Marie Bäumer ist fabelhaft als Romy Schneider in Emily Atefs Porträtfilm.
Mit zehn Nominierungen, darunter bester Spielfilm und beste Regie, ist dies der Favorit für den Deutschen Filmpreis 2018. Bemerkenswert daran ist auch, dass alle vier wesentlichen Schauspieler nominiert sind: Robert Gwisdek als „Stern“-Reporter Michael Jürgs, Charly Hübner als Star-Fotograf und Schneider-Intimus Robert Lebeck, Birgit Minichmayr als Romys Freundin Hilde aus Wiener Kindertagen und – in der einzigen Hauptrolle – Marie Bäumer, die Romy Schneider wahrhaft Gestalt verleiht. 3 Tage in Quiberon spielt während eines Kuraufenthalts Schneiders in der Bretagne im März 1981, im Zuge dessen das später notorische Interview mit der sensiblen, weltberühmten Schauspielerin entstand.
Es ginge mit dem Teufel zu, wenn Marie Bäumer diesen Preis nicht bekommt. Obwohl sie starke Konkurrenz hat in der für Aus dem Nichts hochgelobten Diane Kruger, übrigens wie Bäumer selbst lange Zeit unterschätzt: Auf diese mühelos wirkende Weise in die rissig gewordene Haut einer der populärsten Ikonen der europäischen Filmgeschichte zu schlüpfen, verdient größte Anerkennung. Bäumer hat den Vorteil einer physiognomischen Ähnlichkeit mit Schneider, nicht zuletzt ihre Lachfältchen erinnern an sie, doch Bäumer bräuchte das gar nicht. Ob sie aus vollem Hals lachend auf dem Boden ihres Hotelzimmers herumkugelt, ob sie ohne Scheu mit wildfremden Menschen in einer Spelunke palavert (Denis Lavant tritt dabei einprägsam als Hafen-Poet in Erscheinung), ob sie sich in trotzigem Timbre gegen den impertinenten Interviewer zur Wehr setzt oder sich unter Tränen ins Bett verkriecht: Romy Schneider wird noch einmal lebendig in dieser Darstellung kurz vor dem Tod ihres Sohnes und nicht lange vor ihrem eigenen, nichts daran wirkt gekünstelt oder übertrieben. Auf Alkohol verzichten sollte sie eigentlich im Kurhotel, doch bald wird klar, dass es ohne nicht gehen wird. 3 Tage in Quiberon stellt, teils sehr akkurat dank Lebecks Fotos und doch wie beiläufig in seiner Handkameraführung, die damaligen Begegnungen und Reibungen von vier Menschen nach, verdichtet Romy Schneiders Leben auf ein zwischen Schwerelosigkeit und Existenzängsten schlingerndes Wochenende.
„Romy besaß keinen Filter“, sagt Regisseurin Emily Atef. Marie Bäumer versteht es perfekt, diese Unverfälschtheit in allen Nuancen zum Ausdruck zu bringen. Zum Vergleich und als Vertiefung sei Hans Jürgen Syberbergs Interviewfilm Romy – Porträt eines Gesichts empfohlen: eine andere schwarzweiße Momentaufnahme, im Vérité-Verfahren, 3 Tage in Kitzbühel, 15 Jahre früher.
