Als erste ausländische Studentin promovierte „ray“-Autorin Isabel Wolte im Herbst 2009 – in chinesischer Sprache – an der renommierten Beijing Film Academy, die solche Regiegrößen wie Zhang Yimou, Chen Kaige, Jia Zhangke und Zhang Yuan hervorgebracht hat. Ein Abriss der wechselvollen Geschichte dieser bedeutenden Institution.
Heute steht die Zentrale der größten staatlichen Filmproduktionsfirma, der China Film Group Corporation, dort, wo vor beinahe 60 Jahren die ersten Filmschauspieler Unterricht erhielten: Nur ein Gebäude noch, der Schlafsaal, erinnert an das erste Institut – Vorläufer der Pekinger Filmakademie –, das in den Anfängen der Volksrepublik junge Menschen nach sowjetischem Muster zur Darstellung von Arbeitern, Bauern und Soldaten ausbilden sollte. In der Volksrepublik China gilt zweifellos: Film ist ein Abbild der Gesellschaft, und die Geschichte der Ausbildung für Filmschaffende ist ebenso komplex und ereignisreich wie die Geschichte dieses Landes, in ihr spiegeln sich die Ideale, Hoffnungen, politischen Kampagnen, die Zerstörung, der Aufbau und die Entwicklung vergangener Generationen bis in die Gegenwart wieder.
Yuan Muzhi, einer der begabtesten Schauspieler und Regisseure des chinesischen Films der Dreißiger Jahre (z.B. Straßenengel, 1937), träumte seit seinem Besuch an der Moskauer Filmhochschule im Jahr 1940 von einer eigenen Universität für Filmschaffende in China. Immer wieder gab es Versuche, Filmschulen einzurichten, die nach kurzer Zeit aufgrund der instabilen politischen Lage scheiterten. Eine der Schulen dieser Art wurde von den österreichischen Filmpionieren Luise und Jakob Fleck, die als jüdische Flüchtlinge nach Shanghai gekommen waren, im Herbst 1941 gegründet, um nur wenige Monate später wieder geschlossen zu werden.
Revolutionär, dann Künstler
Nach Ausrufung der Volksrepublik China im Oktober 1949 erkannte die neue Regierung schnell, dass für die nun angebrochene „neue Zeit“ die richtigen Schauspieler fehlten: Die mondänen Figuren aus der großen Ära des Shanghai-Studios passten nicht mehr. So wurde zunächst 1950 das Institut für Darstellende Kunst gegründet. Unterricht gaben vorwiegend Filmschaffende aus den vormals kommunistischen Rängen, von denen die meis-ten noch nie an einer Filmproduktion teilgenommen hatten. Politische Schulung sowie Film- und Schauspieltheorie sowjetischer Meister bildeten die Grundlage des Lehrplans. Die Devise des Instituts, das nach und nach um Drehbuch, Regie usw. erweitert wurde, lautete nach den Worten der ersten Leiterin Chen Bo’er – Frau von Yuan Muzhi und selbst Schauspielerin: „Allem voran muss man Revolutionär sein, dann erst Künstler“.
1956 erhielt die Filmakademie Universitätsstatus. Im selben Jahr rief der Parteivorsitzende Mao Zedong in der „Hundert-Blumen-Bewegung“ die Bevölkerung zu kritischer Stellungnahme über die Situation des Landes auf. Aufgrund der unerwartet tiefgehenden Kritik, die nun einsetzte, folgte eine umfassende „Anti-Rechts-Bewegung“ gegen jene, die sich zu Wort gemeldet hatten, darunter auch viele Filmschaffende. Zwei Studenten an der Filmakademie, die geäußert hatten, man könne nicht nur von der Moskauer, sondern auch von anderen Schulen lernen, wurden als „rechte Elemente“ ein Semester lang vom Unterricht ferngehalten.
Anfang der Sechziger Jahre hatte sich das Leben an der Akademie eingespielt. Aber die Freundschaft mit der UdSSR war erloschen. China hatte sich in die politische Isolation zurückgezogen. Die herrschende wirtschaftliche Not, verstärkt durch Naturkatastrophen, beeinflusste auch die praktischen Möglichkeiten der Studenten. Obwohl ein eigenes Experimentier-Filmstudio an der Akademie eingerichtet worden war, musste mit dem teuren Filmmaterial so sparsam umgegangen werden, dass man bestenfalls zur Übung kurze Stummfilme drehen konnte. Das Studium bestand in erster Linie aus ins Detail gehenden, über Wochen anhaltenden Analysen aller filmtechnischer und inhaltlicher Aspekte vorhandener Filme.
An der Filmakademie soll es damals ein Nest für „konterrevolutionäre Aktivitäten“ gegeben haben: Im Zuge einer weiteren politischen Kampagne, der „Vier Säuberungen“, wurden die Studenten aller Universitäten Pekings versammelt. Mit der Ankündigung, dass die klassenfeindlichen Elemente ausgefiltert werden müssten, wurden einzelne Studenten, auch der Filmakademie, innerhalb von Sekunden von Sicherheitskräften abgeführt: für ihre Studienkollegen ein unvergesslicher Schock. Im Juni 1966 begann die Kulturrevolution. Der Unterricht an der Filmakademie wurde ausgesetzt. Zu den unzähligen Opfern dieser Bewegung gehörte einer der beliebtesten Lehrer der Filmakademie, Tian Fang, Vater des bekannten Regisseurs Tian Zhuangzhuang, der sich nach jahrelangen Anschuldigungen und Demütigungen im Jahr 1974 das Leben nahm.
Neubeginn
Mit dem Jahr 1978 strömte wieder Leben in die Akademie: Junge, wissbegierige, vom Schicksal getriebene und doch begünstigte Studenten der so genannten Fünften Generation chinesischer Filmemacher füllten die Unterrichtsräume und Schlafsäle der Akademie. Ihre Lehrer waren jene, die über zehn Jahre lang aufgrund von Umschulungen keinerlei Chance bekommen hatten, Filme zu machen und nun endlich zu drehen begannen. Erst jetzt kamen die Früchte der früheren Ausbildung an der Akademie zum Tragen. Wiederum lernte man gemeinsan, zwei Generationen miteinander. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Weltanschauungen führten zu endlosen Diskussionen, gleichzeitig zu einem immer tiefer gehenden Verständnis für das Medium Film und dessen Möglichkeiten. In dieser Zeit der „Vier Modernisierungen“, der Öffnung und Offenheit, forderte man sich gegenseitig zu Höchstleistungen heraus. Alle jene, die in dieser kurzen Zeit erneuter geistiger Freiheit in Gesellschaft und Kunst experimentieren und kreativ sein konnten, beschreiben das als ihr größtes Glück.
Große Namen wie Zhang Yimou, Chen Kaige, Huang Jianxin etc. sind von ihrer Studienzeit Anfang der Achtziger Jahre an der Pekinger Filmakademie geprägt. Die folgende Generation von Absolventen, darunter Zhang Yuan, Lu Xuechang und Wang Xiaoshuai, wurde bereits von der nächsten Strömung erfasst. Ihr Studienabschluss fällt in das Jahr 1989, das den brutalen Bruch mit den Idealen der Demokratie und Offenheit kennzeichnet. Ab nun wichen geistige und politische Ziele dem Kommerz, dem Streben nach finanziellem Erfolg. Diese Tendenz ist heute endgültig zur treibenden Kraft des gesamten chinesischen Filmschaffens geworden.
Im Jahr 2008 studierten insgesamt 3478 Personen an der Filmakademie Peking, einschließlich Bachelor-, Master-Studenten und Doktoranden. Die Filmakademie gehört zu den begehrtesten Universitäten Chinas, die Chance, die Aufnahmeprüfung zu bestehen, ist allerdings gering. Generell wird für die Aufnahme, neben Spezialwissen zum Fachgebiet, besonderer Wert auf Konzept, Komposition eines Plots oder Bilds, Gefühl für Dramatik und strukturelle Zusammenhänge gelegt. Für Kamera und Ausstattung wird ein ausgeprägtes Kunstverständnis sowie Malen und Zeichnen auf hohem Niveau verlangt. Die Absolventen dieser Klassen verzeichnen immer wieder große Erfolge, auch als Regisseure. Ihr spezielles ästhetisches Empfinden trägt zweifellos zur international bewunderten Farb- und Bildsprache des chinesischen Films bei.
Obwohl mit der zunehmenden Kommerzialisierung in ganz China an verschiedenen Hochschulen Filminstitute mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten wie Filmtheorie, Filmgeschichte oder Filmproduktion entstanden sind, ist die Filmakademie Peking bis heute die einzige universitäre Einrichtung, die sich ausschließlich dem Filmschaffen in all seinen Aspekten widmet. Sie bleibt die Elite-Universität für das Filmschaffen Chinas und sieht sich als Bewahrer und Befürworter des Arthouse-Films. Zu ihren Absolventen zählen so unterschiedliche Künstler wie Jia Zhangke (u.a. Still Life, 2006) oder Ning Hao, jener Regisseur, der den ersten echten volkschinesischen Klamaukfilm mit großer Bravour in die Kinos brachte (Crazy Stone, 2006).
Das gegenwärtige Gesellschaftsbild Chinas, in seiner Vielfalt und Komplexität immer schwieriger zu erfassen, spiegelt sich in den Lehrenden, Studierenden und nicht zuletzt in den Werken der Filmakademie wider. Ältere Semester klagen über geringe Lebenserfahrung und mangelnde Allgemeinbildung der Studenten, die modernen technischen Entwicklungen erlauben aber früher ungeahnte Übungs- und Experimentiermöglichkeiten. Von Seiten der Akademie soll in Zukunft der Bereich Animation- und Trickfilm ausgebaut werden, allgemein gewinnen Dokumentarfilme immer mehr an Bedeutung. Wie die Filme der nächsten Generationen in China aussehen werden, ist nicht leicht vorherzusehen.
Ni Zhen, Memoirs from the Beijing Film Academy, Duke University Press, 2002.
„Nördlich des Huai werden Mandarinen zu Orangen – Weltliteratur im Chinesischen Film“
Das chinesische Sprichwort im Titel von Isabel Woltes Dissertation an der Beijing Film Academy umreißt das Thema: Wenn europäische, amerikanische und russische Literatur, seien es Romane, Theaterstücke oder Gedichte, nach China verpflanzt werden, erhalten sie neue Gestalt und Geschmack. Die Adaptionen von Weltliteratur in China sind allesamt „sinisiert“, als integraler Bestandteil des chinesischen Filmschaffens teilen sie dessen grundlegende Eigenschaften: Film, wie jede Form von Kunst, dient der moralischen Erziehung des Publikums. Individualität als philosophisches oder psychologisches Konzept tritt zum Wohle der Gemeinschaft zurück. Die Dissertation enthält die erste umfassende Liste der Verfilmungen nicht-chinesischer Literatur und eine detaillierte Untersuchung dieses Phänomens im Laufe der chinesischen Filmgeschichte. In der Analyse der Unterschiede zwischen Original und Film, insbesondere in Plot, Ideologie, Ethik, Charakterisierung der Hauptpersonen etc. kommen spezielle chinesische Merkmale zum Vorschein. Viele dieser Filme, sofern existent, sind von hoher Qualität und kaum wissenschaftlich aufgearbeitet worden.
