Hans Weingartners neue Arbeit „Die Summe meiner einzelnen Teile“ beschreibt die Flucht eines begabten jungen Mannes vor dem Alltäglichen. Was auf den ersten Blick wie eine kleine, sehr persönliche Geschichte aussieht, könnte politischer kaum sein.
Wer einmal im Sanitätswesen tätig war, weiß, dass Rettungsfahrer, sobald sie es mit einem Krankheitsbild zu tun haben, das nicht physischen Ursprungs ist, als Diagnose gern „Psychose“ vermerken. Verhält sich der Patient darüber hinaus auffällig – macht er also nicht widerspruchslos das, was man ihm aufträgt –, wird in Verkennung medizinischer Indikationen wie grammatikalischer Regeln der Zusatz „tobende“ ergänzt. Ganz so, als ob es die Psychose wäre, die da tobt. Die kleine Anekdote soll Aufschluss darüber geben, wie wenig sogar Leute, die von Berufs wegen involviert sind, über psychische Erkrankungen wissen. Regisseur Hans Weingartner, der vor seiner Tätigkeit als Filmemacher selbst Medizin studiert hat, gibt Nachhilfe. Rund zehn Jahre nach seinem Debütfilm Das weiße Rauschen (2000) widmet er sich mit Die Summe meiner einzelnen Teile nun bereits zum zweiten Mal der Geschichte eines an einer Psychose leidenden jungen Mannes.
War Das weiße Rauschen in seiner Direktheit schon eine fesselnde (und deutlich von Lars von Triers „Dogma 95“-Bewegung stilistisch beeinflusste) Arbeit, ist der grandios betitelte neue Film Weingartners noch eine Spur härter, näher an seinem Protagonisten und dessen psychischen Leiden gebaut. Dramaturgische Details scheinen Weingartner dabei kaum zu interessieren. Lange dauert es, bis der Film so etwas wie eine Fragestellung entwickelt. Davor sieht man dabei zu, wie ein hoch begabter Mathematiker – soeben aus einer Klinik entlassen – vergeblich versucht, an sein altes Leben anzuschließen. Job, Wohnung, soziale Kontakte: Alles geht verloren. An den Zwängen des Alltäglichen zerbrochen, entscheidet sich Martin (Peter Schneider, bekannt geworden durch den Sechsteiler Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende von Edgar Reitz) schließlich für ein Leben am wortwörtlichen Rand der Gesellschaft. Dort, in einem abgelegenen Waldstück, errichtet er sich eine kleine Hütte und schlägt sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen durch. Dabei wirkt er das erste Mal glücklich.
Dass man ihm dieses Glück auch abnimmt, ist eine der wesentlichen Leistungen des Films. Man spürt, dass Weingartner an seine Figuren glaubt, auch an jene eines russisch sprechenden Buben (Timur Massold), der plötzlich in Erscheinung tritt. Vielmehr noch aber scheint der aus Vorarlberg stammende Regisseur von den Ideen, die seine Geschichten inspirieren, überzeugt. Die Triebkraft hinter seinen Arbeiten, deutlicher festzumachen als bei den meisten Filmemacherinnen und Filmemachern seiner Generation, ist, die Dinge ein Stück zum Guten zu verändern – ob durch die Entführung eines Industriellen (Die fetten Jahre sind vorbei), durch die Abschaffung des kommerziellen Fernsehens (Free Rainer) oder mit alternativen Entwürfen des Zusammenlebens. (Sowohl in Das weiße Rauschen als auch in Die Summe meiner einzelnen Teile dient ein Hippie-Dorf in Portugal als Perspektive. Auch finden beide Filme ihr Schlussbild schließlich an der Atlantikküste.)
Es sind mitunter leicht antiquiert wirkende Lebensbereicherungs-Impulse, denen Weingartners Figuren nachgeben. Hinter der harten Inszenierung aus verwackelter Handkamera und sperrigen Schnitten steckt der unverrückbare Glaube an eine bessere Welt. Brüchig – und damit interessant – wird dieses Konzept freilich erst dadurch, dass Weingartners Charaktere nie eindimensional gezeichnete Spinner sind, sondern Menschen, die bereit sind, für ihre Ideen hohe Einsätze zu bringen. In letzter Konsequenz scheuen sie dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Ihr Scheitern ist oftmals fatal, bleibt für die Erzählungen aber weitgehend irrelevant. Subtext: Es ist egal, wenn du an der Verbesserung der Welt scheiterst, Hauptsache, du hast es versucht!
Die Summe meiner einzelnen Teile ist das Porträt eines Grenzgängers. Ganz nah an einer einzigen Person orientiert, sorgt die Inszenierung für ein hohes Maß an Identifikation und lässt die Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität verschwimmen. So lange, bis ein Selbstgespräche führender Mann, der sich für ein einsames Leben im Wald entscheidet, immer „normaler“ erscheint, die Attitüde seiner Therapeutin dagegen geeignet ist, tiefes Misstrauen hervorzurufen. Eines gelingt damit auf jeden Fall: Wir wissen nachher nicht unbedingt mehr über „tobende Psychosen“, spüren aber, dass uns verhaltensoriginelle Menschen möglicherweise viel näher sind, als wir das bislang für möglich gehalten hätten.
Rebel with a Cause
Der aus Vorarlberg stammende Regisseur Hans Weingartner im Kurzinterview über Anpassungsdruck, Morddrohungen und seinen neuen Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“
Nach der Mediensatire Free Rainer sind Sie mit dem neuen Film thematisch zu Ihrem Erstling Das weiße Rauschen zurückgekehrt. Wieder steht ein psychisch kranker Mann und sein Leidensweg im Mittelpunkt …
Hans Weingartner: … dabei wollte ich eigentlich einen Film über die Verlierer unserer Gesellschaft, über Hartz-IV–Empfänger drehen. Deshalb habe ich auch mehrere Wochen einen Gerichtsvollzieher dabei begleitet, wie er Menschen in Hellersdorf aus ihrer Wohnung schmeißt. Kein schönes Gefühl. Eines Tages war ich dann bei der Räumung der Wohnung eines jungen Mannes dabei, der ganz offensichtlich psychisch krank und extrem verwirrt war. Das hat mich wahnsinnig mitgenommen. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es mit diesem Menschen wohl weitergeht. Dadurch bin ich dann irgendwann auf Martin, den Hauptprotagonisten aus Die Summe meiner einzelnen Teile gekommen.
Der ja auch einen sozialen Abstieg erlebt und damit gar nicht so weit vom typischen Hartz-IV–Empfänger entfernt ist.
Hans Weingartner: Mir ging es bei der Geschichte von Martin aber weniger um dessen sozialen Abstieg als um die Tatsache, dass er nicht gesellschaftskompatibel ist und deshalb von der Gesellschaft ausgegrenzt und als verrückt bezeichnet wird. Dabei ist er vielleicht einfach nur anders als der Durchschnittsbürger.
Kann Anderssein nicht auch ein Wert in unserer auf Individualität bedachten Gesellschaft sein?
Hans Weingartner: Ja, aber nur in einem gewissen Rahmen. Es gibt einen starken Anpassungsdruck, gerade hier in Deutschland, wo alles, was aus der Masse herausragt, zurechtgestutzt wird, damit es wieder zum Gesamtbild passt.
Sie gelten als einer der wenigen dezidiert „politischen“ Filmemacher im deutschsprachigen Raum. Ist der Antrieb zum Filmemachen für Sie der Wunsch nach Veränderung?
Hans Weingartner: In jedem Fall. Ich will mit meinen Filmen mehr als unterhalten. Sie sollen auch etwas mit den Zuschauern anstellen, sie über sich und die Gesellschaft nachdenken lassen.
Wie sind Sie auf den Hauptdarsteller Peter Schneider gestoßen?
Hans Weingartner: Er ist mir in einer kleinen Rolle in Berlin Calling von Hannes Stöhr aufgefallen, wo er eine sehr eindringliche Szene als Psychiatriepatient hat. Mich persönlich hat diese Szene so sehr begeistert, dass ich ihn ganz spontan über das Internet kontaktiert habe. Als ich ein halbes Jahr später die Geschichte zu Die Summe meiner einzelnen Teile auf dem Tisch hatte, ist er mir sofort wieder eingefallen. An Peter begeistert mich nicht nur sein Können, sondern vor allem auch sein Gesicht. Denn ich finde, im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Schauspielern sieht er nicht nur einfach gut aus, sondern wirkt absolut authentisch und glaubwürdig.
Und Timur Massold, den Darsteller des kleinen Viktor, wie haben Sie ihn gefunden?
Hans Weingartner: Ganz klassisch über ein Casting. Wir haben uns 200 Kinder angeschaut und er war einfach mit Abstand der Beste. Das Tolle an Timur ist, dass er sich noch nicht selbst beobachtet, wodurch er absolut glaubwürdig wirkt. Leider verschwindet diese Gabe bei vielen Kinder mit dem Einsetzen der Pubertät, weil sie dann anfangen sich zu analysieren und zensurieren.
Für Ihren vorigen Film Free Rainer haben Sie viel, zum Teil auch sehr harsche Kritik einstecken müssen. Wie sehen Sie den Film jetzt mit etwas Abstand?
Hans Weingartner: Die Art und Weise, wie der Film damals zerstört wurde, war meiner Meinung absolut ungerechtfertigt. Das waren teilweise keine Kritiken mehr, sondern Morddrohungen. Ich persönlich halte Free Rainer immer noch für einen tollen, lebendigen Film, der voller Ideen steckt und eine originelle Grundgeschichte hat. Sicher, er ist populärer als meine anderen Filme, aber das war ja auch gewollt, um mit dem Film ein breiteres Publikum zu erreichen.
