Filmkritik

Unsichtbar – Zwischen zwei Welten

| Günter Pscheider |

Thriller um den Schwebezustand zwischen Leben und Tod.

Der junge Paul befindet sich in einer reichlich unangenehmen Lage. Sein Körper liegt schwer verletzt, zwischen Leben und Tod schwebend, irgendwo im Wald. Währenddessen wandelt sein „Geist“ unsichtbar unter den Lebenden und schafft es trotz vieler Versuche einfach nicht, die Polizei auf seinen Aufenthaltsort aufmerksam zu machen. Diese originelle Ausgangslage allein reicht allerdings nicht für einen ganzen Film, deshalb versucht Regisseur David Goyer mittels zweier Subplots Interesse für die Charakterentwicklung der Figuren zu wecken. Da wäre zunächst jener um Annie, Anführerin einer Gang und verantwortlich für Pauls missliche Situation, die versucht hatte, den Möchtegernschriftsteller Paul umzubringen, weil sie glaubte, er habe sie an die Polizei verraten. Pauls Geist bleibt ihr fortan immer auf den Fersen, weil sie die Einzige ist, die seine Gegenwart zumindest zu spüren scheint. Annie lernt, getrieben durch ihr schlechtes Gewissen, Pauls Welt besser kennen, beide kommen dadurch zu einem tieferen Verständnis füreinander, ohne dabei mit dem anderen kommunizieren zu können. Mangelndes Einfühlungsvermögen bestimmt auch das Verhältnis von Paul zu seiner kontrollsüchtigen und unnahbaren Mutter. Erst als sie ihre unterdrückten Gefühle endlich zeigen kann, entsteht so etwas wie wirkliche Anteilnahme am Leben ihres Sohnes. Beide Aspekte der Story, die Thrillerhandlung, die um die Frage kreist, ob man den tot geglaubten Paul rechtzeitig findet, und die großen Raum einnehmenden Charakterentwicklungen funktionieren als Konzept. Leider schwächen sie sich gegenseitig, als hätten sich die Autoren nicht entscheiden können, worauf sie den Plot nun eigentlich fokussieren wollen. Die Thrillerelemente sind zu behäbig inszeniert und die Charaktere bleiben zu schablonenhaft, um durchgehend glaubwürdig zu wirken. Das trifft vor allem auf Annie zu, die etwa in einer Szene beim ekstatischen Tanzen in einer Disco erstmals als Ausdruck ihrer neu gewonnenen Sensibilität ihre langen Haare schüttelt, die bisher immer unter einer Pudelmütze verborgen waren. Störend wirkt die inflationäre Verwendung von Popsongs, die mittels einiger Textzeilen das Lebensgefühl und die Gedanken der Protagonisten verdeutlichen sollen, aber dramaturgisch völlig wirkungslos eingesetzt werden. Aufgrund der spannenden Grundkonstellation bleibt man bis zum kitschigen Ende dabei, vor allem aber macht The Invisible Lust, sich die schwedische Filmvorlage dieses durchschnittlichen US-Remakes anzuschauen.