Nader und Simin

Nadar und Simin

Geschlossene Türen

| Christina Tilmann |

Asghar Farhadis Familiendrama „Nader und Simin – Eine Trennung“ war der große Berlinale-Gewinner 2011 – und liefert ein schonungslos deprimierendes Bild vom Leben im heutigen Teheran.

So ganz wird man den Grundriss dieser Wohnung nie durchschauen. Weite Durchgänge, offene Räume, Terrassentüren, viel Glas, und doch bleibt der Eindruck des Verwinkelten, Lichtlosen, ein klaustrophobisches Gefühl von Enge, Ausweglosigkeit. Immer wieder schließen sich Türen, hämmern die Menschen verzweifelt dagegen. Selbst die Wohnungstür, auch sie eigentlich eine Offenheit verheißende Glastür, muss immer abgeschlossen bleiben, um dem dementen Vater den Weg auf die Straße zu verwehren. Und immer wieder entkommt er doch, will sich am Kiosk Zeitungen holen, als suche er den Kontakt zur Welt, und weiß schon nach ein paar Schritten nicht weiter.

Der zweite Hauptort in Nader und Simin – Eine Trennung ist das Gerichtsgebäude, in dem sich die Kontrahenten immer wiederfinden. Endlos lange Gänge, verdreckt und völlig überfüllt. Verhaftete sitzen hier, mit Handschellen an Polizisten gefesselt, Kinder spielen, Menschen warten stundenlang, resigniert, schweigend, dumpf brütend. Die Verhandlungszimmer sind klein, eng, man sitzt viel zu nah aufeinander, und immer wieder kommt es zur Eskalation, bis hin zum handgreiflichen Streit. Laut ist es hier, heiß und überfüllt, und immer wieder werden Menschen weggeschickt oder gegen ihren Willen festgehalten. Ein kafkaeskes Gefängnis, dessen Regeln man nicht kennt.

Dass Asghar Farhadis auf der Berlinale zu Recht umjubelter Film hauptsächlich in Innenräumen spielt, in klaustrophobisch engen Innenräumen – fast scheint es unvermeidlich, diese Tatsache auf die Situation in dem Land zu beziehen, aus dem er kommt. Und dabei möchte Nader und Simin explizit kein Film sein, der dem Ausland den Iran erklärt, sondern ein Film für den Iran, über den Iran. Wäre sein Film verboten und nur im Ausland gezeigt worden, dann wäre er für ihn umsonst gewesen, hat der in Teheran lebende Regisseur in einem Interview gesagt. Stattdessen lief Nader und Simin nach dem Berlinale-Preisregen wochenlang im Iran und wurde mit 1,2 Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre. Gerade weil er vordergründig keine politische Botschaft verkündet, spricht er den Menschen offenbar aus dem Herzen.

Warum verbieten, was offenkundig ist?

Auf den ersten Blick ist es eine alltägliche Geschichte. Ein Paar sitzt beim Scheidungsrichter und streitet um das Sorgerecht für die Tochter. Simin (Leila Hatami) will die 11-Jährige mit nach Europa nehmen, damit sie nicht im Iran aufwachsen muss. Nader (Peyman Moadi) will den alten Vater, dement und pflegebedürftig, nicht allein zurücklassen. „Glauben Sie, dass ein Kind, das in diesem Land lebt, keine Zukunft hat?“ fragt der Scheidungsrichter. Und schon ist er wieder da: der Gesellschafts-Konflikt, der wie ein Überdruck im Kessel wirkt, Unfreiheit, Unzufriedenheit, Angst. Die Mutter möchte für ihre Tochter eine Zukunft. Der Sohn kann den Vater, die Vergangenheit, nicht lassen. Und der Schauplatz, auf dem dieser Konflikt ausgetragen wird, ist der traditionellste überhaupt: die Familie.

Mehr noch als die anderen iranischen Regisseure, die in den vergangenen Jahren bei den internationalen Festivals gefeiert wurden – etwa Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi – ist der stillere, bescheidene Asghar Farhadi ein Spezialist für Familiendramen. Im Mikrokosmos zwischen Ehefrau und Ehemann, in der Enge der ehelichen Wohnung, werden bei ihm die zentralen Fragen nach Wahrheit und Lüge, Vertrauen und Verrat, Unterdrückung und Freiheit verhandelt, die sich zwangsläufig immer auch als Metapher lesen lassen, ob der Regisseur es will oder nicht. Dass die Zensur, buchstabengetreu wie sie ist, bei so viel aufgeladener Mehrdeutigkeit bislang nicht eingeschritten ist, grenzt an ein Wunder.

Doch warum verbieten, was offenkundig ist? Und warum aussprechen, was ohnehin jeder weiß? Immer mitgespiegelt bei Farhadi ist der die iranische Gesellschaft spaltende Konflikt zwischen westlich orientiertem, städtischem Bürgertum und traditionell religiös eingestellter Unterschicht. Schon in Fireworks Wednesday (2006) war es eine junge Frau aus der Unterschicht, die als Putzfrau unfreiwillig in ein Betrugs- und Ehedrama eines Oberschichtenpaares gerät und deren unbestechlich urteilsfreier Blick das Geflecht von Lüge und Verstricktheit offen legt. Und in Alles über Elly (2009), der auf der Berlinale den Silbernen Bären für die Beste Regie gewann, war es eine junge Lehrerin, deren plötzliches Verschwinden inmitten einer Gruppe westlich orientierter Mittdreißiger zum Katalysator für einen existenziellen Konflikt über Freiheit und Unterdrückung zwischen Mann und Frau wird.

Ein Kind als Richter

In Nader und Simin ist es Razieh (großartig in ihrer ersten Rolle: Sareh Bayat), die das ganze Drama auslöst. Um ihren arbeitslosen Mann zu unterstützen, sagt die streng religiöse junge Frau zu, Naders dementen Vater zu pflegen und zu betreuen, obwohl sie im vierten Monat schwanger ist und morgens mit ihrer kleinen Tochter Somayeh drei Stunden durch Teheran fahren muss. Es ist ein Job, der sie bald überfordert: So muss sie sich bei ihrem Imam Rat holen, ob sie den verwirrten alten Mann waschen und ankleiden darf. Und auch die Aufgabe, den Vater nicht aus der Wohnung zu lassen, erweist sich schnell als undurchführbar. Nach einem Streit mit Nader stürzt sie auf der Treppe und verliert ihr Kind. Ein dramatischer Prozess um Wahrheit und Lüge beginnt. Und es ist die große Qualität des Films, dass er in allen Wendungen und Entwicklungen nie Stellung bezieht zwischen seinen Protagonisten, die alle um ihre subjektive Wahrheit kämpfen und objektiv im Unrecht sind.

Es ist vor allem das kluge, differenzierte Drehbuch, das Farhadis Film seine unerbittliche Kraft und die Wucht einer griechischen Tragödie verleiht. Immer wieder treffen sich die Parteien vor Gericht. Immer wieder neu wird verhandelt: Wer wusste was? Was geschah wann? Alle sind sie Getriebene: der arbeitslose Ehemann von Razieh, Hodjat (Shahab Hosseini), voller Verzweiflung und Wut angesichts einer privilegierten Schicht, die er im Einklang mit Regierung und Gericht wähnt. Und Nader ist beherrscht von seinem sturen Willen, gehört und verstanden zu werden – vom Richter, von seiner Frau, vor allem aber von seiner Tochter, um deren Zuneigung er kämpft. Am Ende ist es die 11-jährige Termeh, der die Rolle der Richterin zukommt: nicht nur über ihr eigenes Leben, sondern auch über Recht und Gerechtigkeit. Eine grandiose Überforderung, die Sarina Farhadi, Tochter des Regisseurs, in ihrer ersten Rolle die ganze Qual ins Gesicht schreibt. Ihr hochaufgeschossener Körper, ihr hinter ihrer Brille scharf beobachtender Blick lassen die Schwere ihrer Aufgabe spüren. Und wieder, wie so oft im iranischen Kino, sind die Kinder die wahren Helden.

Und doch hat sich der Schwerpunkt in den letzten Jahren verschoben. Lange Zeit galt, abgesehen von dem Ausnahmefall Abbas Kiarostami, das iranische Kino mit Regisseuren wie Majid Majidi oder Bahman Ghobadi vor allem als Domäne des Kinderfilms – eine Ecke, in der es völlig Unrecht gelandet war. Als ob man die existenziellen Nöte, die in Filmen wie Kinder des Himmels, Zeit der trunkenen Pferde, Schildkröten können fliegen oder zuletzt, ebenfalls in diesem Jahr auf der Berlinale, Bad o meh (Wind und Nebel) verhandelt wurden, gerade einem kindlichen Publikum zumuten könne. Als ob Kinderfilme per se politisch unbedenklich und für die Zensur weniger angreifbar wären. Und als ob man in diesen mutigen kleinen Kerlen, die um ein Paar Turnschuhe oder eine verletzte Gans kämpften und damit Werte wie Solidarität, Fürsorge, Familiensinn inmitten einer auseinander brechenden Gesellschaft hochhielten, nicht Vorläufer einer Generation hätte erkennen können, die 2009 als Studenten ihr Recht auf Stimme und Meinung auf der Straße einfordern würden. Die heftigen Proteste und Demonstrationen rund um die iranischen Wahlen haben dann aus nahe liegenden Gründen vor allem Exilregisseure wie Hana Makhmalbaf mit Green Days, Marjane Satrapi, Rafi Pitts und Ali Samadi Ahadi mit The Green Wave thematisiert. Für die Regisseure im Land, allen voran Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof, gilt derweil Rede- und Berufsverbot. Gerade ist Panahis Urteil vom iranischen
Berufungsgericht bestätigt worden: Es bleibt bei sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufs- und Reiseverbot. Am 18. September wurden zudem weitere Regisseure und Schauspieler in Teheran verhaftet. Der Vorwurf: Kooperation mit der BBC.

Junge Frauen als Motor der Veränderung

Auch Asghar Farhadis Familientragödie bekommt vor diesem Hintergrund noch einmal neues Gewicht. Hat man in Cannes im Mai 2011 This Is Not a film, Jafar Panahis aus dem Land geschmuggelte Selbstdokumentation eines am Arbeiten gehinderten Regisseurs gesehen, und darin die Szene, die den Filmemacher in seiner großen, hellen Wohnung in Teheran zeigt, bürgerlich luxuriös, aber dennoch als Gefangenen, abgeschnitten von der Welt, wirkt auch die Wohnung von Nader und Simin mit ihren immer geschlossenen Glastüren noch einmal gefängnisähnlicher.

Auffällig aber auch, dass es bei Farhadi – wie auch in Panahis Filmen Der Kreis oder Offside oder Kiarostamis Ten – vor allem junge Frauen sind, die etwas an den Verhältnissen ändern wollen. Die Männer sind die Verlierer, sind arbeitslos, gewalttätig, verlassen, nicht mehr in der Lage, die Familie oder den alternden Vater zu versorgen – in einer der beeindruckendsten und dramatischsten Szenen in Nader und Simin wäscht der Sohn seinen erstarrten Vater, ein Bild der Hilflosigkeit und Überforderung. Und es sind die jungen Frauen, die arbeiten, kämpfen, Ausreiseanträge stellen und Blutgeldzahlungen vereinbaren, die sich in Fußballstadien schleichen oder leidenschaftlich ihr Recht auf freie Bewegung verteidigen. Auch in den Demonstrationen von 2009 waren Frauen ganz vorn dabei, und haben, wie die Studentin Neda Agha-Soltan, mit ihrem Leben bezahlt. Dass in einer Gesellschaft, in der Frauen unterdrückt werden, auch die Männer nicht in Frieden leben können, ist eine Grundüberzeugung, die Asghar Farhadi immer wieder in Interviews betont. Nader und Simin ist der Film, der das belegt.