Eine Woche volles Programm und Kinos bot das 62. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, das zu den wichtigsten Festivals in Europa zählt.
Aus rund dreitausend Einreichungen wurden 161 aktuelle Filme ausgewählt, die in der Regel ihre Weltpremiere, internationale, europäische oder deutsche Uraufführung feiern. Insgesamt wurden in den Festivalkinos 310 Filme und interaktive Arbeiten aus 63 Ländern gezeigt. Deutlich wurde, dass das Auswahlkomitee in Leipzig eher auf ruhige Filme setzt, mit langen Einstellungen und oft ohne Kommentar. Die Kamera beobachtet, und die Bilder sollen für sich sprechen. Damit bietet man eine Alternative zu schnell geschnittenen und der Sensation nachjagenden Produktionen und pflegt eher den klassischen Autorenfilm.
Eröffnet wurde das Festival mit dem deutschen Dokumentarfilm Das Forum von Marcus Vetter. Er konnte einen Blick hinter die Kulissen des Weltwirtschaftsforums in Davos werfen. Ziel des Gastgebers Klaus Schwab ist es, durch Gespräche der Mächtigen die Welt zu verbessern. Der aufwändige Dokumentarfilm in Cinemascope nimmt im letzten Drittel an Fahrt auf, wenn es bei dem Weltforum 2019 um Klimaveränderung und Umwelt geht.
Die Frage „Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera“ war der Titel eines zweitägigen Symposiums in Leipzig, bei dem Filme gezeigt und diskutiert wurden, die sich mit Andersdenkenden, Tätern oder Schuldigen beschäftigen. Ausgelöst wurde die Diskussion 2019 durch den Film Lord of the Toys von Pablo Ben Yakov und seinem Kameramann André Krummel. Sie porträtieren eine rechte Internet-Clique in Dresden. Gegen die Vorführung gab es Proteste und eine Anfrage im Gemeinderat. Die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft führt dazu, dass viele nicht bereit sind, sich überhaupt mit anderen Sichtweisen und Positionen auseinanderzusetzen. Es ist am einfachsten, sein eigenes Weltbild bestätigt zu bekommen. Wenn man sich näher mit dem Thema beschäftigt, wird schnell klar, dass es nicht die eine Wahrheit oder nur eine Realität geben kann, sondern nur subjektiv wahrgenommene Realitäten und Wahrheiten.
Bei der Preisverleihung wurden sieben Goldene Tauben sowie 16 weitere Preise mit einer Gesamtdotierung von 82.000 Euro sowie Sachleistungen in Höhe von 11.000 Euro vergeben. Große Gewinner waren 2019 die beiden litauischen Filmemacher Audrius Mickevičius und Nerijus Milerius für Exemplary Behaviour. Sie gewannen nicht nur die Goldene Taube für den besten Langfilm, sondern auch den Preis der FIPRESCI-Filmkritiker sowie den Preis der Interreligiösen Jury. Die Regisseure ergründen darin Schuld und Sühne am Beispiel zweier zu lebenslanger Haft verurteilter Straftäter. Der Film hat sich damit für die Oscars 2020 qualifiziert. Den Deutschen Wettbewerb Langfilm gewann Ute Adamczewski für Zustand und Gelände. Kamerafahrten und Bilder von sächsischen Städten, Landschaften und der Elbe kontrastiert sie mit historischen Quellen rund um die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933. Von vielen verdrängt ist die Tatsache, dass schon so früh Kritiker des Regimes in „Schutzhaft“- und Konzentrationslager gesteckt wurden. Die Goldene Taube im Next Masters Wettbewerb erhielten die österreichischen Filmemacher Julia Gutweniger und Florian Kofler für Sicherheit 123. In den Alpen gedreht, erkundet der Film ein nahezu unsichtbares Sicherheitssystem, das Menschen vor Gefahren durch Naturgewalten wie Lawinen schützen soll. Dieser Preis dient als Anschubfinanzierung für das nächste Filmprojekt.
Im Internationalen Wettbewerb Kurzfilm wurden die russische Produktion Puberty von Elena Kondrateva als Bester Dokumentarfilm sowie der iranische Kurzfilm Am I a Wolf? von Amir Houshang Moein als Bester Animationsfilm mit Goldenen Tauben ausgezeichnet, die sich dadurch ebenfalls für die Oscars qualifizieren. Die Goldene Taube für den besten deutschen Kurzfilm gewann die deutsch-ukrainische Koproduktion „Opera Glasses“ von Mila Zhluktenko. Die Goldene Taube im Next Masters Wettbewerb Kurzfilm ging an den ukrainischen Beitrag „Deep Love“ von Mykyta Lyskov.
Die Zukunft ist online
Die Medienwelt ändert sich radikal weg vom linearen Fernsehen. Die ARD hat festgestellt, dass in ihrer Mediathek Dokumentarfilme sehr beliebt sind – auch bei jüngeren Nutzerinnen und Nutzern. Die AG DOK bot Thomas Riedelsheimer die Chance, sein Projekt www.musenraum.de vorzustellen. Dabei können sich junge Dokumentarfilmemacherinnen und -macher um eine Fortbildung und Betreuung ihrer ersten Projekte nach dem Studium bewerben. Im Mittelpunkt standen allerdings Versuche, Dokumentarfilme selbst zu vermarkten. Susanne Dzeik stellte docfilm42.de vor, das ein Kollektiv Berliner Filmemacher betreibt. Online bisher am erfolgreichsten als Plattform des unabhängigen Film ist realeyz.de, wie Andreas Wildfang deutlich machte. In Frankreich erfolgreich ist tenk.fr, das aus einem Festival hervorging und von Jérémie Jorrand vorgestellt wurde. Barbora Langmajerova erläuterte die tschechische Plattform DAFilms.com.
Ein ganz anderes Gewicht hat die Plattform progress.film. Gunnar Dedio von Looksfilm hat die Online-Verwertungsrechte aller Filme erworben, die der Progress Verleih in der DDR ins Kino gebracht hat. Das sind insgesamt 17.000 Filme, von denen die ersten 3.500 schon online sind. Mit Logo und Timecode gesichert, können sie nach einer Anmeldung kostenlos gesichtet werden. Dies ist ein ideales Recherchetool für jeden, der nach historischen Aufnahmen sucht. Selbst wenn es sich um die staatliche Filmproduktion handelt, lassen sich darin doch viele Details des Alltags finden.
Insgesamt hat DOK Leipzig seinen Ruf bestätigt, ein sehr politisches Festival und attraktiv für die Branche zu sein. Dies gilt sowohl für die gezeigten Filme, als auch für die Debatten und Diskussionen während des Festivals. So hat sich das Festival klar für eine Frauenquote ausgesprochen, was 2019 deutlich Früchte trug. Anders ist das bei der Festivalleitung: Vom Leipziger Stadtrat wurde Christoph Terhechte, der lange das Forum der Berlinale geleitet hatte, als Nachfolger von Leena Pasanen bestellt, die nach fünf Jahren ihren Vertrag nicht verlängert hat.
