hatten bei allem Humor immer Abgründe und Alltagsprobleme) schien es für den nahezu unverwundbaren und dadurch etwas langweiligen Superman keinen Platz mehr im Kino zu geben. Im Bereich der Superman-Comics dagegen hatte man nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, der die Welt zunehmend komplexer erscheinen ließ, und unübersehbaren Schrammen im Antlitz des American Way of Life schon früher reagiert und mit zunehmend düsteren Storys auch Erfolg: In „The Death of Superman“ (1992) ließ man den Helden beim brutalen Kampf gegen seinen Rivalen Doomsday gar vorübergehend sterben, und in „Superman: Red Son“ (2003) wächst der Stählerne nicht in den USA auf, sondern in der Sowjetunion (wo er unter Stalin zum Propagandisten des Arbeiter- und Bauernstaates wird). Auch die Hitserie Smallville, die ab 2001 zehn Staffeln lang lief, versuchte andere Seiten an Superman zu entdecken: Der junge Clark Kent wird in seinem Heimatort von teenage angst, Liebeswirren und im wahrsten Wortsinn Identitätskrisen geplagt. Eine Serie, die in ihren besten Momenten durchaus originell, in ihren schlechtesten eine immerhin unterhaltsame Teeniesoap war.
Es schien jedenfalls naheliegend, dass das Studio Warner Bros. mit Superman ebenfalls am Düsterboom mitnaschen wollte und sich für den aktuellen, 225 Millionen Dollar teuren Reboot Man of Steel an jenen Mann wandte, der bereits Batman wieder für das Kino attraktiv gemacht hatte: Produzent Christopher Nolan ersann gemeinsam mit Drehbuchautor David S. Goyer (der schon bei der Dark-Knight-Trilogie mit dabei war) die Story und wählte als Regisseur den für bildgewaltige Action bekannten Zack Snyder (300) aus. Die Vorfreude bei Fans war, geschürt durch eine aufwändige Werbekampagne, immens, doch das Endprodukt beweist einmal mehr, wie schwierig es ist, den Mann aus Stahl zumindest auf der Kinoleinwand ins Hier und Heute zu holen.
Die Story an sich, die viele Elemente aus der bekannten Mythologie enthält, ist dabei gar nicht übel: Der Planet Krypton ist durch seinen instabilen Kern kurz vor dem Untergang, doch niemand will dem Wissenschafter Jor-El (Russel Crowe) glauben. Kurz bevor er von seinem Rivalen General Zod (Michael Shannon) ermordet wird, schickt er seinen Sohn Kal-El sowie einen Kodex, der das Erbmaterial der kryptonischen Bevölkerung enthält, mittels Rakete Richtung Erde. Während Zod und seine Mitstreiter aufgrund eines geplanten Staatsstreiches in die Phantomzone verbannt werden (und so ironischerweise den Untergang des Planeten überleben) kommt Kal-El in Kansas an. Dort wird er vom Ehepaar Jonathan und Martha Kent (Kevin Costner und Diane Lane) adoptiert, mit dem Vornamen Clark versehen und ermahnt, seine der irdischen Atmosphäre und der Sonne geschuldeten Superkräfte nicht einzusetzen, da die Menschheit ein übermenschliches Wesen wie ihn weder verstehen noch akzeptieren würde. Während Clark nach dem Tod seines Adoptivvaters auf Reisen geht, um sich selbst zu finden und die Reporterin Lois Lane (Amy Adams) sich auf die Spuren des Mystery Man macht, rückt Zod mit seiner Armee Richtung Erde aus. Das Ziel: Den Kodex finden und ein neues Krypton auf der Erde errichten – zuungunsten der Menschheit natürlich. Aufhalten kann den Bösewicht dabei selbstverständlich nur ein Mann – ein Mann aus Stahl.
Jesus von Krypton
Dass man auf einen radikalen Neustart setzt, zeigt eine Reihe von Details – bereits der Titel verzichtet auf den Namen Superman (eine Parallele zu Nolans The Dark Knight). Außerdem lässt das neue, dunkler gefärbte Kostüm die roten Hotpants weg und ist dadurch ein ästhetischer Gewinn (das „S“ steht im Krpytonischen für Hoffnung, nicht für Superman). Auch sind die Superkräfte für den jungen Clark kein Segen – so leidet er durch sein Supergehör an Reizüberflutung, und der erstmalige Einsatz des Röntgenblicks lässt ihm seine Mitmenschen als Skelette erscheinen. Den Militärs ist der Held ebenfalls nicht ganz koscher, obwohl er versichert: „I was raised in Kansas. I’m about as American as it gets.“ Und auch gegen ein bestimmtes Tabu, das bisher mit der Figur in Verbindung gebracht wurde, wird der Held im Laufe des Films verstoßen …
Mit Henry Cavill (The Tudors) hat man zweifelsohne eine gute Besetzung für die Titelfigur gefunden (der Brite überzeugt durch Zurückgenommenheit und Charisma, außerdem sind seine Muskeln echt), doch der Rest der Besetzung tut sich mit Rollen, die ob ihrer Überlebensgröße jede Menschlichkeit verlieren und von Bombast erstickt werden, eher schwer. Besonders zu leiden hat hier Kevin Costner, der einen derart moralischen Mann spielen muss, dass die Grenzen zur unfreiwilligen Komik mehr als einmal überschritten werden. Der ansonsten exzellente Michael Shannon agiert mit den weit aufgerissenen Augen eines militaristischen Fanatikers, ist aber immerhin gelegentlich bedrohlich, und Amy Adams als potenzielles Love Interest von Superman/Clark Kent ist eher das Klischee einer Powerfrau als wirklich tough. Am besten schlagen sich Laurence Fishburne als „Daily-Planet“-Herausgeber Perry White und Russell Crowe als Mischung aus Hamlets Vater und Obi-Wan Kenobi.
Zack Snyder weiß zweifelsohne, wie man Explosionen und Schlagabtäusche in Szene setzt, Subtilität war jedoch noch nie seine Sache; Man of Steel dauert knapp zweieinhalb Stunden, doch werden die im Minutentakt erfolgenden Zerstörungs-Orgien schnell ermüdend. Wie Joss Whedon bei The Avengers setzt auch Snyder im Finale auf 9/11-Bilder, doch gegen die Destruktion, die Snyder hier entfacht, wirkt die Action der Konkurrenz wie Kindergeplänkel. Die Wahl von General Zod, einem der gefährlichsten Gegner Supermans, war eine prinzipiell gute, da es nicht zuletzt Supermans übermenschliche Stärke war, die ihm den Ruf des Langeweilers einbrachte. Doch nachdem die Kryptonier auch nach der zehnten Schlägerei nicht einmal an Nasenbluten leiden, nutzt sich auch diese Bedrohung schnell ab. Die religiösen Anspielungen, die schon der Supermanstory inhärent sind – ein Vater schickt seinen einzigen Sohn auf die Erde, auf dass dieser der Menschheit beistehen möge – werden im Film mit stählerner Faust präsentiert: So unterhält sich der an der Menschheit zweifelnde Clark mit einem Priester über Glaubensfragen und wird dabei vor ein Glasfenster, auf dem Jesus zu sehen ist, drapiert; auch darf er manchmal Flugpositionen einnehmen, die an den Gekreuzigten erinnern. Erzählt wird nonlinear, was wohl für Abwechslung zwischen den Actionsequenzen und der Selbstfindung des Helden sorgen soll, durch die Wiederholung vieler Elemente jedoch nicht selten redundant wirkt. Die Rückblenden in die Kindheit Clarks filmt Snyder im Stil von Terrence Malick (schwebende Handkamera, Sonnenuntergänge, wogendes Gras und Wäscheleinen im Wind), während die Wanderschaft Clarks an die Wolverine-Szenen aus X-Men erinnert (mit Vollbart und Brusthaar ähnelt Cavill denn auch wirklich Hugh Jackman). Die Actionsequenzen sind Snyder pur: laut, hart und durchaus bildgewaltig. Besonders beeindruckend ist neben einer Sequenz, in der die Geschichte Kryptons visualisiert wird, jene Passage, in der Superman das Fliegen erlernt, Kontinente und Ozeane überfliegt. Hier macht der Film richtig Spaß. Leider zu selten.
Es war an der Zeit, dass man Superman den Weg ins 21. Jahrhundert weist, doch wenn man die Figur gar zu ernst nimmt, gehen Seele und Humor verloren – Action-Overkill und Düsternis machen noch keinen Charakter aus. Aufgrund der großen Summe, die der Film bereits am ersten Wochenende einspielte, ist eine Fortsetzung jedenfalls gewiss, und auch das Ende ist eindeutig auf ein Sequel angelegt.
In Tarantinos Kill Bill: Volume 2 monologisiert die Titelfigur darüber, dass Superman im Gegensatz zu anderen Superhelden tatsächlich er selbst ist, wenn er das Kostüm mit dem „S“ trägt, und die Identität des schüchternen Reporters Clark Kent die eigentliche Verkleidung darstellt: „That’s the costume Superman wears to blend in with us. Clark Kent is how Superman views us.“ Eine nicht unoriginelle Interpretation der Figur, von der man sich beim Sequel zu Man of Steel inspirieren lassen könnte – vielleicht kommen Menschlichkeit und Tiefgang dann von selbst.
