Steven Spielberg

Dossier Steven Spielberg

Hollywoods Retter

| Jörg Schiffauer |

Er zählt seit vier Jahrzehnten zu den produktivsten und einflussreichsten Regisseuren des US-Kinos. Steven Spielberg hat wie kein Zweiter zur Renaissance, die Hollywood in diesem Zeitraum erlebte, beigetragen.

Es kann als Charakteristikum großer Persönlichkeiten gelten, wenn sich abseits aller gesicherten biografischen Daten auch so etwas wie Legendenbildung zu entwickeln beginnt. Etwa in der Form, dass ein junger Filmemacher von knapp zwanzig Jahren sich seinen Platz in Hollywood dadurch verschaffte, dass er sich mit Anzug und Aktenmappe unter die anderen Studioangestellten mischte und so die Sicherheitschecks am Eingang von Universal Pictures überwand. So auf das Studiogelände gelangt, okkupierte der angehende Regisseur einfach ein leer stehendes Büro, schmuggelte seinen Namen ins hausinterne Telefonsystem und hing auf Filmsets und in Schneideräumen herum, um Erfahrungen zu sammeln. Wie Tony Crawley in der 1983 veröffentlichten Biografie schreibt, erzählt Steven Spielberg – und um niemand Geringeren geht es dabei – diese Geschichte über die vermeintlichen Anfänge seiner Karriere selbst immer wieder gerne.

Den Wahrheitsgehalt dieser kleinen Anekdote mag man zu Recht ein wenig anzweifeln, daran, dass Steven Spielberg eine der bedeutendsten Figuren des Weltkinos ist, werden kaum noch Zweifel auftauchen: Niemand hat Hollywood und seine ökonomische Dominanz seit den siebziger Jahren dermaßen nachhaltig beeinflusst wie Spielberg.

Wie eine ganze Generation von jungen, ambitionierten Filmemachern in den Sechzigern war auch Spielberg schon sehr früh das, was man als ausgesprochenen Filmmaniac bezeichnen würde, begann er doch bereits im Alter von dreizehn Jahren 8mm Kurzfilme zu drehen. Kurioserweise – und diese Episode ist verbürgt – wurde Spielberg abgelehnt, als er sich an der prestigeträchtigen Filmschule der University of Southern California bewarb. Eine Ablehnung, die letztendlich dazu führte, dass Steven Spielberg schneller als viele Protagonisten New Hollywoods Fuß im Filmbusiness fassen konnte. Der auf 35mm gedrehte Kurzfilm Amblin’ beeindruckte die Verantwortlichen von Universal dermaßen, dass der 22-jährige Spielberg mit einem Vertrag für die Fernsehproduktionsabteilung ausgestattet wurde. Spielberg inszenierte zunächst Episoden bekannter Fernsehformate wie Night Gallery, The Name of the Game und Columbo (die Folge Murder by the Book), ehe er mit dem Fernsehfilm Duel (1971) deutlich auf sich aufmerksam machen konnte. Der simple Plot um einen Handelsreisenden, der bei seiner Fahrt über die Landstraßen Kaliforniens plötzlich ohne ersichtlichen Grund von einem riesigen Truck gejagt wird, wird von Spielberg zu einem Thriller von unglaublicher Intensität verdichtet. Die positive Rezeption der Fernsehausstrahlung verhalf Duel schließlich
sogar zu einem Kinostart in Europa, und Spielberg zählte von da an zu einem der gefragtesten Talente New Hollywoods.

Diesem Ruf wurde er zunächst mit dem Roadmovie Sugarland Express (1974) gerecht, ehe ihm mit Jaws 1975 der Durchbruch zum neuen Regiesuperstar Hollywoods gelang. Die moderne Moby-Dick-Paraphrase um einen Hai, der die Bewohner einer kleinen Insel vor New England in Angst und Schrecken versetzt, war aber nicht nur perfektes Spannungskino, das ähnliche Genrearbeiten dramaturgisch und tricktechnisch weit hinter sich ließ – Jaws eroberte sich seinen Platz in der Filmgeschichte auch deshalb, weil der Film die Ära der Blockbuster mit einem Knall einleitete. Als eine der ersten Produktionen überhaupt wurde Jaws von Universal Pictures als so genannter „wide release“ gestartet. Entgegen der damals gängigen Verleihpraxis lief Spielbergs Film mit mehreren hundert Kopien gleichzeitig landesweit an. Der Erfolg war durchschlagend – Jaws war der erste Film, der allein in den Vereinigten Staaten mehr als 100 Millionen Dollar einspielte, weltweit waren es insgesamt mehr als 470 Millionen Dolllar, bei Produktionskosten von knapp acht Millionen Dollar. Der Start mit einer möglichst großen Zahl an Kopien sollte fortan zur fixen Distributionspraxis der Hollywood-Majors gehören, um potenzielle Blockbuster erfolgreich zu vermarkten. Und spätestens mit George Lucas’ Star Wars bekamen derartige Filmstarts auch Eventcharakter und wurden von Fans entsprechend zelebriert. Diese Blockbuster-Kultur war der Grundstein, mit dem Hollywood nach Jahren des stetigen Niedergangs ein glanzvolles Comeback feierte und seine ökonomisch dominierende Position auf dem globalen Markt bis heute festigen sollte. Steven Spielberg und George Lucas galten als jene kreativen „whiz kids“, die hauptverantwortlich für diesen Wiederaufschwung waren, die jungen Wilden aus der Generation New Hollywood waren endgültig im Zentrum der Filmindustrie angelangt.

Spielberg selbst blieb von dem Hype weitgehend unbeeindruckt. Im Gegensatz zu seinem Kollegen George Lucas (mit dem er in den nächsten Jahren immer wieder eng zusammenarbeiten sollte), der sich primär auf die Optimierung des Star Wars Erfolgs konzentrierte, wollte er nicht nur auf Bewährtes setzen. So lehnte Spielberg die Regie des Jaws-Sequels ab und inszenierte mit Close Encounters of the Third Kind (1977) einen Film, der sich dem Thema Science Fiction aus einer ungewöhnlichen, ziemlich bodenständigen Perspektive annäherte. Thematisch vollzog Spielberg mit 1941 (1979) – einer turbulenten Komödie, die die Hysterie um eine japanische Invasion an der Westküste der USA im Zweiten Weltkrieg satirisch aufs Korn nimmt – wiederum einen Richtungswechsel. Zwar wurde der Film kein kommerzieller Erfolg, doch über die Jahre hinweg erarbeitete sich 1941 eine ziemlich beachtliche Reputation. Die nächsten beiden Regiearbeiten sollten jedoch endgültig Steven Spielbergs Ruf als Erfolgsregisseur in bis dahin ungeahnte Höhen schrauben. Raiders of the Lost Ark (1981) und E.T.: The Extra-Terrestrial (1982) definierten den Begriff Blockbuster aufgrund ihres enormen finanziellen Erfolges gleichsam neu.

Raiders of the Lost Ark und E.T. markieren jedoch auch geradezu exemplarisch die besonderen Qualitäten von Spielbergs Œuvre. Mit Raiders of the Lost Ark revitalisierte er – ganz im Sinn New Hollywoods – ein traditionelles Genre auf kongeniale Art und Weise, mit E.T. verband er Fantasy und Science Fiction mit einer in diesen Genres nicht oft anzutreffenden humanistischen Note. Spielbergs Inszenierungen sind jedoch, was Dramaturgie, Liebe zum Detail und Spannungsbögen angeht, nicht nur narratives Kino von allerhöchster Klasse, sondern sie gehen wegen dieser präzisen Komposition über Genrearbeiten hinaus – einer der entscheidenden Gründe, warum seine Filme Publikumsschichten ansprechen, die weit über die üblichen Fankreise hinausreichen. Blockbuster mit phänomenalen Einspielergebnissen – von den Sequels zu Raiders of the Lost Ark über Jurassic Park (1993) bis zu War of the Worlds (2005) – blieben bis heute ein Markenzeichen seiner Karriere und Steven Spielberg einer der Erfolgsgaranten Hollywoods. Doch bereits Anfang der achtziger Jahre hatte sich Spielberg nicht mehr nur auf traditionelle Genres beschränkt, sondern sich auch dem zugewandt, was im Feuilleton unter dem Begriff „ernste Sujets“ firmiert. Ein Film wie etwa The Color Purple (1985) mag dabei – gemessen an Spielbergs eigenen hohen Qualitätsansprüchen – im Rückblick das eine oder andere Defizit aufweisen. Doch damit dokumentiert sich nicht nur Spielbergs Vielfältigkeit, was Themen und Genres angeht, sondern vor allem seine Bereitschaft, auch ungewohnte Pfade zu beschreiten. Kritische Stimmen zielten in erster Linie darauf ab, dass Spielberg zwar Charaktere in phantastischen Welten zweifellos perfekt in Szene zu setzen verstand, mit Emotionen vor einem realen Hintergrund jedoch nicht ganz so viel anfangen konnte. Dabei dürfte es sich allerdings um ein eher grundlegendes Missverständnis handeln. Spielbergs Filme – gleichgültig, ob es sich dabei um Genrearbeiten oder realistischere Sujets handelt – weisen tendenziell eher einen optimistischen
Grundton auf. Das erscheint in Verbindung mit den phantastischen Erzählungen E.T. oder Hook (1991) möglicherweise adäquater, hat jedoch nichts mit naiver Weltsicht oder gar Eskapismus zu tun. Denn Steven Spielberg glaubt – etwa im Gegensatz zum Kulturpessimisten David Fincher – auch angesichts grundsätzlich deprimierender Verhältnisse an die positiven Seiten der menschlichen Natur und streicht dies in seinen Filmen auch immer wieder hervor (The Terminal kann da etwa als Beispiel dienen). Das mag angesichts eines immer mehr um sich greifenden Zynismus durchaus Angriffsflächen bieten, doch es spiegelt vor allem sehr treffend Spielbergs liberal-humanistische Grundhaltungen wider.

Diskussionen um Steven Spielbergs Fähigkeit, reale Stoffe veritabel umzusetzen, wurden jedoch spätestens mit Schindler’s List (1993) obsolet. Auch wenn eine solche Festlegung angesichts der Vielzahl großartiger Filme, die Spielberg inszeniert hat, schwer fällt, erscheint es doch gerechtfertigt, die Verfilmung der Geschichte des deutschen Fabrikanten Oskar Schindler, der in der Zeit des Holocaust das Leben von mehr als 1200 Juden rettete, hervorzuheben. Stellvertretend für die große positive Resonanz zu Schindler’s List sei hier nur Billy Wilder – dessen Mutter ein Opfer des Holocaust war – zitiert: „Dieser Film, mein Gott, das ist kein Film, das ist ein Erlebnis. Ein Dokument der Wahrheit. Ich war danach so erschüttert, dass ich eine Stunde lang kein einziges Wort rauskriegen konnte … Schindlers Liste ist ein Meilenstein. Es gibt nur wenige Filme, die eine solche Wucht haben, dass es mich regelrecht aus dem Kinosessel katapultiert – so mitgenommen ist man, so aufgerüttelt, dass man aufspringen möchte. Ich kann in dieser Größenordnung nur drei Filme nennen: Panzerkreuzer Potemkin, Die Schlacht um Algier und Schindlers Liste.“ Völlig zu Recht erhielt Spielberg für Schindler’s List seinen ersten Regie-Oscar, neben zahlreichen anderen Auszeichnungen gewann der Film insgesamt sieben Oscars.

Mit zeitgeschichtlichen Themen konnte Spielberg auch weiterhin bei Kritik und Publikum voll punkten: Der während der Landung der Alliierten in der Normandie angesiedelte Kriegsfilm Saving Private Ryan (1998), dessen halbstündige Anfangssequenz aufgrund ihrer Intensität besonders im Gedächtnis bleibt, sicherte ihm den zweiten Regie-Oscar, mit dem brillanten Polit-Thriller Munich (2005) setzte sich Spielberg vor dem Hintergrund des Terroranschlags von 1972 auf die israelische Olympiamannschaft auf differenzierte Weise mit den komplexen Fragen um Recht und Rache auseinander. Durch den großen finanziellen Erfolg seiner Filme konnte sich Spielberg schon in einer frühen Phase seiner Karriere weitgehend künstlerische Autonomie verschaffen. Mit der bereits 1981 gegründeten Produktionsfirma Amblin Entertainment und als Mitbesitzer des Studios DreamWorks Pictures zählt Steven Spielberg, der neben seinen eigenen Filmen für Dutzende weitere Erfolgsproduktionen in verschiedenen Funktionen mitverantwortlich zeichnete, seit vielen Jahren zu den einflussreichsten Kräften Hollywoods. Dass es über ihn in all den Jahren weder Tratschgeschichten oder negative Schlagzeilen irgendwelcher Art gibt, lässt sich wohl darauf zurückführen, dass Spielberg trotz dieser einzigartigen Erfolgsbilanz nie verhaltensoriginell wurde, sondern einfach nur ein typisch Filmbesessener aus der Generation New Hollywood geblieben ist, der, wenn er nicht gerade an einem Projekt arbeitet, das freie Wochenende damit verbringt, sich Dutzende Filme anzusehen.

Auf Grund dieser offensichtlichen Filmbegeisterung ist Steven Spielberg bis heute einer der produktivsten Filmemacher des US-amerikanischen Kinos geblieben, eine Umtriebigkeit, die sich in einem ebenso umfangreichen wie vielschichtigen Gesamtwerk niederschlägt. Die Bandbreite reicht dabei vom future-noir-Thriller Minority Report bis zur klugen psychologischen Studie Catch Me If You Can, um nur zwei stellvertretend zu nennen. Und anhand seiner beiden aktuellen Regiearbeiten zeigt sich erneut die Stilsicherheit, mit der Spielberg höchst unterschiedliche Aspekte des Filmemachens beherrscht. In der unlängst angelaufenen Comic-Verfilmung The Adventures of Tintin setzt er vergleichsweise neue Techniken wie Performance Capture und 3D ein, um die Vorlage des belgischen Zeichners Hergé auf die Leinwand zu bringen. War Horse verspricht dagegen wieder großes Kino von klassischem Format. Im Mittelpunkt steht dabei ein junger Engländer namens Albert, dessen geliebtes Pferd beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs an die Armee verkauft wird und bei einer in Frankreich kämpfenden Kavallerieeinheit zum Einsatz kommt. Doch Albert kann sein Pferd nicht vergessen, und da er noch zu jung ist, um sich zum Militärdienst zu melden, bricht er auf eigene Faust mitten ins Kriegsgebiet auf, um seinen Gefährten heimzuholen. Weitere Produktionen, darunter das lang erwartete Biopic über Abraham Lincoln, sind in Arbeit. Der Filmemacher Steven Spielberg ist glücklicherweise noch lange nicht am Ende seiner Reise angekommen.

 

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