Die Einsamkeit der Primzahlen

Die Einsamkeit der Primzahlen

| Alexandra Seitz |

Nicht mit dir, aber auch nicht ohne dich. Eine Liebesgeschichte jenseits von Klischees und Erwartungen.

Der achtjährige Mattia ist mit der ihm von der Mutter aufgehalsten Verantwortung für seine autistische Zwillingsschwester überfordert. Die kleine Alice kann sich gegen die überzogenen Ansprüche ihres dauergereizten Vaters nicht zur Wehr setzen. Unter dem Erwartungsdruck der Erwachsenen, die nicht zuhören, mit sich selbst beschäftigt sind und keinen Widerspruch dulden, splittern die Kinder schließlich wie dünne Hölzer. Und so gehen sie dann durchs Leben: Mattia schleicht, niedergedrückt von der Last einer immensen Schuld; Alice humpelt, den Schikanen ihrer Mitschülerinnen preisgegeben. Mattia und Alice – zwei verwandte Seelen. Ein Traumpaar, das in der Hölle ausgedacht wurde.

La solitudine dei numeri primi, nach dem gleichnamigen Bestseller von Paolo Giordano, erzählt die Geschichte dieses Paares als sich über viele Jahre hinziehende Passion. Während er die konkreten Schicksale von Mattia und Alice als narratives Gewebe aus Ereignissen auf drei Zeitebenen – Kindheit, Heranwachsen, Erwachsensein – gestaltet, geht Costanzo zugleich der Frage nach, auf welche Weise die Wunden, die Kindern aus Unachtsamkeit geschlagen werden, fortan deren weitere Existenz bestimmen. Und ob aus der geteilten Erfahrung von Schmerz tatsächlich Verbundenheit, Freundschaft oder gar Liebe entstehen kann. Nach Private (2004), der die ideellen Implikationen des israelisch-palästinensischen Konflikts in einem Haus im Niemandsland verhandelte, und In memoria di me (2007), der komplexe Überlegungen zu Moral und Versagen am Beispiel eines Klosternovizen anstellte, ist La solitudine dei numeri primi Costanzos dritter Film. Wie die vorangegangenen zeichnet auch diesen ein hohes Kunstwollen aus, ein nicht nur ästhetischer Anspruch, dessen Kompromisslosigkeit kaum auf rückhaltlose Gegenliebe treffen wird. Costanzo fordert sein Publikum, er setzt ihm zu, indem er es dem Leiden der Figuren aussetzt und dabei keine Möglichkeit zur Distanzierung bietet. Sein insistierender Blick gilt den äußeren Anzeichen innerer Qual, die Fabio Cianchettis kunstvoll geführte Kamera mit seismografischer Genauigkeit aufzeichnet. Es entsteht ein klaustrophobisch enger Unglücks-Raum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Schon gar nicht in die Musik, deren immer wieder lautstark alles andere ausbremsender Einsatz weniger als Ableiter für diffuse Zuschauer-Gefühligkeit fungiert, als er vielmehr die Verfassung der Figuren zeichenhaft verstärkt. Es mag anstrengend sein, sich dem auszusetzen, aber es lohnt.