Breaking Bad

Innovative TV-Serien

Breaking Bad – Die denkbar schlimmste Midlife-Crisis

| Benjamin Moldenhauer |

Die kristallin aus dem Serienangebot herausleuchtende Social Comedy „Breaking Bad“ misst die Abgründe eines geordnet unglücklichen Lebens aus.

Henry David Thoreau hat es schon vor gut 150 Jahren gewusst: „The mass of men lead lives of quiet desperation.“ Und Walter H. White bekommt die volle Packung. Als hoch begabter Chemiker konsequent unter restlos allen seinen Möglichkeiten geblieben, fristet er ein Leben, das vor allem aus seiner Arbeit als Highschool-Lehrer und einem zermürbenden Zweitjob in einer Car Wash Site besteht, wo Walter die Autos seiner flegelhaften Schüler waschen darf. Die vergeigte Existenz wird zusammengehalten von der normativen Kraft des Faktischen. Als vorläufigen Höhepunkt bekommt er dann noch einen unheilbaren Lungenkrebs diagnostiziert. Genug, um zu rechtfertigen, was die IMDB ganz richtig „the world’s worst midlife crisis“ nennt. Die von Walter gezogenen Konsequenzen sind drastisch. Um seine Familie auch nach seinem Tod finanziell absichern zu können, steigt Walter in den Crystal-Meth-Handel ein.

Dass man diese in der Pilotfolge von „Breaking Bad“ ziemlich abrupt eingeführte Prämisse – braver Familienvater fängt an, im Heimlabor chemische Drogen zu fabrizieren – schluckt, ist vor allem dem Schauspieler Bryan Cranston zu verdanken. Cranston, seit der hochkomischen Comedy-Serie „Malcolm in the Middle“ für die Figur des überforderten All American Dads prädestiniert, spielt Walter White nach dem bewährten Dampfkochtopf-Prinzip: Hinter der still verzweifelten Oberfläche brodeln Wut, verletzter Stolz und das Wissen um das ungelebte Leben, erkennbar noch im flüchtigsten Mundwinkelzucken und am gesenkten Blick. Und jeder weitere Schritt raus aus dem, was man gemeinhin Normalität nennt, erscheint erstaunlich plausibel.

Secret Balance

Mehr und mehr verstrickt Walter sich in horrenden Arztrechnungen und in kaum noch zu überblickenden Lügengebäuden, mit denen er versucht, die Zweitkarriere vor der Familie geheim zu halten. Schon die Ästhetik der Serie lässt keinen Zweifel daran, dass das alles nicht gut ausgehen kann. Die Bilder sind aufgeraut, gleich in der zweiten Folge der ersten Staffel verschmiert das Blut des ersten Toten die Inneneinrichtung. Die Kamera wackelt für eine TV-Produktion recht ausgiebig und suggeriert tristen Realismus. Selten war Amerika im Fernsehen so dreckig anzusehen. „Breaking Bad“ balanciert auf der Schneide zwischen Sozialstudie und tiefschwarzer Komödie und treibt ins Extrem, was in weniger spektakulärer Form jeder kennt, der es darauf anlegt, ein geordnetes Leben zu führen. Zu jedem ordentlichen Dasein, und sei es noch so ereignisarm, gehört ein verschlossener Bereich, der dem Rest der Welt besser verborgen bleiben sollte, der aber notwendig ist, um die ganze Konstruktion im Gleichgewicht zu halten – all die kleinen Lügen, die realen Zahlen, die den gefälschten Bilanzen zugrunde liegen, die Liebe zu einem Menschen, der leider Gottes nicht die eigene Ehefrau/der eigene Ehemann ist. Oder eben ein rentables Crystal-Meth-Labor.

Damit reiht „Breaking Bad“ sich in den Schwung großartiger amerikanischer Fernsehserien der letzten Jahre wie „The Sopranos“, „Dexter“ oder „Mad Men“ ein, deren Protagonisten alles andere als ambivalenzfreie aber doch sympathische und vor allem in ihren Motivationen nachvollziehbare Figuren sind und die allesamt, jede auf ihre Art, eine Art Doppelleben führen. Was all diese vielen Stunden Fernsehen so zeitgemäß wirken lässt, ist, dass die Geschichte von der dunklen Parallelwelt der bürgerlichen Existenz nicht mehr als die tausendste Variation des psychologisierenden „Wiederkehr des Verdrängten“-Topos erzählt, sondern mit einer gleichsam soziologischen Präzision überhöht und durchexerziert wird. Es geht, vor allem, um Figurenkonstellationen und sozial verankerte Moralvorstellungen, nicht um seelische Dramen. Dem zeitgenössischen amerikanischen Serienfernsehen gelingt es in seinen besten Momenten, Empathie mit Drogenhändlern, Mafiabossen und Serienmördern zu evozieren. Das nominell Abwegige wird in eine erkenntnisträchtige Nähe gerückt. Erkenntnisträchtig nicht zuletzt, weil vermutlich jeder notorisch erwachsene Mensch wenigstens eine Handvoll mehr oder weniger dunkle Geheimnisse vor dem Rest der Welt zu verbergen hat.