22 Bahnen

Filmstart

22 Bahnen

| Pamela Jahn |
Überzeugende Bestseller-Verfilmung

Wenn Tilda (Luna Wedler) schwimmt, passt ihre ganze Welt in ein Freibecken. Dann zählen für die begabte Mathematikstudentin nur die 22 Bahnen, die sie im kalten Wasser zurücklegt. Die tägliche Routine ist eine feste Größe in ihrem Leben, ein bisschen Halt im Alltag. Ein bisschen Ordnung und Struktur. Zuhause erwartet sie das Gegenteil: Eine schwer alkoholsüchtige Mutter (Laura Tonke), die schon vor Jahren jedes Pflichtbewusstsein an ihre älteste Tochter abgegeben hat. Also kümmert sich Tilda um alles, immer. Am wichtigsten ist ihr dabei das Wohl ihrer jüngeren Schwester Ida (Zoë Baier), mit der sie eine fest eingeschworene Einheit bildet. 

Als Tilda kurz vor der Masterarbeit steht, weist sie ihr Professor sie auf ein besonderes Jobangebot hin. Eine Promotionsstelle in Berlin sei ausgeschrieben, direkt nach dem Abschluss könnte sie dort anfangen. Auf dem Heimweg von der Universität malt sich Tilda ihren Alltag in der Hauptstadt aus: Rechnen, lesen, arbeiten, solange sie will. Und Ida anrufen – an der Stelle gerät ihr Traum ins Stocken, denn sie weiß: Sie muss bleiben, kann nicht einfach abhauen wie alle anderen. Zukunft und Vergangenheit finden bei ihr nur im Kopf statt. Vielleicht denkt sie deshalb auch noch so viel an ihre Jugendliebe Ivan, der vor fünf Jahren bei einem Autounfall verstarb. Dass plötzlich sein großer Bruder Viktor (Jannis Niewöhner) wieder in der Heimat auftaucht, macht die Sache für Tilda nicht einfacher. 

Es mag ein glücklicher Zufall sein, dass Mia Maariel Meyer in ihrer Kinoadaption des Bestsellers von Caroline Wahl die Hauptrolle mit Luna Wedler besetzt hat. Als Tilda überzeugt die gebürtige Schweizerin mindestens so sehr wie zuvor in Marianengraben. Darin spielte Wedler mit viel Wut und Verzweiflung eine angehende Meeresbiologin, die sich wegen des Todes ihres kleinen Bruders schuldig fühlt. In 22 Bahnen ist ihre Darstellung zurückhaltender, wahrhaftiger. Diesmal begegnet sie ihrer Figur mit einer entwaffnenden Mischung aus Schmerz, Resilienz und Sehnsucht. Man wünscht dieser jungen Frau den Job, die Romanze mit Viktor, die Chance auszubrechen. Doch immer wieder wird die Studentin ausgebremst, sei es durch die Krankheit der Mutter oder ihrer eigene vor Eigenständigkeit und Veränderung. 

Ähnlich wie in der literarischen Vorlage wird Tilda latent aus dem Off von ihren Gedanken begleitet. Manchmal fließen einzelne Dialoge direkt mit ihren wachsamen Reflexionen zusammen. In diesen Szenen ist der Roman auf sprachlicher Ebene auch im Film emotional zugänglich. Diese feinen Überschneidungen von Worten und Fantasien verleihen dem Drama
eine Leichtigkeit und Freiheit, die Tilda sonst nur im Wasser spürt.