Steven Spielberg – „E.T.“

Dossier Steven Spielberg

Nostalgie des Staunens

| Roman Scheiber |

Von „E.T.“ zu „Paul“ und „Super 8“: Warum es Zeit wurde, das prototypische Spielberg-Science-Fiction-Kino der achtziger Jahre wiederzubeleben.

Ich habe nie daran gedacht, ein Remake davon zu machen“, sagt Steven Spielberg in der Einleitung zu einer 2002 erschienenen DVD-Edition von E.T. (1982). Zum zwanzigsten Geburtstag einer der durchschlagendsten Filmfreundschaften in der Geschichte des massenkompatiblen Films ließ die Produktionsfirma Universal den kleinen Elliot, der seinen extraterrestrischen Buddy vor sich im Korb trägt und von diesem im Gegenzug zum Abheben animiert wird, quer über ihr Logo radeln. Dieses Bild, das bekannteste des Films, ist ein einfacher Schattenriss, der für dessen Essenz stehen soll: Freundschaft als Abenteuer, als gegenseitige Befruchtung, das Fremde im Anderen verstehen lernen, mutig für den Freund einstehen, ihn aber auch gehen lassen, wenn er denn so arges Heimweh hat.

Er hatte also nie daran gedacht, ein Remake von E.T. zu machen, denn, so Spielberg in der besagten Einleitung: „Es ist ein zeitloser Film, der nichts von seinem Zauber eingebüßt hat“. Wer sich heute E.T. ansieht, muss nicht notwendig dieser Meinung sein. Wer freilich als Erwachsener den Film wieder mit den Augen des Kindes sieht, das er damals war, ist geneigt, in nostalgische Verklärung zu verfallen. Seine universale Botschaft transportierte E.T. mit einer originellen Idee (derer sich das Kino inzwischen variationsreich bedient): Mittels einer Art Tele-Empathie schloss er die Befindlichkeiten und Gefühle des knorrigen Kumpels aus dem All mit seinem menschlichen Hauptdarsteller kurz – nicht ohne vorher das Publikum via gemeinsames Staunen über die eher schreckhafte als Schrecken erregende Kreatur barrierefrei auf Identifikationskurs mit diesem zu schicken.

Meister der Massen-Enthusiasmierung

Mit seinem bis dahin persönlichsten Film habe Spielberg sich neu erfunden, meinten zeitgenössische Kritiker damals, und er sei nun bereit, „erwachsenes“ Kino zu machen (was er später bestätigte, indem er sich als Regisseur von The Color Purple, Empire of the Sun, Schindler’s List u.a. vermehrt auch ernsten Stoffen zuwandte). Gleichwohl bleibt E.T. in gewisser Weise auch seiner Zeit verhaftet, nicht unähnlich der ursprünglichen Star Wars-Trilogie von George Lucas (1977–1983), die mit einem vergleichbar simplen Kernthema (verkorkste Vater-Kind-Beziehung) und einem – wenngleich pompöseren – Zeitlosigkeits- und Universalitätsanspruch angetreten war. So, wie die gesamte Ausstattung von Star Wars heute lediglich vermittelt, was man sich in den achtziger Jahren unter Zeitlosigkeit vorstellen mochte, so vermittelt E.T. heute (bei aller Wärme, die er immer noch ausstrahlt) vor allem, mit welch offensiv sentimentaler Orchestermusik, mit welcher Detailverrücktheit und mit welch komischem Pathos man damals einen Kinderfilm als einen „Film für die ganze Familie“ auf die Reise schicken konnte. Beiden Titeln gemeinsam ist, dass sie dem Kino-Kosmos ein (zum großen Teil minderjähriges) Publikum von außerirdischer Dimension erschlossen, das sich nur zu gern von den jugendlichen Leinwandhelden und fantasievollen Kreaturen, von den emotional einfach gestrickten, immer auch mit Augenzwinkern erzählten Geschichten beeindrucken ließ.

Der naive „Spielberg-Wunderblick“ (der vorzugsweise aus der Perspektive von Kindern in ehrfurchtsvollen Kamera-Schwenks nach oben seine formale Entsprechung fand): Wenn man so will, greift er auf das frühe Kino der Attraktionen zurück, als Menschen im Kino Dinge sahen, die sie im Leben noch nicht gesehen hatten. Das Kino des Staunens prägte schon Spielbergs Welterfolg Close Encounters of the Third Kind (1977), und es schlug sich in einigen erfolgreichen Produktionen der Achtziger nieder, bei denen der Meister der Massen-Enthusiasmierung beteiligt war. Um die Achse des Horrors erweitert manifestiert es sich zum Beispiel in Poltergeist (1982, Regie: Tobe Hooper) oder auch in der Monsterkomödie Gremlins (1984, Regie: Joe Dante), die Spielberg koproduzierte bzw. „präsentierte“ – diesen in seiner ursprünglichen Version gar nicht so niedlichen Film kriegte man damals als 12-Jähriger im Kino zu sehen.

Sehnsucht nach Neufärbung der verblassenden Kindheitserfahrung

Die Kinder, die sich einst von Spielbergs Faible für das Magische anstecken ließen, sie sind längst erwachsen geworden, und sie konnten mit eigenen Augen erleben, wohin sich das Blockbuster-Kino seit seinen Anfängen mit Jaws oder den Sternenkriegern entwickelt hat. Zu einem toten Punkt nämlich, der durch keine Namen kenntlicher wird als Jerry Bruckheimer und Michael Bay, auf deren Fahnen das seelenlose Spektakel-Konzeptkino der Gegenwart in seiner reinsten Form geschrieben steht. Im dritten Teil des Transformers-Franchise (das Steven Spielberg freilich seit 2004 selbst mitproduziert hat) ist das letzte Handlungsgerippe einer atemlos aneinandergeklebten Reihe von CGI-Materialschlachten gewichen, in der die menschlichen Charaktere kaum eine andere Funktion zu erfüllen haben als ihre digitalen Spielfiguren (mit deren analogen Vorbildern so manche Knaben der Achtziger ihre handgreifliche Freude hatten) – und so wirken die Menschen selbst wie beliebige Roboter auf einem vollgeramschten Spielfeld. Das Staunen erschöpft sich spätestens nach einer Viertelstunde im 3D-Effektehagel.

Transformers verdeutlicht, was dem Spektakelkino heute fehlt, und befeuert zu einem guten Teil die Sehnsucht nach den herzerwärmenden Geschichten von damals. Diese Sehnsucht, noch mehr aber jene nach der neuerlichen Einfärbung der verblassenden kindlichen Film-Erfahrung, ist es, was die Triebkraft hinter einem Film wie Super 8 darstellt. J.J. Abrams, Erfinder der Kult-Mystery-Serie Lost und „Rebooter“ des Star Trek-Franchise im Kino, bezeichnet sich selbst ungeniert als den größten Fan von Steven Spielberg; mit Super 8 hat er nun einen Film gemacht, der über weite Strecken als hingebungsvolle Hommage an das Spielberg-Kino der Achtziger lesbar ist. Er spielt 1979 in einer amerikanischen Kleinstadt, die Protagonisten sind Pubertierende, die einen Zombie-Film im veralteten Super-8-Format zu produzieren versuchen. Beim Dreh werden die Kids Zeugen einer von Reihen-Explosionen gefolgten Entgleisung eines Güterzugs, die kurz darauf das Militär auf den Plan ruft.

Die zunehmende Expansion der Action-Sequenzen in der zweiten Hälfte des Films dürfte das Zugeständnis an die Marketingstrategen der Produktion sein (mithin an jene Geister, die Spielberg als Miterfinder des Blockbusters moderner Prägung gewissermaßen beschworen hat), doch Super 8 hat vieles, was einen typischen Spielberg um 1980 ausmacht: vom Einbruch des Übernatürlichen (in Form einer außerirdischen Lebensform) in ein Normalbürger-Idyll, von den Problemen der jugendlichen Helden mit ihren Vätern, von den im Zweifelsfall unlauteren Absichten der Ordnungsmacht bis hin zum sentimental-pathetischen Finale – selbstverständlich versehen mit ausgiebigen Zitaten des staunenden Spielberg-Wunderblicks. Und obwohl der Außerirdische in Super 8 den Eindruck macht, als könnte er einen wie E.T. zum Frühstück verputzen, will er wie dieser eigentlich nur heim.

Spielberg am Telefon

Ein Remake von E.T. zu machen, erscheint heute überflüssiger denn je. Längst haben Filmemacher, die heute um die vierzig Jahre alt sind, ihrer nostalgischen Verehrung des Spielberg-Kinos der Achtziger Tribut gezollt. „E.T. ist ja auch eine Art Mischung aus Ken Loach oder Mike Leigh und James Cameron“, sagte etwa der Londoner Regisseur Joe Cornish, befragt zur Alien-Invasion im Sozial-Silo der Ära Thatcher in seiner sehenswerten Retro-Sci-Fi-Komödie Attack the Block. Wie bei Super 8 kommt auch hier das humoristische Element nicht zu kurz, ersichtlich schon an der Teilnahme des britischen Film-Comedians Nick Frost, der gemeinsam mit Kumpel Simon Pegg das Drehbuch einer weiteren, Sci-Fi-Zitate-gesättigten Variation auf E.T. geschrieben hat, die heuer unsere Kinos erreicht hat: In Paul (Regie: Greg Mottola) treffen Frost und Pegg als veritable Science-Fiction-Geeks bei einem Besuch der legendären UFO-Sichtungsstätte Area 51 auf den rotzfrechen Titelhelden. Seit der Havarie seines Raumschiffes anno 1947 hatte Paul es sich ebendort recht behaglich eingerichtet, unter anderem als Berater der Regierung und, man höre und staune, in Telefonaten mit Steven Spielberg. Nun aber ist Paul auf der Flucht, und will – wie könnte es anders sein – nach Hause. So bekommt ein Dialog im Finale von E.T. noch einmal eine hübsche Note:
Elliott: OK, he’s a man from outer space and we’re taking him to his spaceship.
Greg: Well, can’t he just beam up?
Elliott: This is reality, Greg.

Super 8 ist ab Anfang Januar 2012 bei Paramount, Attack the Block ab Ende Februar 2012 bei Capelight und Paul bereits bei Universal auf DVD und Blu-ray erhältlich.

 

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