Der Anfang vom Ende: Sieben Jahre nach ihrer Uraufführung ziehen die „Mad Men“ ein vorletztes Mal den Hut in Matt Weiners stilsicherem Sittenbild der Sixties.
Als wir Don Draper zum ersten Mal 1960 begegnen, ist er kurz davor „Lucky Strike“ an Land zu ziehen und macht noch einen Abstecher bei seiner Beatnik-Geliebten. Später wird er einer potenziellen Kundin bei einem Glas Martini kokett erklären, dass, was sie „Liebe“ nennt, Typen wie er erfunden hätten, um Nylonstrümpfe zu verkaufen. Am Ende der Episode kommt er nach Hause zu seiner bildschönen Ehefrau und seinen beiden Kindern. Wir sehen: Dieses Bild steht schon am Anfang schief.
Sieben Jahre später geht mit „The Beginning“ – so der Titel der ersten Hälfte des Finales – eine Ära zu Ende, die uns in die Büroetagen einer New Yorker Werbeagentur und die Privaträume der weißen Mittelschicht einlud. Mad Men war immer nett anzuschauen, aber die Stärke der AMC-Serie ist, dass sie die unglückliche Kehrseite dieser schillernden Periode freilegt. Denn im Gegensatz zu einer makellosen Kulisse ist der gut aussehende Hauptdarsteller ein abgründiger Held, der den Amerikanischen (Alp-)Traum verkörpert. „We’re flawed, because we want so much more. We’re ruined, because we get these things and wish for what we had“, sinniert Don (brillant verinnerlicht von Jon Hamm) in „The Summer Man“.
Die erste Folge des Halbfinales schließt fast unmittelbar an das Ende der sechsten Staffel an. Der Schöpfer der Serie, Matthew Weiner, zog seinem Helden, diesem unantastbaren Chauvinisten, diesem tragischen Glücksritter, diesem begnadeten Werbetexter, den Boden unter den Füßen weg. Die Männer von der Madison Avenue sind im Jahr 1969 angekommen. Seine Partner haben Don wegen eines fatalen Verkaufsgesprächs zwangsbeurlaubt, seine Frau Megan (Jessica Paré) ist an die Westküste gezogen. Während draußen vor der Tür eine Revolution im Gange ist und im fernen Asien ein Krieg stattfindet, klammern sich die Mad Men in einer Wolke von Zigarettenqualm an antiquierte Werte und Whiskeygläser. Für eine Afroamerikanerin ist es immer noch nicht angebracht am Empfang zu sitzen, Homosexuelle führen schizophrene Doppelleben, Joan (Christina Hendricks) und Peggy (Elisabeth Moss) sehen sich nach wie vor mit sexistischen Kollegen konfrontiert. Die Jugend kümmert der Mond redlich wenig. Rogers Tochter tritt einer Kommune bei und Dons „Nichte“ hat sich von einem Taugenichts schwängern lassen. Es ist der Generationskonflikt, ein Leitthema der Serie, der auch in der letzten Season eine gewaltige Rolle spielen wird.
Zeichen der Zeit
„Nostalgia literally means the pain from an old wound. It’s a twinge in your heart far more powerful than memory alone.“ Ein Stechen im Herzen sei viel mächtiger als die Erinnerung allein, erzählt Don den Männern von Kodak in „The Wheel“. Mad Men versteht es meisterhaft, aus der Vergangenheit dramatisches Kapital zu schlagen und beispiellos die Geschichten seiner Figuren mit historischen Begebenheiten zu verstricken: ob das nun der im Hintergrund wabernde Vietnamkrieg, die Kubakrise, das Attentat auf Kennedy, die Bürgerrechtsbewegung oder der erste Mann am Mond ist. Es sind Zeichen, die bis in die Gegenwart reichen, wenn ein Student 1966 an der Universität von Texas Amok läuft.
Es fällt schwer, die Kritik an einer „deplatzierten Nostalgie“ nachzuvollziehen, weil Weiner die Sechziger in ein alles andere als verherrlichendes Licht taucht. Die Sekretärinnen heulen im Pausenraum, weil sie den Status einer Mutter oder Prostituierten pflegen. Die Hausfrau wartet mit der Zigarette und einem Glas Rotwein vergeblich auf den Mann. Don Draper ist der Inbegriff dieser Dualität, weil seine Persona auf einer geborgten Identität aufbaut. Hinter verschlossenen Bürotüren wird gesoffen und gevögelt – nicht mit der Ehefrau, versteht sich.
Produktionsdesign, Kostüme, Kameraführung und Musikauswahl machen dieses Period piece zu einer der prächtigsten Serien des vergangenen Jahrzehnts. Jeder Hut, jeder Schnurrbart, jeder Bleistiftrock und jeder Spitztüten-BH sitzt. Jeder Eames-Stuhl steht auf seinem Platz. Die Zigarette fehlt weder im Bett, im Flugzeug, in der Toilette, noch im Arztuntersuchungszimmer. „Tomorrow Never Knows“ von den Beatles bricht Don legendär müde mittendrin ab und geht ins Bett. Zur aufkeimenden Jugendkultur findet er keinen Zugang.
Matthew Weiner wollte die Sechziger ganz bewusst weder aus Sicht der Avantgarde noch aus den Augen der Babyboomer erzählen, sondern aus der Perspektive ihrer Eltern. Hinter jeder Tagline steckt immer auch eine Geschichte, die von gesellschaftlichen Umbrüchen und privaten Konflikten erzählt. Gegen Ende des Halbfinales suchen Don und Peggy nach einer Strategie für eine Werbekampagne, die eine Fast-Food-Kette in ein familienfreundliches Licht tauchen und Werte propagieren soll, welche die Charaktere selbst nicht mehr verkörpern.
When God closes a door he opens a dress
Die Mad Men sind alt genug, um sich an die Wirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg und den Koreakrieg zu erinnern. Don, Roger (herrlich politisch unkorrekt: John Slattery), Pete (liebenswert wegen katastrophaler Selbstüberschätzung: Vincent Kartheiser) und ihre Kollegen genießen ihre Position und die Lässigkeit, mit der sie diese missbrauchen können, doch werden sie von einer Zeit überrollt, in der Werte wie Individualismus und Gleichberechtigung zählen. Frauen lassen sich scheiden, die Sekretärin ist eine Schwarze und die Geliebte will „mehr“ vom Leben. Mad Men ist besonders reizvoll, wenn es sich der Beziehung zwischen den Geschlechtern widmet. „What do women want?“, will Don von Roger wissen – „Who cares?“ Man achte auf Dons schmale Augen, wenn ihn eine Frau in seine Schranken verweist. Man beachte, wie das Funkeln in seinen Augen verblasst, wenn Gattin Megan von einer eigenen Karriere träumt.
„Ich sah auf diese Männer, die überbezahlt waren und zu viel tranken und zu viel rauchten, die aalglatt und zynisch waren und die zu spät kamen und keinen Respekt vor Autorität hatten, und ich dachte, das sind meine Helden“, so die Fantasie von Weiner. Die Ungeheuerlichkeit dieser „Helden“ war untrennbar verbunden mit ihrer Ausstrahlung. Die Helden, so stellt sich heraus, sind mitunter aber die Frauen, die ihnen dienen und ihr Verhalten dulden. An ihrem ersten Tag bei Sterling Cooper rät Joan Peggy nach Hause zu gehen, sich eine Tüte über den Kopf zu ziehen und nackt vor dem Spiegel zu evaluieren, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Sie kann sich im Lauf der Zeit zur Kreativtexterin hocharbeiten, doch der Preis dafür ist ein unerfülltes Liebesleben. Am Ende der fünften Season wird sie von dem Mann, von dem sie glaubt, dass er seine Familie für sie aufgeben wird, verlassen. „Aren’t you lucky to have choices“, variiert sie die Worte, die Betty (January Jones) in der zweiten Season gegenüber Don benutzte: „Must be nice, needing time and just taking it.“ Dass Joan zur Partnerin aufsteigt, geschieht nur im Gegenzug dafür, dass sie mit einem Kunden ins Bett steigt. Und doch: Die Show über „wahnsinnige“ Männer war immer auch eine Show über zurechnungsfähige Frauen, die in entscheidenden Momenten das Ruder übernehmen. Nächstes Jahr wird man sehen, ob der fallende Mann im Vorspann Prophezeiung oder Bluff ist. Es mag eine Männerwelt sein, aber um es mit den Worten von James Brown zu sagen, „it would be nothing without a woman or a girl.“
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