Viennale 2011

Von Eseln und Filmen

| Benjamin Moldenhauer |

Was blieb von vergangenen Viennalen im Gedächtnis? Eine kurze Rückschau auf persönliche Höhepunkte.

An der Viennale, hat Dietrich Kuhlbrodt einmal geschrieben, gäbe es nichts zu kritisieren. Da hat er Recht. Was wiederum den Filmjournalisten, der sich daran macht, die 49. Ausgabe des „menschlichsten und engagiertesten Filmfestivals der Welt“ (Kuhlbrodt) anzukündigen, tendenziell in Verlegenheit bringt, man möchte ja auch nicht als Werbetexter agieren. Andererseits, wenn schon einmal etwas rundum gelingt, es kommt ja auch nicht allzu häufig vor, und das über Jahre – wenn also schon einmal etwas rundum gelingt, wird man der Sache vielleicht am ehesten gerecht, wenn man eine herzhafte Eloge verfasst, hier in Form von vier willkürlich ausgesuchten Lieblingserinnerungen.

Greg Mottolas Adventureland war 2009 eine kleine Überraschung, einer der schönsten und lustigsten Coming-of-Age-Filme der letzten Jahre, gezeigt in der restlos vollen Urania. Parallel lief Thomas Heises knapp dreistündiger Dokumentarfilm Material, und weil auch die nicht unbedingt massentauglichen Filme in Wien netterweise zweimal zu sehen sind, muss man als umfassend interessierter Mensch auch nichts verpassen. Der Film schichtet das vom Titel versprochene Material aufeinander – Aufnahmen aus den Proben des Berliner Ensembles, die Räumung eines besetzten Hauses, ein Angriff von Autonomen auf die Premiere von Heises Film Stau, es gibt kein Ende, das zwingend wäre. „Man kann sich die Geschichte länglich denken“, sagt der Regisseur, „sie ist aber ein Haufen.“ Greg Mottolas Geschichtsfilm hingegen denkt sich das Ganze eher als Linie. In Adventureland ist es das amerikanische Suburbia der Achtziger, das buchstäblich heraufbeschworen wird. Das hier nur als kleiner Beleg dafür, dass in den zwei Viennale-Wochen Crowdpleaser und genuin spröde Filme friedvoll beieinander stehen.

Auf der Leinwand ist zu sehen, wie Krampusse durch ein österreichisches Dorf randalieren. Wo die Schreckgestalten eingelassen werden, droht die Situation zusehends ins Übergriffig-Gewalttätige zu kippen. Man sieht in Cameron Jamies 2004 auf der Viennale gezeigter ethnographischer Kurzdoku Kranky Klaus, wie grauslig kostümierte Menschen auf Menschen, die offensichtlich nicht als Schauspieler agieren, losgehen. Zur Projektion im Gartenbau-Kino fabrizierten die Melvins virtuos-eskalativen Live-Lärm. Neben dem euphorischen Konzert der Kölner Band Von Spar im selben Jahr unter dem Dach der Urania war das einer der Abende, an dem die schöne Illusion, Musik könnte eine wie auch immer geartete Gefahr darstellen, unmittelbar plausibel wurde; für kurze Zeit nur, aber immerhin.

Abel Ferrara ließ im Vorfeld zu Werner Herzogs Bad Lieutenant-Remake verlautbaren, wenn er ihn, Herzog, in die Finger kriegte, er würde ihn wohl erwürgen. Herzog war es vermutlich wurscht, wer Klaus Kinski überstanden hat, den bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Die Viennale jedenfalls goss noch Öl ins Feuer und platzierte beide Filme – Ferraras Bad Lieutenant von 1992, dann den von 2009 – hintereinander im Programm. Als die Türen sich um drei Uhr morgens öffneten, hatte man zwei sehr verschiedene Ausprägungen filmisch vermittelten Wahnsinns im direkten Vergleich bestaunen dürfen, einmal die katholisch fundierte und einmal die, die so nur Werner Herzog hinbekommt. Die, die noch da waren, hatten ihren Spaß mit Nicholas Cages ostentativ irrwitziger Performance und Herzogs Idee, an zentralen Stellen seines Opus diverse Echsen ausgiebig im extremen Close-Up zu zeigen. Überhaupt sollte man die Filme des Meisters nicht mehr als die Werke eines bedeutungsvoll raunenden Mystikers, sondern als die eines großen Komikers verstehen.

Tilda Swinton, 2009 als Gast des Festivals in Wien, hatte sich eine Projektion von Robert Bressons Au hasard Balthazar als Teil der ihr gewidmeten Programmschiene gewünscht. Das Leben und Sterben eines Esels, in dessen Leiden sich kristallisiert, was Menschen einander antun. Der Film lief um 13 Uhr im Gartenbaukino, nicht die beste Voraussetzung, um sich von den Bildern berühren zu lassen. Dass ein Film, dessen Premiere fast ein halbes Jahrhundert zurückliegt, zum einprägsamsten Kinomoment seit langem wurde, kam überraschend. In den Nachmittag ist der größte Teil des eher spärlichen Publikums dann augenscheinlich mitgenommen hineingestolpert, Balthazar hatte offensichtlich auch Hartgesottene weich geklopft. Swinton brachte es auf den Punkt: „Die Würde dieser Kreatur, die keine Vorstellung davon hat, was es heißt, gesehen und gefilmt zu werden, ist zutiefst bewegend. Es ist eine Würde, die darzustellen ein menschlicher Künstler nur anstreben kann.“

Womit dann zumindest anekdotisch umschrieben wäre, was die Viennale ausmacht: ein Festival, dem es wie nebenbei gelingt, Crowd Pleaser, dreistündige Dokumentationen, Nischen- und Randphänomene, zu Unrecht Vergessenes und mitunter überraschende Konzerte in ein Programm zu hieven. In Wien kann man sich jedes Jahr daran erinnern lassen, was das Kino kann, wenn man es lässt.