Swallow

Filmfestival

Von Samurais zu satanischen Sadisten

| Michael Ranze |
Das 26. Internationale Filmfest Oldenburg

Oldenburg, das ist eine Stadt im Nordwesten Deutschlands, ein halbe Zugstunde von Bremen entfernt. In Oldenburg, vom Hollywood Reporter zum „biggest little fest in Europe“ gekürt und von einer anderen Fachzeitschrift unter die besten 25 Filmfestivals der Welt gezählt, kennt und liebt man das Kino, und so zählt das fünftägige Festival zu den Perlen im deutschen Filmkalender. Eine überschaubare Veranstaltung, von Torsten Neumann und seinem Team unaufgeregt organisiert, mit viel Zeit für Begegnungen und Gespräche. Neumann verleiht Oldenburg mit ganz gezielten Schwerpunkten, von der Independentreihe bis zum Tribute, vom Trash bis zum Kurzfilm, vom deutschen Film bis zum Midnite Xpress, ein unverwechselbares Profil. Das Festival profitiert dabei von der lebendigen Innenstadt, den zumeist kurzen Wegen und den charmant-originellen Veranstaltungsorten für Partys (gerne leerstehende Häuser) und Events (Filmvorführungen in der Justizvollzugsanstalt).Und so machte es einfach Spaß, durch die verschiedenen Sektionen zu wandern, immer verfolgt von den großen Augen Lauren Bacalls, die sich auf schwarzweißen Plakaten eine Zigarette anzündete. Nicht verschwiegen werden soll allerdings, dass nicht jeder Film gelungen war, mancher sogar, trotz hoher Vorschusslorbeeren oder anschließender Auszeichnung, doch enttäuschte. Markantes Beispiel hierfür ist In Full Bloom von Adam VillaSenor und Reza Ghassemi, der den German Independence Award für den besten Film und, eine Besonderheit, für das beste Regiedebüt in der Independent-Reihe erhielt. Ein Boxer-Film, in dem sich nicht nur zwei Männer gegenüberstehen, sondern zwei Nationen: Japan und die USA. Als der amerikanische Boxer Clint Sullivan in Japan seinen Titel gegen Masahiro verteidigen soll, wollen die Yakuza den Kampf manipulieren. Doch irgendwie haben die Filmemacher zuviel Samurai- und Gangsterfilme gesehen. Sie treiben die Mythen von Würde, Stolz und Ehrgeiz bewusst auf die Spitze, zersplittern unnötig die Handlung in eine nicht-lineare Erzählung und präsentieren einen Boxkampf, der anders aussehen will als andere, mit seinen manierierten Bildern und dem pompösen Soundtrack aber nur nervt.

Enttäuschend auch Rob Lamberts Cuck, der mit seinem Protagonisten Ronnie – Zachary Ray Sherman erhielt für seine Darstellung den Seymour-Cassel-Award als bester Schauspieler – einen Verlierer ersten Ranges präsentiert. Vom Militär abgelehnt, unfähig zu einer regelmäßigen Arbeit, immer noch bei seiner Mutter wohnend, macht Ronnie seinem Unmut auf Videos im Internet mit rechten Parolen Luft. Seinen sexuellen Frust kompensiert er als Darsteller in Pornofilmen, die eine lüsterne Nachbarin und ihr Mann inszenieren. Doch hier spielt er nur den Cuckold, also den betrogenen Ehemann, der dabei zusehen muss, wie seine Frau von wildfremden Männern gevögelt wird. Ein beschämendes Arrangement, das in Gewalt enden muss. Als Parabel auf Trumps Amerika ist dieser Film viel zu forciert und aufgesetzt, als Studie eines einsamen Mannes viel zu deprimierend.

Sehr viel gelungener war da Carlo Mirabellas-Davis’ Swallow, ebenfalls in der Independent-Reihe gelaufen. Haley Bennett spielt darin eine junge Ehefrau, die unter ihrem kontrollsüchtigen Ehemann und den arroganten Schwiegereltern leidet. Sie lebt in einer modernen, lichtdurchfluteten Villa am Meer, die sich rasch als Goldener Käfig entpuppt. Und so beginnt die unglückliche Frau Dinge zu verschlingen, die eigentlich nicht zum Verzehr geeignet sind: Murmeln, Heftzwecken, Nägel … Die beklemmende, in der Hauptrolle brillant gespielte Studie einer Frau, die endlich über sich selbst (und ihren Körper) bestimmen will.

Oldenburg kümmert sich auch immer um das Kino selbst und seine Geschichte, diesmal in drei Dokumentarfilmen: The Ghost of Peter Sellers von Peter Medak, You don’t Nomi von Jeffrey McHale und Blood & Flesh: The Reel Life & Ghastly Death of Al Adamson von David Gregory. Während der erste Film von den Dreharbeiten zu Peter Medaks Ghost in the Noonday Sun (1974) berichtet, die vom Hauptdarsteller Peter Sellers bewusst torpediert wurden, so dass der Film von Columbia in die Archive verbannt wurde, versucht der zweite eine Ehrenrettung von Paul Verhoevens Showgirls, so wie es schon dem kanadischen Filmjournalisten Adam Nayman mit seinem kleinen Büchlein „It Doesn’t Suck“ gelungen war. McHale lässt die Beteiligten von damals zu Wort kommen und zeigt seltenes Material aus der Karriere von Elizabeth Berkley. Mit Busby Berkely und All About Eve verweist er, im Gegensatz zu zeitgenössischen Filmkritikern, darüber hinaus auf wichtige Bezugspunkte. Am packendsten jedoch die Doku über Al Adamson, jenem Trash-Film-Regisseur, dem wir solche Meisterwerke wie Satan’s Sadists und The Female Bunch verdanken, nicht zu vergessen die lüsternen Flugbegleiterinnen in Blazing Stewardesses. Man muss seine Filme, die er häufig umschnitt oder mit neuem Titel einfach noch mal auf den Markt schmiss, nicht mögen. Doch das Ende – Adamson wurde am 2. August 1995 im Alter von 66 Jahren von einem Handwerker ermordet und dann in seinem eigenen Haus im Fußboden einbetoniert – hatte er nicht verdient.